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Der wissenschaftliche Kern der Anthroposophie

Wie die weltweite Verbreitung der anthroposophischen Bewegung zeigt, ĂŒberzeugt Anthroposophie durch ihre lebenspraktischen Anwendungen. Dennoch scheint die Anthroposophie selbst weniger Akzeptanz zu genießen und vor allem ihr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wird oft nicht verstanden. 2016 veröffentlichte Peter Heusser von der UniversitĂ€t Witten/Herdecke das Buch â€čAnthroposophie und Wissenschaft, eine EinfĂŒhrungâ€ș (1). Wir haben ihn gefragt, inwiefern die Anthroposophie nicht als religiöse Weltanschauung, als dogmatischer Glaube zu sehen ist, sondern als eine Wissenschaft unter den Wissenschaften.


Die Anthroposophie versteht sich als eine empirische Geisteswissenschaft, die Erkenntnisse ĂŒber die geistigen Bereiche der Wirklichkeit mit derselben Erkenntnissicherheit gewinnen und fĂŒr die praktischen LebensbedĂŒrfnisse fruchtbar machen möchte, wie das die Naturwissenschaft fĂŒr die materiellen Bereiche der Wirklichkeit mit großem Erfolg bereits seit mehreren Jahrhunderten tut. Anthroposophie ist somit eine jĂŒngere Schwester der Naturwissenschaft. Sie ist mit ihrer geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethodik schon von Denkern des 19. Jahrhunderts gefordert worden, so von Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) an den UniversitĂ€ten Basel und Bern und von Immanuel Hermann Fichte (1796–1879) an der UniversitĂ€t TĂŒbingen. Erkenntniswissenschaftlich begrĂŒndet, methodisch ausgearbeitet und bis in Einzelheiten erforscht wurde die Anthroposophie dann bekanntlich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert durch Rudolf Steiner. Daraus ist eine Vielzahl von erfolgreichen praktischen Anwendungsgebieten in Medizin, PĂ€dagogik, HeilpĂ€dagogik, Landwirtschaft, ErnĂ€hrung, Ökonomie, Architektur, Kunst und sozialer Praxis entstanden.

Die VerstÀrkung des Denkens

Die geisteswissenschaftliche Erkenntnismethodik der Anthroposophie beruht auf demselben empirischen Erkenntnisprinzip wie diejenige der Naturwissenschaft, das heißt auf systematischem Beobachten und Denken, aber angewendet auf ein anderes Wahrnehmungsgebiet. So wie sich das naturwissenschaftliche Erkennen auf sinnlich-materielle Tatsachen und Prozesse richtet, so richtet sich das geisteswissenschaftliche Erkennen auf nicht-sinnliche und immaterielle Tatsachen und Prozesse. Solche Tatsachen und Prozesse gibt es. So können schon die KrĂ€fte der Materie nicht mehr sinnlich wahrgenommen werden; ihre Existenz kann von der Naturwissenschaft immer nur aufgrund ihrer sinnlich wahrnehmbaren Wirkungen indirekt erschlossen werden. Ebenso kann man zeigen, dass das organismische Leben, ĂŒber das schon Pflanzen im Unterschied zu Maschinen verfĂŒgen, ferner das seelische Leben in Mensch und Tier und schließlich die geistigen FĂ€higkeiten des Menschen auf je eigenen, aber immateriellen KrĂ€ftewirksamkeiten beruhen. Auch diese KrĂ€fte können von der Naturwissenschaft indirekt erschlossen, aber nicht direkt wahrgenommen werden, ein Grund ĂŒbrigens fĂŒr ihre hĂ€ufige Ablehnung durch die materialistische Weltanschauung.

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Rudolf Steiner hat methodisch gezeigt, wie die Kraft des Denkens so verstĂ€rkt und ausgeweitet werden kann, dass sie in der Außenwelt ebenso lebendige geistige KrĂ€fte wahrzunehmen lernt, wie sie im gewöhnlichen Bewusstsein die wirkenden GesetzmĂ€ĂŸigkeiten dieser Außenwelt nur als lebens- und kraftlose, das heißt abstrakte geistige Ideen erfassen kann.

Aber diese Ablehnung ist unnötig und aus empirischen GrĂŒnden nicht korrekt. Denn der Mensch kennt die Existenz immaterieller KrĂ€fte sehr wohl, und zwar zunĂ€chst durch sein eigenes seelisch-geistiges Innenleben. Jedermann weiß, dass man zum Beispiel eine mathematische Aufgabe nur dadurch lösen kann, dass man seine Denkkraft betĂ€tigt. Das Denkkrafterlebnis ist ein sehr reales seelisch-geistiges Erlebnis. Es abzuleugnen und nur das materielle Gehirn als RealitĂ€t zu akzeptieren, ist wissenschaftlich völlig inkonsequent. Das Gehirn ist nur die notwendige körperliche Bedingung, aber nicht die Ursache fĂŒr das Denken. Das Denken erlebt man auch nicht draußen durch Sinnesorgane wie der Anatom das Gehirn, sondern durch seelisch-geistige Innenwahrnehmung. Diese Innenwahrnehmung ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Psychologie und Geistphilosophie, die es neben der Naturwissenschaft selbstverstĂ€ndlich auch gibt und die man deshalb mit Recht als Geisteswissenschaft bezeichnet. Aber diese Innenwahrnehmung kann gegenĂŒber dem gewöhnlichen Bewusstsein erweitert und die Geisteswissenschaft vertieft bzw. zur empirischen Geisteswissenschaft im Sinne der Anthroposophie ausgebildet werden. Rudolf Steiner hat methodisch gezeigt, wie die Kraft des Denkens durch systematische Übung allmĂ€hlich so verstĂ€rkt und ausgeweitet werden kann, dass sie in der Außenwelt ebenso lebendige geistige KrĂ€fte wahrzunehmen lernt, wie sie im gewöhnlichen Bewusstsein die wirkenden GesetzmĂ€ĂŸigkeiten dieser Außenwelt nur als lebens- und kraftlose, das heißt abstrakte geistige Ideen erfassen kann. Das durch Übung verstĂ€rkte Denken, und auf weiteren Stufen auch das durch Übung verstĂ€rkte FĂŒhlen und Wollen, wird so zum geistigen Organ fĂŒr eine direkte geistige Wahrnehmung und Erkenntnis der immateriellen KrĂ€fte, Prozesse und Wesen in Mensch, Natur und Kosmos, von denen die Anthroposophie spricht.

 


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Als Zerrbild kritisiert

Die Inhalte der Anthroposophie haben eine enorme Bedeutung fĂŒr die Lebenspraxis und das soziale Leben. Ein Beispiel dafĂŒr ist die Idee, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist, sondern dass sein physischer Körper mit seinen materiellen Stoffen und KrĂ€ften von drei weiteren Klassen von KrĂ€ften durchwirkt wird. Das sind die KrĂ€fte des Lebens, der Seele und des menschlichen Geistes. Deren geordnete oder ungeordnete Wechselwirkung mit den physischen KrĂ€ften des Körpers ist verantwortlich fĂŒr die Prozesse von Gesundheit und Krankheit und die normale oder pathologische leiblich-seelisch-geistige Entwicklung des Menschen. FĂŒr Medizin und PĂ€dagogik sind solche Erkenntnisse von erheblicher Bedeutung. Ein anderes Beispiel ist die Wirksamkeit von kosmischen, mit der Sonne, dem Mond und anderen Gestirnen zusammenhĂ€ngenden KrĂ€ften in den Lebensprozessen der Pflanzen, was zum Beispiel fĂŒr die Landwirtschaft von praktischer Relevanz ist. Die anthroposophische Medizin, die WaldorfpĂ€dagogik, die anthroposophische HeilpĂ€dagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft beruhen auf solchen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.

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Solange man nicht selbst ĂŒber die FĂ€higkeit geistigen Wahrnehmens verfĂŒgt, wird man verstĂ€ndlicherweise Zweifel daran hegen können, ob es eine solche Wahrnehmungs- und ErkenntnisfĂ€higkeit ĂŒberhaupt gibt und ob die Anthroposophie nicht bloß ein philosophisches Konstrukt sei.

Aber wie soll man sich zu solchen geisteswissenschaftlichen Ideen verhalten, von denen zudem auch heute noch die meisten auf Rudolf Steiner selbst zurĂŒckgehen? Solange man nicht selbst ĂŒber die FĂ€higkeit geistigen Wahrnehmens verfĂŒgt, wird man verstĂ€ndlicherweise Zweifel daran hegen können, ob es eine solche Wahrnehmungs- und ErkenntnisfĂ€higkeit ĂŒberhaupt gibt und ob die Anthroposophie nicht bloß ein philosophisches Konstrukt sei. Vertreter materialistischer und agnostizistischer Weltanschauungen lehnen zudem die Existenz immaterieller Prozesse und wesenhafter KrĂ€fte in Mensch, Natur und Kosmos a priori ab oder bestreiten wenigstens ihre Erkennbarkeit durch den Menschen. Dem anthroposophischen Menschen- und Weltbild wird auf solchen Voraussetzungen ein vernĂŒnftiger Bezug zur RealitĂ€t und ein wissenschaftlicher Wert oft abgesprochen; die Anthroposophie wird dann fĂŒr eine Art Glaube oder Dogma gehalten, kritisiert oder gar bekĂ€mpft, meist jedoch, ohne dass die entsprechenden Kritiker sich grĂŒndlich mit der Anthroposophie beschĂ€ftigt oder sich gar in ihre Wissenschaftsgrundlagen eingearbeitet hĂ€tten. Was dann kritisiert wird, ist oft gar nicht die Anthroposophie, sondern ein Zerrbild, das man sich vorher selbst von ihr gemacht hat. Andererseits gibt es auch immer wieder Vertreter der Anthroposophie, die sich unwissenschaftlich oder gar dogmatisch verhalten und weder die konventionelle Wissenschaft noch die Wissenschaftsbasis der Anthroposophie selbst zu wĂŒrdigen verstehen. Was bei solchen Auseinandersetzungen meist unberĂŒcksichtigt bleibt, ist, wie die Anthroposophie selbst ihre Wissenschaftlichkeit sieht, und vor allem, wie sie ihr VerhĂ€ltnis zur akademischen Wissenschaft versteht und praktiziert.

 


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Anregungen mĂŒssen empirisch ĂŒberprĂŒft werden

Dass die Anthroposophie als Geisteswissenschaft auf geistigem Beobachtungsgebiet nach demselben Prinzip des Erkennens vorgehen will wie die Naturwissenschaft auf sinnlich-materiellem Beobachtungsgebiet, wurde oben schon erwĂ€hnt. Und ebenso wurde geschildert, dass ihre Methode, zu geistiger Wahrnehmung zu gelangen, auf einer systematischen VerstĂ€rkung der gewöhnlichen Denkkraft beruht, also derjenigen Denkkraft, welche jeglicher Form von Wissenschaftlichkeit zugrunde liegt und liegen muss. Schon diese Grundlagen sind sehr oft unbekannt. Und ebenso wird selten berĂŒcksichtigt, dass die Anthroposophie fĂŒr ihre Erkenntnisresultate keinerlei Anerkennung verlangt, die auf einer Umgehung oder Missachtung der akademischen Wissenschaft beruhen wĂŒrde. Im Gegenteil: In den VortrĂ€gen ĂŒber Medizin, die Rudolf Steiner von 1920 bis 1924 auf Anfrage von Pharmazeuten, Ärzten und Medizinstudierenden gehalten hat und die die Hauptgrundlage fĂŒr die seither erfolgte Entwicklung der anthroposophisch erweiterten Medizin bilden, wiederholte Steiner immer wieder, dass er diese AusfĂŒhrungen als Anregungen verstehe, die gegenĂŒber der Wissenschaft zunĂ€chst keinen anderen Status als den von Hypothesen, Leitideen oder regulativen Prinzipien beanspruchen, die mit den in der Medizin ĂŒblichen anerkannten empirisch-wissenschaftlichen Methoden ausgearbeitet und verifiziert werden mĂŒssten:

«Es kann sich ja wirklich bei alledem, was fĂŒr Medizin und zum Beispiel auch fĂŒr Physiologie von anthroposophischer Geistesforschung herkommt, nur um Anregungen handeln, die dann empirisch weiterbearbeitet werden mĂŒssen. Erst auf der Grundlage dieser empirischen Weiterarbeit kann sich ĂŒber die Dinge, um die es sich handelt, ein gĂŒltiges, ĂŒberzeugendes Urteil bilden, ein Urteil von der Art, wie man es auf therapeutischem Gebiete braucht.» (2) Oder: «Ich wollte das im Prinzip anfĂŒhren, damit Sie sehen, wie auf einer Ratio diese Dinge beruhen, aber die Ratio soll nur regulatives Prinzip sein. Sie werden sehen, dass dasjenige, was durch diese regulativen Prinzipien behauptet wird, verifiziert werden kann auf die Weise, wie ĂŒberhaupt solche TatbestĂ€nde nach den Gewohnheiten der heutigen Medizin verifiziert werden. Wir wollen auch gar keinen Anspruch darauf erheben, dass diese Dinge irgendwie als Behauptung hingenommen werden sollen, bevor die Verifizierung da ist.» (3)

Heute nennt man das hier von Steiner selbst geltend gemachte Prinzip der naturwissenschaftlichen ÜberprĂŒfung geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse das Prinzip der â€čevidenzbasierten Medizinâ€ș. Damit ist fĂŒr das Gebiet der Medizin gezeigt, dass die anthroposophischen Konzepte dasselbe VerhĂ€ltnis zur akademischen Wissenschaft haben wie die Konzepte und Hypothesen aus allen anderen Wissensbereichen: Sie haben sich der empirischen Forschung zu stellen. Das gilt selbstredend nicht nur fĂŒr die anthroposophische Medizin und ihre Therapien, sondern ebenso fĂŒr die Grundlagen der anthroposophischen PĂ€dagogik, Landwirtschaft usw. Die Aufforderung zu einer wissenschaftlichen ÜberprĂŒfung anthroposophischer Konzepte durch die anerkannten Wissenschaftsmethoden hat Steiner zudem nicht erst bei der Inauguration dieser lebenspraktischen Anwendungsgebiete der Anthroposophie in den letzten Jahren seines Lebens ausgesprochen, sondern bekanntlich schon in der â€čGeheimwissenschaft im Umrissâ€ș von 19104, seiner ersten und gleichzeitig umfassendsten Schrift zum anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen VerstĂ€ndnis von Erde, Mensch und Kosmos. Auch die geisteswissenschaftliche ÜberprĂŒfung von Steiners Angaben kann und muss auf empirische Weise, durch eigene geistige Arbeit und innere Beobachtung, geschehen. Dass das prinzipiell möglich ist, kann man bereits bei den ersten Schritten des geistigen Schulungswegs sehen, so wie er zum Beispiel in der â€čPhilosophie der Freiheitâ€ș (5) und in â€čWie erlangt man Erkenntnisse des höheren Welten?â€ș (6) beschrieben ist.

Stand der anerkannten Forschung

Die wissenschaftliche ÜberprĂŒfung anthroposophischer Konzepte durch die empirischen Forschungsmethoden der anerkannten Wissenschaft hat denn auch dazu gefĂŒhrt, dass ca. seit der Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr anthroposophisch orientierte Forscher an UniversitĂ€ten tĂ€tig geworden sind, ein Trend, der â€“ unterstĂŒtzt durch Volksinitiativen und Fördergelder von Stiftungen und anthroposophischen Firmen â€“ in den letzten 25 Jahren stark zugenommen hat, mit der Folge, dass zum Beispiel in der Medizin eine ganze Reihe von jungen Forschern mit anthroposophisch-wissenschaftlichen Themen habilitiert und an mehreren UniversitĂ€ten Professuren fĂŒr anthroposophisch-medizinische Forschung und Lehre eingerichtet worden sind, so in Witten/Herdecke, Berlin und Freiburg (Deutschland), Bern (Schweiz), Leiden (Holland) und Ann Arbor (Michigan, USA).

Am weitesten vorangeschritten ist die empirische ÜberprĂŒfung anthroposophischer Konzepte durch allgemein anerkannte Wissenschaftsmethoden in der Medizin. Zahlreiche anthroposophische Leitideen können heute aufgrund von Forschungsprojekten, Dissertationen und wissenschaftlichen Publikationen als belegt bzw. als völlig kompatibel mit den naturwissenschaftlichen und psychologischen Fakten gelten, so etwa die Viergliederung des Menschen nach Körper (physischer Leib), Leben (Ätherleib), Seele (Astralleib) und Geist (Ich) (7); die funktionelle Dreigliederung des Gesamtorganismus in Nerven-Sinnes-System, rhythmisches System und Kreislaufsystem (8); die Sinneslehre Rudolf Steiners, insbesondere mit den erstmals von Steiner beschriebenen Sinnen fĂŒr die soziale Perzeption: Sprachsinn (9), Gedankensinn (10) und Ich-Sinn (11); die Aussage Steiners, dass das Seelisch-Geistige nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Organismus seine leibliche Grundlage habe und dass das Bewusstsein auf Abbau, nicht auf Aufbau beruhe (12); die Herz- und Kreislauflehre Steiners (die primĂ€re Eigenbewegung des Blutes, die organismische, nicht pumpenartig zu denkende Herzfunktion) (13); die Milz als rhythmisch-regulatorisches Organ bei der Nahrungsaufnahme (14); der funktionelle Zusammenhang von Darm (Bakterienbesiedlung) und Gehirn (Denken) (15). Ferner sind eine Reihe der erstmals von Steiner und spĂ€ter von anthroposophischen Ärzten fĂŒr die Therapie vorgeschlagenen Heilmittel aus dem Mineral- und Pflanzenbereich sowohl klinisch wie auch durch Laborexperimente im Sinne der geisteswissenschaftlich vorausgesagten Wirksamkeit naturwissenschaftlich bestĂ€tigt worden, so zum Beispiel die Mistel bei Tumoren (16), Antimon bei Blutstillung (17), Quitte/Zitrone bei Heuschnupfen (18), Birkenrinde bei Hautkrankheiten (19), SchlĂŒsselblume/Bilsenkraut/Eselsdistel bei Herzfunktionsstörungen (20), Keimzumpe (Bryophyllum) zur Wehenhemmung (20), ferner generell die Wirksamkeit potenzierter Substanzen, auch völlig unabhĂ€ngig von dem von Kritikern immer ins Feld gefĂŒhrten Placeboeffekt beim Menschen (22). Gewiss ist vieles noch nicht entwickelt und nachgewiesen, aber das ist angesichts der im Vergleich zur konventionellen Medizin immer noch sehr kleinen personellen, finanziellen und institutionellen Ressourcen der anthroposophischen Medizin nicht anders zu erwarten. In der Schweiz hat der in einer nationalen Evaluation ĂŒberprĂŒfte wissenschaftliche Stand der anthroposophischen Medizin zu ihrer Aufnahme in die obligatorische Grundversicherung gefĂŒhrt. Die anthroposophischen SpitĂ€ler sind in Deutschland und der Schweiz Teil der öffentlichen Spitalplanung und offiziell anerkannte AusbildungsstĂ€tten fĂŒr die nationalen Facharztausbildungsprogramme. Denn entsprechend ihrem Grundkonzept ist anthroposophische Medizin eben keine Alternativmedizin, sondern geisteswissenschaftlich erweiterte naturwissenschaftliche Medizin.

 


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Die Hochschule fĂŒr anthroposophische Geisteswissenschaft

Die von Rudolf Steiner inaugurierte Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft hat das Ziel der Forschung auf geistigem Feld im oben genannten Sinn; sie ist deshalb keine Konkurrenz oder kein Ersatz zur konventionellen Hochschule, sondern ergĂ€nzt deren Zielsetzungen nach der geistigen Seite hin. Allerdings ist diese Hochschule gegliedert in Fachsektionen (zum Beispiel medizinische, pĂ€dagogische, landwirtschaftliche, naturwissenschaftliche, mathematisch-astronomische Sektion usw.); und deren Aufgabe ist dann auch die Verbindung der geisteswissenschaftlichen mit den naturwissenschaftlichen Perspektiven in Forschung, Lehre und Praxis. Von einem reprĂ€sentativen anthroposophischen Wissenschaftler auf einem konkreten Lebensfeld wie der Medizin darf deshalb erwartet werden, dass er sowohl ein ausgewiesener Wissenschaftler in Sinn der UniversitĂ€tswissenschaft ist wie auch ein aktiv nach Erkenntnis strebender Mensch ist im Sinne des anthroposophischen Erkenntniswegs und der Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft. Aber auch von einem forschenden ReprĂ€sentanten der Anthroposophie ohne akademischen Hintergrund darf erwartet werden, dass er oder sie sich auf dem entsprechenden Fachgebiet und in der Anthroposophie durch objektives Wahrnehmen und Denken so verhĂ€lt, wie das fĂŒr die Wissenschaft notwendig ist. Forschung auf geistigem Feld bedeutet dann sowohl die sukzessive Ausbildung einer empirisch-geisteswissenschaftlichen ForschungskapazitĂ€t wie auch die systematische Rezeption geisteswissenschaftlicher Forschungsresultate und deren empirische Ausarbeitung und ÜberprĂŒfung durch naturwissenschaftliche, psychologische oder weitere konventionell-wissenschaftliche Methoden in den spezifischen Fachsektionen. So hat Rudolf Steiner zum Beispiel die Aufgabe der Medizinischen Sektion fĂŒr die Ausbildung des anthroposophisch-medizinischen â€čSystemsâ€ș selbst charakterisiert (23), im vollen Bewusstsein, dass das ein ĂŒber Generationen dauernder Prozess sein wĂŒrde. (24)

Die erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie

Dazu gehört auch â€“ und das wird leider noch viel zu wenig berĂŒcksichtigt â€“ eine FĂ€higkeitsausbildung in den erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie. Denn diese bilden gleichzeitig die Basis der anthroposophischen Wissenschaftsmethode wie auch die Basis einer streng an Wahrnehmung und Denken orientierten Naturwissenschaft, auch im Sinne Goethes. Rudolf Steiner selbst hat deswegen vom anthroposophischen Wissenschaftler erwartet, dass er sich geistig an der â€čPhilosophie der Freiheitâ€ș schule (25). Durch ein auf dieser Grundlage geschultes Beobachten und Denken können die materialistischen Modellvorstellungen, mit denen die akademische Wissenschaft ihre naturwissenschaftlichen Fakten auch heute noch interpretiert (was völlig unnötig ist), allmĂ€hlich ĂŒberwunden und eine neue, menschen- und geistgemĂ€ĂŸe wissenschaftliche Gesamtsicht von Mensch, Natur und Kosmos entwickelt werden. Diese kann dann den Boden abgeben fĂŒr einen sukzessiven Ausgleich der vielen SchĂ€den, die durch die einseitig materialistische Weltanschauung und die aus ihr folgende Gesinnung in der modernen Zivilisation und in der Natur entstanden sind.


Bilder: Jasmina Bogdanovic, Farbansichten, Tempera auf handgeschöpftem Papier, ca. 56 x 76 cm, 2011

(1) Peter Heusser, Anthroposophie und Wissenschaft. Eine EinfĂŒhrung, Verlag am Goetheanum, Dornach 2016

(2) Rudolf Steiner, Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft, GA 314, Vortrag vom 26. Oktober 1922

(3) Ebd., Vortrag vom 27. Oktober 1922

(4) Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13

(5) Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4

(6) Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10

(7) Heusser P: Anthroposophy and Science. An introduction. Peter Lang Edition,  Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York Oxford 2016. LINK

(8) Rohen JW, LĂŒtjen-Drecoll E: Funktionelle Anatomie des Menschen: Lehrbuch der makroskopischen Anatomie nach funktionellen Gesichtspunkten. 11. Aufl. Schattauer, Stuttgart 2005.

(9) Lutzker P. Der Sprachsinn. Sprachwahrnehmung als Sinnesvorgang. 2. Aufl. Freies Geistesleben, Stuttgart 2017

(10) Peveling M: Der Gedankensinn bei Rudolf Steiner: Eine diskursive Betrachtung aus phĂ€nomenologischer, neurobiologischer und sinnesorganologischer Perspektive. Diss. UniversitĂ€t Witten/Herdecke 2019.

(11) Reinhardt S: Über die Rolle der Perzeption in der sozialen Kognition beim hochfunktionalen Autismus aus der Perspektive der Theory of mind, der PhĂ€nomenologie und des Ich-Sinns bei Rudolf Steiner. Diss UniversitĂ€t Witten/Herdecke, laufend.

(12) Weinzirl J, Lutzker P, Heusser P (Hrsg.). Bedeutung und GefĂ€hrdung der Sinne im digitalen Zeitalter. Königshausen und Neumann, WĂŒrzburg 2017

(13) Furst B. The Heart and Circulation: An Integrative Model. 2. Aufl. Springer, London 2019. https://www.springer.com/de/book/9781447152767

(14) Garnitschnig L, Weinzirl J, Andrae L, Scheffers T, Ostermann T, Heusser P. Postprandial Dynamics of Splenic Volume in Healthy Volunteers. Physiological Reports 2019. DOI:10.14814/phy2.14319 https://physoc.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.14814/phy2.14319

(15) Stallmach A,  Vehreschild MJGT (Hrsg): Mikrobiom: Wissensstand und Perspektiven. De Gruyter, Berlin, Boston 2016 https://doi.org/10.1016/S0415-6412(17)30097-8
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0415641217300978?via%3Dihub

(16) Kienle G, Kiene H. Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Schattauer, Stuttgart 2003; https://www.zvab.com/Mistel-Onkologie-Fakten-konzeptionelle-Grundlagen-Gebundene/8347173022/bd
Ferner: www.mistel-therapie.de

(17) Heusser P, Berger S, Stutz M, HĂŒsler A, Haeberli A, Wolf U: Efficacy of homeopathically potentized antimony on blood coagulation. A randomized placebo controlled crossover trial. Forschende  KomplementĂ€rmedizin 2009; 16(1): 14-8
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19295225

(18) Baars EW, De Bruin A. The effect of Gencydo injections on hayfever symptoms: a therapeutic causality report. Journal for Alterntative and Complementary Medicine 2005 11(5):863-869
https://europepmc.org/article/med/16296919

(19) Ebeling S, Naumann K, Pollok S, Wardecki T, Vidal-y-Sy S, Nascimento JM, et al. From a Traditional Medicinal Plant to a Rational Drug: Understanding the Clinically Proven Wound Healing Efficacy of Birch Bark Extract. PLoS ONE 2014; 9(1): e86147
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24465925

(20) Cysarz D, Heckmann C. KĂŒmmel C. Wirkung von CardiodoronÂź auf die kardiorespiratorische Koordination – ein LiteraturĂŒberblick. Forschende KomplementĂ€rmedizin / Research in Complementary Medicine 2002; 9(5):292-297
https://www.researchgate.net/publication/246373382_Wirkung_von_CardiodoronR_auf_die_kardiorespiratorische_Koordination_-_ein_Literaturuberblick

(21) FĂŒrer K, SimĂ”es-WĂŒst AP, von Mandach U, Hamburger M, Potterat O. Bryophyllum pinnatum and related species used in anthroposophic medicine: Constituents, pharmacological activities, and clinical efficacy. Planta Med 2016; 82(11/12): 930-941
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27220081

(22) Doesburg P, Andersen JO, Scherr C, Baumgartner S. Empirical investigation of preparations produced according to the European Pharmacopoeia monograph 1038. European Journal of Pharmaceutical Sciences 137 (2019) 104987
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0928098719302507

(23) Rudolf Steiner, Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst, GA 316, Vortrag vom 5. Januar 1924

(24) Rudolf Steiner, Das Initiaten-Bewusstsein, GA 243, Vortrag vom 21. August 1924

(25) Rudolf Steiner, Grenzen der Naturerkenntnis, GA 322, Vortrag vom 3. Oktober 1922

WeiterfĂŒhrende Literatur

Rudolf Steiner â€“ Seine Bedeutung fĂŒr Wissenschaft und Leben heute, P. Heusser, J. Weinzirl (Hrsg.), Schattauer Verlag, 2013

Anthroposophie und Hochschule
Geisteswissenschaftliche Perspektiven von Forschung, Studium und Ausbildung, T. Tzdrazil, P. Selg (Hg.), Verlag des Ita-Wegman-Instituts, 2017

Goetheanum â€“ Freie Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft. Geschichte und Forschung der Sektionen, C. Haid, C. Kaliks, S. Zimmermann (Hrsg.), Verlag am Goetheanum, 2018

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