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Der Schrecken von Chemnitz

Zu den fremdenfeindlichen Demonstrationen und Angriffen in Chemnitz im August und September EindrĂŒcke und Gedanken von Gabriele Panzer, Lehrerin, und Roberto Pietsch, Lehrer an der Chemnitzer Waldorfschule.


Ein Übungsfeld fĂŒr alle

Wie erlebst du die Stimmung und Lage?

Gabriele Panzer Vor wenigen Wochen ist mit den massiven und agressiven Auftritten rechter KrĂ€fte die Stadt in eine Schockstarre versetzt worden. In einer so hemmungslosen Weise hatten sich Wut und Hass hier noch nicht gezeigt. Viele Menschen sind betroffen und verunsichert, weil sie sich in ihrem Lebensalltag gestört fĂŒhlen. Sollte man sich jetzt nicht positionieren? Ich glaube, dass es vielen Leuten schwerfĂ€llt, hier aktiv etwas zu tun, sodass vor allem junge Menschen und bereits bestehende zivilgesellschaftliche Strukturen wahrgenommen werden können, was auch als Polarisation rechts/links erlebt werden kann. Daher finde ich es auch gut, dass es eigenstĂ€ndige Veranstaltungen mit einem klaren Motto fĂŒr ein respektvolles Miteinander gab â€“ wie das Sinfoniekonzert am 7. September.

Was hat dich besonders erschĂŒttert?

Mich haben die zĂŒgellose Wut und der Hass von vielen Teilnehmern der rechten AufmĂ€rsche fassungslos gemacht. Ich hatte selbst das BedĂŒrfnis, ein Zeichen gegen dieses Geschehen zu setzen, und dazu scheinen mir viel zu wenige Menschen bereit zu sein. Diese bequeme Haltung macht mich traurig.

Was bedeuten diese Ereignisse in unmittelbarer NĂ€he fĂŒr gesellschaftlich engagierte Menschen?

Ich möchte gern etwas tun, um die Konfrontation ein wenig zu lösen, merke aber, dass es dazu viele Menschen mit guten Gedanken braucht, die sich dafĂŒr starkmachen. Diese zu vernetzen, ist wohl eine wichtige Aufgabe â€“ besonders auch fĂŒr mich selbst, da ich nicht so der kommunikative Typ bin. Ich denke, dass jeder im unmittelbaren Umfeld etwas tun kann. Mir scheint das Geschehene ein Aufwachmoment fĂŒr mehr zivilgesellschaftliches Engagement zu sein. Dabei können ganz neue Wege des Miteinanders entstehen.

Was muss jetzt in Chemnitz geschehen?

Einerseits ein klares Nein zum immer extremer auftretenden rechten Gedankengut â€“ sowohl von den Menschen als auch vonseiten der Politik. Die Unzufriedenheit vieler Leute muss untersucht werden. Sie speist sich ja aus sozialen Spannungen, die verĂ€ndert werden mĂŒssen. Auch GesprĂ€che sind wichtig â€“ selbst wenn sie kontrĂ€re Haltungen widerspiegeln. Die Bereitschaft, das GegenĂŒber verstehen zu wollen, ist ein Übungsfeld fĂŒr alle. Kulturell sehe ich viele Möglichkeiten, ĂŒber unsere Gesellschaft nachzudenken, in der das respektvolle Miteinander noch viel stĂ€rker entwickelt werden muss. Das wird gelingen, wenn sich die Menschen verstanden fĂŒhlen und in ihrem umfassenden Menschsein angesprochen werden. Das aber ist ein langer Prozess!


Hören und sich Gehör verschaffen

Eine kollektive Stimmung in Chemnitz kann man als Einzelner kaum wahrnehmen. In meinem sozialen Kreis, in Schule, Kollegium, bei den Eltern ist die ErschĂŒtterung ĂŒber die Geschehnisse die hĂ€ufigste Spontanreaktion gewesen. Fassungslosigkeit und Sorge begleiteten die ersten Tage.

Nun geht man hier wieder seinem gewohnten Alltag nach. Dennoch hat sich etwas tiefgreifend verĂ€ndert! Bei mir persönlich ist es ein unterschwelliges Unbehagen, manchmal ein UnsicherheitsgefĂŒhl, manchmal auch Misstrauen gegenĂŒber fremden deutschen MitbĂŒrgern. Das gewohnte SicherheitsgefĂŒhl bröckelt. Beim Einkaufen schaue ich genau hin, wer mir begegnet, lausche, was Menschen sich erzĂ€hlen. Ich stelle mir selbst die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Obwohl es ja um diese Frage gar nicht gehen sollte. Vielmehr sollte es darum gehen, die Sorgen aller zu hören, sie ernst zu nehmen. Auch meine Sorgen! Meine Sorge ist, das die Meister der Hetze, die Seelenfresser noch mehr Aufwind bekommen, dass sich wieder BĂŒrger der Mittelschicht neben Neonazis und gewaltbereite Hooligans stellen und dass Chemnitz nicht mehr zu mir gehört.

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Wir mĂŒssen uns als einzelne Menschen erkennen, nicht als Probleme oder Pauschalisierungen.

Die Reaktionen auf den Tod des jungen Chemnitzers sind nicht einfach so zu erklĂ€ren und mit Gegendemonstrationen zu bekĂ€mpfen. Hier haben Neonazis aus dem Osten Deutschlands ihr Netzwerk aktiviert. Das ĂŒberrascht nicht! Dass die AFD im Osten so erfolgreich ist, dass gut gestellte BĂŒrger auf das rechte Rad aufspringen, dagegen schon. Mir erscheint es kompliziert, auch wenn ich Ursachen erahnen kann. Kaum jemand, der auf die Straße geht und «LĂŒgenpresse» skandiert, hat echte finanzielle Not zu erleiden. Die meisten Menschen hier haben einen guten Broterwerb, die Löhne gleichen sich an. Die KriminalitĂ€t ist vielerorts niedriger denn je. Was also fĂŒhrt zu solcher Angst, zu solchem Zorn. Was macht die Menschen so leer? Welche Rolle spielt der Sozialismus der ddr und damit der RĂŒckzug der Kirche dabei? 1989 hat der Materialismus ein Regime abgelöst. Sinnstiftend war er sicher nicht dauerhaft. Was fehlt den Menschen hier?

WaldorfpĂ€dagogik ist noch ein kleiner, wenn auch anwachsender Lichtschein in der ostdeutschen Gesellschaft. Mit PolaritĂ€ten wie rechts und links kommt man nicht mehr weit. Neonazis und Gewaltbereiten kann man sich nur mit Courage und Engagement entgegenstellen. Auch der Rechtsstaat ist gefragt. Schwieriger finde ich den Dialog mit sogenannten â€čbesorgtenâ€ș BĂŒrgern. Aber nur ein Dialog, ein Hören und Sich-Gehör-Verschaffen kann einer weiteren gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken. Wir mĂŒssen uns als einzelne Menschen erkennen, nicht als Probleme oder Pauschalisierungen. Es gibt weder den Typus FlĂŒchtling noch den Typus afd-WĂ€hler, es gibt nur Menschen mit Geschichten. Es gibt auch keine einfachen Lösungen, weder fĂŒr Chemnitz noch fĂŒr die neuen BundeslĂ€nder. Begegnung und GesprĂ€ch können ein SchlĂŒssel zu mehr Menschlichkeit sein.

Roberto Pietsch


Zum Bild: Welch ein Gegensatz: vor der gewaltigen 13m hohen MarxbĂŒste und dahinter den Zeilen an der HĂ€userwand in vier Sprachen â€čProletarier aller LĂ€nder vereinigt Euchâ€ș finden die fremdenfeindlichen AufmĂ€rsche statt. Foto Chemnitz – Marx Monument, 1971, von motograf, eingeweihtes Karl Marx Monument von Lew Kerbe

Korrigendum (9.11.2018): Nicht Johannes Panzer, OberstufenschĂŒler, sondern seine Mutter Gabriele Panzer, Lehrerin an Chemnitzer Waldorfschule, schrieb den ersten Text. Dies wurde oben angepasst.

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