Der Erste wird der Letzte sein

Ein Quantenphysiker kommentierte seinen Vortrag mit den Worten: «Ich werde Ihnen Dinge erzĂ€hlen, die Sie verstehen und die ich verstehe. Ich werde Ihnen Dinge erzĂ€hlen, die Sie nicht verstehen, aber ich verstehe. Und es kommen schließlich Dinge zur Sprache, die Sie nicht verstehen und ich auch nicht verstehe.»


Nicht viel anders geht es mir, denn ich schaue auf die Evolution des Menschen aus der Außenperspektive und aus einer Innenperspektive. Ich beginne mit einer Skizze zu Charles Darwin, dem BegrĂŒnder der Evolutionstheorie. Wenn ich von Darwin spreche, meine ich die â€čSynthetische Theorieâ€ș, die in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts formuliert wurde. Sie zielte darauf, alle Fachdisziplinen, von der Anatomie ĂŒber die Neurologie bis zur Immunologie und insbesondere zur Genetik, einzubeziehen.

Wolken, festgehalten von Tim Reckmann, CC BY 2.0

Charles Darwin

Darwin gab das Medizinstudium auf, weil er nicht Leichen sezieren konnte. Er war ein Naturliebhaber und genauer Beobachter und bekam die Gelegenheit, fĂŒnf Jahre auf der Beagle zu verbringen, einem Vermessungsboot der Königlichen Marine, das beauftragt war, die KĂŒstenlinien aller britischen Kolonien zu vermessen. Als das Schiff an der chilenischen SteilkĂŒste vor Anker ging, beobachtete Darwin in den Schichten des Sediments unterschiedliche fossile Muscheln. Er verstand viel von Geologie und wusste, dass die unterste Schicht die Ă€lteste und die oberste die jĂŒngste ist. So entdeckte er beim Aufstieg den Wandel der Muscheln und anderer Schalentiere. Auf den Galapagos-Inseln bemerkte er auf den verschiedenen Inseln geringe Unterschiede bei verwandten Vogel- und Pflanzenarten. Er kam zum Schluss, dass wenige Vögel vom sĂŒdamerikanischen Festland auf den Inseln angekommen waren, sich verteilten und im Laufe der Zeit ihre Gestalt verĂ€ndert haben mussten â€“ wie ist das möglich? Eines der BĂŒcher, das er in den freien Stunden an Bord las, war eine Publikation des englischen Ökonomen Malthus. Dieser spekulierte darin ĂŒber das Bevölkerungswachstum, mit dem die Nahrungsmittelproduktion nicht Schritt halten wĂŒrde. Nach Malthus schien ein Kampf ums Überleben unausweichlich. Es kĂ€me zu einer Auswahl der am besten Angepassten, der cleversten Menschen. Diese Spekulation lieferte das zweite Standbein der darwinistischen Evolutionstheorie: Neben der zufĂ€lligen Variation, dem einen Prinzip des Lebens, das Formenvielfalt hervorbringt, wĂŒrden stets die bestangepassten Formen heraussortiert werden: Variation und Selektion.

Diese Entdeckung und Formulierung der Theorie ist an Darwin nicht spurlos vorbeigegangen. Er schildert in seiner Biografie, wie er zuvor im sĂŒdamerikanischen Urwald unterwegs war und von Staunen, Bewunderung, Verehrung ergriffen war ob dieser Schönheit, Weisheit und KomplexitĂ€t des Lebens. «Nachdem ich meine Theorie formuliert hatte, kam ich mir vor wie ein Farbenblinder. Die Schönheit, das Staunen, die Ehrfurcht waren weg!», schreibt er. Und weiter: «Auch eine noch so große Zahl von Menschen, die Farben sehen, könnten mich heute nicht ĂŒberzeugen, dass es Farben gibt.» Er hat mit seiner Theorie diese Ehrfurcht vor der Schöpfung, vor der Schönheit dieser ökologischen Weisheit verloren. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu werden, dass Gedanken innere Stimmungen formen. Als Darwin 1859 â€čÜber die Entstehung der Artenâ€ș publizierte, war er nicht der Einzige, der auch darĂŒber nachdachte, wie wir Menschen auf die Erde gekommen sind. Bereits Herder, so schreibt Goethe, habe sich ĂŒberlegt, ob der Mensch vom Affen abstammen könnte.

ATLAS-Experiment am CERN bei Genf in der Schweiz; Foto: CERN, CC BY 4.0

Zwölf Jahre spĂ€ter hat Darwin sein Buch ĂŒber die Abstammung des Menschen herausgegeben und gewusst, dass seine Theorie uns Menschen vom Thron der Schöpfung stĂ¶ĂŸt. Wir Menschen sind ein Zufallsprodukt, das nicht anders als die Spitzmaus im Laufe der Evolution per Zufall entstanden ist. Das Buch â€čDie Abstammung des Menschenâ€ș hat tatsĂ€chlich unglaubliche Kontroversen ausgelöst. Es war damals ein Sakrileg, Gott als Schöpfer der Menschen vom Thron zu stoßen. Die Evolution des Menschen fĂŒhrt dazu, ihn gleich wie jede Pflanze und jedes Tier als Produkt der zufĂ€lligen VerĂ€nderung und anschließender Selektion zu betrachten. Darwins Theorie wurde eindrucksvoll durch genetische Analysen im 20. Jahrhundert ĂŒber die Verwandtschaft der Primaten, also der Menschenaffen, und des Menschen bestĂ€tigt. Es zeigte sich, dass zum Beispiel die genetische Ähnlichkeit von Schimpanse und Mensch zwischen 96 und 98,8 Prozent liegt. Es wĂ€re absurd, zu sagen, der Mensch stehe nicht in dieser Linie der Affen. Die Frage ist jedoch, ob die Geschichte der Menschwerdung nicht auch anders erzĂ€hlt werden kann.

Die Ă€ltesten BĂ€ume der Welt (4000–5000 Jahre) Bristlecone-Kiefern, im Inyo National Forest, Kalifornien, USA. Foto: Forest Service, USDA

Was uns vom Tier unterscheidet

Louis Bolk hat als Embryologe untersucht, worin sich Tier und Mensch unterscheiden. Dabei hat er pĂ€domorphe und hypermorphe Merkmale entdeckt. Als pĂ€domorph bezeichnet man Merkmale, die jedes SĂ€ugetier zeigt, die aber bei dessen Geburt oder Geschlechtsreife verschwinden, wĂ€hrend sie beim Menschen erhalten bleiben. Als hypermorph bezeichnet man Merkmale, bei denen der Mensch ĂŒber alles hinausgeht, was Tiere zeigen. Ein solches Merkmal ist beispielsweise das Hinterhauptloch im SchĂ€del, wo die NervenstrĂ€nge von der WirbelsĂ€ule zum Hirn durchgeleitet werden. Bei allen SĂ€ugetieren ist es am Anfang der Entwicklung immer unten mittig wie beim Menschen. Anders als beim Menschen rĂŒckt es bei Tieren im Laufe der Entwicklung dorsal, nach hinten. Der TierschĂ€del hĂ€ngt am Rumpf des Tieres, der menschliche SchĂ€del ruht auf dem Körper des Menschen. Ein weiteres Merkmal ist die Stauung des GesichtsschĂ€dels. Ein Merkmal, das auch bei allen Tieren auftaucht. Walt Disney hat das entdeckt: Die Tierfiguren Micky Maus oder Bambi haben einen runden Kopf. Das wirkt kindlich und freundlich. Alle Tiere haben die rundliche Form bis zur Geschlechtsreife, in der PubertĂ€t wĂ€chst die Schnauze aus. Wir Menschen behalten die Stauung bis ans Lebensende. Ein weiteres Merkmal betrifft die Hand. Alle Tiere beginnen mit fĂŒnfgliedrigen Endgliedmaßen. Das Pferd behĂ€lt im Laufe der Entwicklung nur noch einen Finger, das heißt eine Zehe; bei Rind, Schaf und Ziege sind es zwei. Es gibt natĂŒrlich auch Tiere, die bei fĂŒnfgliedrigen Endgliedmaßen bleiben, die jedoch hochspezialisiert sind wie beim Maulwurf. Beim Menschen bleiben die Endgliedmaßen unspezialisiert! Bolk hat wie erwĂ€hnt auch hypermorphe Merkmale beschrieben. Die Menschen verfĂŒgen ĂŒber verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurze Arme und lange Beine. Kein Affe hat diesen ausgeprĂ€gten Unterschied zwischen den vorderen und hinteren Gliedmaßen. Das Zweite ist der Abstieg des Kehlkopfes. Er fĂŒhrt dazu, dass das Spektrum an LautĂ€ußerungen beim Menschen im Vergleich zu Primaten enorm groß ist. Und schließlich ist bei keinem Tier der HinterhauptschĂ€del so groß wie beim Menschen. Diese Merkmale sind die biologischen Voraussetzungen fĂŒr die Menschwerdung. Hinterhauptloch und lange Beine sind die Voraussetzung fĂŒr den aufrechten Gang. Der Abstieg des Kehlkopfes und die Stauung des GesichtsschĂ€dels sind Bedingungen, die wir biologisch geschenkt bekommen fĂŒrs Sprechen. WĂŒrden wir auch eine Schnauze entwickeln wie alle Affen, mĂŒssten wir in der PubertĂ€t ein zweites Mal sprechen lernen. Schließlich ist auch beim dritten Merkmalspaar klar, worum es geht: Ein großes Denkorgan, das KreativitĂ€t und Fantasie ermöglicht, ist auf eine Hand angewiesen â€“ sei es in der Kunst, im Handwerk, in der Technik –, die vieles kann. Der Mensch ist ein Alleskönner. Das hĂ€ngt mit dem Denken zusammen.

Konrad Lorenz hat einmal geschrieben, der Mensch könne zwar nichts so gut wie andere Tiere, aber er sei das einzige SĂ€ugetier, das an einem Tag 30 Kilometer laufen, 400 Meter schwimmen, 6 Meter tauchen und dann abends fĂŒr die Bewunderung des Sonnenuntergangs 10 Meter hoch auf einen Baum klettern könne. Das schafft kein Tier.

Eine Kuh in Gambia, Afrika

Der Mensch kann alles ein bisschen, aber bei Weitem nicht in der Perfektion, wie zum Beispiel der BĂ€r auf den Baum klettert oder der Gepard ĂŒber die Steppe fliegt. Doch bleibt es unbenommen, die leiblichen Voraussetzungen fĂŒr das aufrechte Gehen, die Sprache und das Denken sind dem Menschen geschenkt. Die FĂ€higkeiten fĂŒr die Aufrechte, das Sprechen und das Denken kann er nur in einer Menschengemeinschaft erwerben, wo aufrecht gegangen, gesprochen und hoffentlich auch gedacht wird.

Die sechs Editionen von â€čThe Origin of Speciesâ€ș von Charles Darwin, Erstausgabe von 1859. Foto: CC BY 4.0

Friedrich der II. wollte herausfinden, was die Ursprache des Menschen ist. Er vermutete: HebrĂ€isch. Deshalb ließ er Kinder von stummen Ammen aufziehen. Diese Kinder lallten jedoch nur, wenn sie ĂŒberhaupt ĂŒberlebten. Das gilt auch fĂŒr das Denken. Es entfaltet sich nur, wenn andere um das Kind herum denken. Das gilt auch fĂŒr die erste elementare FĂ€higkeit, die wir nach der Geburt lernen, das aufrechte Stehen. Erst spĂ€ter folgt das Sprechen und schließlich das Denken. Genau in dieser Reihenfolge hat sich auch die Menschwerdung in der langen Geschichte der Evolution vollzogen: Vor ungefĂ€hr sieben Millionen Jahren fingen affenĂ€hnliche Wesen an, auf zwei Beinen zu gehen. Vor ca. 300 000 Jahren, so vermuten die Anthropologen, ist die Sprache entstanden. Den modernen Menschen, der denkt, gibt es wohl erst seit ca. 40 000 Jahren. Das Denken erschöpft sich jetzt nicht in der existenziellen, tĂ€glichen LebensbewĂ€ltigung. Bestattungsriten zeigen, dass Menschen angefangen haben, ĂŒber den Tod, der ĂŒber das Leben hinausgeht, nachzudenken. Sie haben wenig spĂ€ter sakrale Statuetten geschaffen wie die Venus vom Hohlefels oder KunstgegenstĂ€nde wie die erste Flöte aus den FlĂŒgelknochen eines Geiers.

Wo fÀngt die Freiheit an?

FĂŒr RenĂ© Descartes war es evident: Alle Pflanzen, Tiere und auch der menschliche Körper sind Automaten, Maschinen. Nur im Denken â€“ cogito ergo sum â€“ wird der Körper Geist, wird er Mensch. Ausgehend von diesem Dualismus â€“ Automat vs. Geist â€“ ĂŒberlegt der Philosoph Hans Jonas, wie aus einem determinierten, automatenhaften Wesen sich allmĂ€hlich der Geist entwickelt. DafĂŒr stellt er eine provokative Hypothese auf, weil in keinem Entwicklungsstadium â€čGeistâ€ș plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Mit seiner Hypothese stellt er die gĂ€ngige Evolutionstheorie auf den Kopf: «Denken wir doch einmal die Evolution nicht vom Tier zum Menschen, sondern vom Menschen zum Tier zurĂŒck!» Was den Menschen auszeichnet, ist Innerlichkeit, die in allem Leben entdeckt werden kann. Sie und also â€čGeistâ€ș, der als höchste AusprĂ€gung im Menschen die Freiheit ist, muss in Vorformen auch in Pflanzen und Tieren gefunden werden.

Verschiedene Schnabelformen bei Darwinfinken von den GalĂĄpagos-Inseln, SĂŒdamerika

Das erste Freiheitsmoment, das er in der lebendigen Natur entdeckt, ist Stoffwechsel. Materie lĂ€uft durch den Organismus, ohne ihn zu verĂ€ndern, sondern im Gegenteil, um Gestalt, biologische Funktionen und Prozesse zu erhalten. Diese Eigenschaft ist allen Mikroben und Pflanzen eigen. Das zweite Moment findet er in Wesen, den Tieren, die darĂŒber hinaus in der Lage sind, wahrzunehmen, sich zu bewegen und ein Empfindungsleben auszubilden. Wer Tiere beobachtet hat, weiß, dass man sich ihnen bis auf eine bestimmte Distanz nĂ€hern kann, ohne dass sie sich rĂŒhren. Kommt man ihnen zu nahe, fliehen sie. Bei Vögeln wie Amseln und KrĂ€hen kann man erleben, dass sie ruhig bleiben, solange man geht, aber auffliegen, sobald man stehen bleibt. Sie nehmen etwas wahr, beurteilen die QualitĂ€t der Wahrnehmung, und wenn sie fĂŒhlen, dass Gefahr droht, fliegen sie weg. NatĂŒrlich ist die Amsel nicht frei und die Pflanze noch viel weniger, aber mit Jonas kann man qualitativ solche der Freiheit verwandten Elemente, wenn man vom Menschen her schaut, in der außermenschlichen Natur finden.

Unter der Notiz «I think» skizzierte Darwin 1837 in seinem Notizbuch B erstmals seine Idee vom Stammbaum des Lebens: «Ich denke, der Fall muss sein, dass eine Generation so viele Lebende haben sollte wie jetzt. Um dies zu erreichen und um so viele Arten in derselben Gattung zu haben (wie es ist), ist Aussterben erforderlich. Also zwischen A + B die ungeheure Kluft der Beziehung. C + B die feinste Abstufung. B + D eher grĂ¶ĂŸere Unterscheidung. So wĂŒrden Gattungen gebildet werden. In Beziehung stehend …».

Die Folgerungen von Jonas stellen eine Herausforderung, ein No-Go dar: Wenn Freiheit in Vorformen auch in der außermenschlichen Natur existiert, dann gibt es in der Evolution zum Menschen hin eine Art Zweck, Teleologie oder Ziel! Das ist bei den materialistischen, akademischen Naturwissenschaften genauso verpönt wie bei den Goetheanisten. Die Frage ist ja dann: Wie kann aus einem determinierten Wesen hinaus Freiheit werden? Das ist nur möglich, wenn das keimhaft schon von Anfang an vorhanden ist als Potenzial. Außerdem sagt er: Teleologie ist natĂŒrlich Handeln, Aktion des Menschen selbst. Wir tun selten etwas ohne Absicht. Interessant ist nun, dass sogar alle Maschinen und Mechanismen und Apparate zwar allen Naturgesetzen entsprechen, sonst funktionieren sie nicht, aber zugleich fĂŒr einen bestimmten Zweck gebaut sind. Georg Michael Pfaff wollte eine NĂ€hmaschine, Karl Benz ein Kraftfahrzeug. Das Problem, meine ich, besteht nicht darin, dass man teleologisch denkt, sondern dass man meint, es gĂ€be wie bei den ersten Ursachen kausal nur eine Möglichkeit. Doch â€čTelosâ€ș eröffnet eine Vielfalt von Möglichkeiten! Mit jeder Entwicklung, die ich mache, Ă€ndert sich ein wenig das Ziel, das ich anstrebe, und mit jeder neuen Situation draußen gibt es ebenfalls eine entsprechende Anpassung. Telos ist eine Art Richtungsvorgabe, auf die wir zugehen. FĂŒr Hans Jonas war es klar: Selbst wir Menschen sind nicht am Ende der Fahnenstange angelangt, sondern diese FĂ€higkeit der Freiheit, diese FĂ€higkeit des MitgefĂŒhls oder der Empathie und auch diese FĂ€higkeit des freien Wollens können und mĂŒssen noch weiterentwickelt werden. Das zeigt sich auch in den neuen Vorstellungen in der Genetik, der Epigenetik. Da wird zuerst vom Lebewesen etwas getan, was dann verinnerlicht wird und in spĂ€teren Generationen als vererbtes Merkmal zur Erscheinung kommt. Das heißt, Lebewesen sind nicht nur Opfer ihrer genetischen Ausstattung, sondern sie spielen mit diesem Material. Im Epilog seines Buches schreibt Jonas: «Die Philosophie des Geistes schließt die Ethik ein. Und durch die KontinuitĂ€t des Geistes mit dem Organismus und des Organismus mit der Natur wird die Ethik ein Teil der Natur.» Ich komme am Schluss noch mal darauf zurĂŒck. Jonas spricht weiter ĂŒber die Ideen und ĂŒber die Moral: «Es folgt nicht aus dem, was ich gesagt habe, dass die Idee eine Erfindung sein muss und nicht eine Entdeckung sein kann.» Er hat da einen Gedanken ergriffen, der in der anthroposophischen Anschauung sehr wertvoll ist: Die Begriffe und Ideen sind nicht Erfindungen, sondern sie existieren und wir â€čentdeckenâ€ș sie. Denken heißt nicht, neue Begriffe zu erfinden, sondern sie durch Schulung zu entdecken.

Damit Leben sich verkörpern kann

In seinen jungen Jahren hat Rudolf Steiner sich intensiv mit Goethe beschĂ€ftigt. Er hat die erste Ausgabe der â€čNaturwissenschaftlichen Schriftenâ€ș editiert und viel ĂŒber die Erkenntnismethode von Goethe nachgedacht. In den â€čGrundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauungâ€ș outet er sich als Darwinist, als kritischer Darwinist. Darwin habe selbstverstĂ€ndlich recht, wenn er sage, dass eine Tierform mit den Eigenschaften A, B, C durch verĂ€nderte Umweltbedingungen zu den Eigenschaften A‘, B‘, C‘ komme. Doch, so fĂ€hrt er fort, könne der Darwinismus nichts darĂŒber aussagen, wie die Eigenschaften A, B, C ĂŒberhaupt entstanden seien. Und ich glaube, da ich dieses Gebiet relativ gut ĂŒberschaue, sagen zu können dass man es bis heute nicht weiß. Damit Pflanzen oder Tiere mit bestimmten Eigenschaften entstehen, braucht es ein Agens, nach Goethe eine wirkende Idee â€“ â€čTypusideeâ€ș, Urpflanze, Urtier –, die aktiv konstituierend Lebewesen hervorbringt. Aber sie können nicht erscheinen â€“ das betont Goethe –, wenn es nicht Ă€ußere Bedingungen gibt, die diese agierende Idee modifizieren. Wir lernen: Wenn wir Lebewesen verstehen wollen, brauchen wir den ideellen Teil mit dieser hervorbringenden Kraft und wir brauchen die Außenwelt, damit sie sich hier auf der Erde verkörpern können. Goethe spekuliert vorsichtig ĂŒber den Ursprung des Lebens und die Stellung des Menschen. Es gĂ€be einen Lebenspunkt, ob Pflanze oder Tier, sei nicht bestimmt. Am Licht wĂŒrde aus diesem Lebensquell die Pflanze, die im Baum sich verhĂ€rtet, und in der Dunkelheit entstehe aus diesem Lebenspunkt das Tier, das sich spezialisiere und vereinseitige. Am Ende entstehe endlich der Mensch mit seinem vollen Freiheitspotenzial, der bewusstseinsmĂ€ĂŸig zum Lebenspunkt zurĂŒckkehre.

Ginkgo Biloba von J. W. Goethe, 1815.
Dieses Baums Blatt, der von Osten / Meinem Garten anvertraut, / Giebt geheimen Sinn zu kosten, / Wie’s den Wissenden erbaut, / Ist es Ein lebendig Wesen, / Das sich in sich selbst getrennt? / Sind es zwey, die sich erlesen, / Daß man sie als Eines kennt? / Solche Frage zu erwiedern, / Fand ich wohl den rechten Sinn, / FĂŒhlst du nicht an meinen Liedern, / Daß ich Eins und doppelt bin?

Die Ideen Goethes und Darwins waren fĂŒr Rudolf Steiner gesicherte Tatsachen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. In den frĂŒhen Zeiten des Evolutionsgedankens hat man die Entstehung der Lebewesen bis zum Menschen in einem Stammbaum zusammengefasst. Der vehementeste Vertreter von Darwins Ideen in Deutschland war Ernst Haeckel, von Steiner geschĂ€tzt, aber auch in seinen Grenzen erkannt. Der Haeckel’sche Stammbaum war selbstredend eine Eiche. Entlang des Stammes sieht man an den bodennahen Ästen die wirbellosen Tiere. Es folgen auf dem nĂ€chsten Hauptast, der sich verzweigt, die Fische, anschließend die Amphibien, die Reptilien und die Vögel und schließlich gegen die Krone des knorrigen Baumes die SĂ€ugetiere. Ganz oben in der Krone auf den Ă€ußersten Zweigen erscheinen die Primaten, Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse und Bonobo, und auf einem Seitenzweig der Mensch. So war die Vorstellung des Stammbaums, der da unten mĂ€chtig anfing, natĂŒrlich mit Einzellern und Bakterien.

Wandtafelzeichnung von Rudolf Steiner vom 30.6.1924; Planetarische Weltentwicklungs­stufen, aus GA 354. Foto: Rudolf-Steiner-Archiv

Älter als alle anderen Lebewesen

Im 30. Kapitel seiner Biografie â€čMein Lebensgangâ€ș schreibt Rudolf Steiner: «Die wirkliche Entwicklung des Organischen von Urzeiten bis zur Gegenwart stand vor meiner Imagination erst nach der Ausarbeitung der â€čWelt- und Lebensanschauungenâ€ș.» Heute heißt dieses Buch â€čRĂ€tsel der Philosophieâ€ș. «WĂ€hrend dieser hatte ich noch die naturwissenschaftliche Anschauung vor dem Seelenauge, die aus der Darwin’schen Denkart hervorgegangen war. Aber diese galt mir nur als eine in der Natur vorhandene sinnenfĂ€llige Tatsachenreihe. Innerhalb dieser Tatsachenreihe waren fĂŒr mich geistige Impulse tĂ€tig [Typusidee zum Beispiel], wie sie Goethe in seiner Metamorphosenidee vorschwebten. […] Ich sah in dem Darwinismus eine Denkart, die auf dem Wege zu der goethe’schen ist, aber hinter dieser zurĂŒckbleibt. […] zur imaginativen Anschauung arbeitete ich mich erst spĂ€ter durch. Erst diese Anschauung brachte mir die Erkenntnis, dass in Urzeiten in geistiger RealitĂ€t ganz anderes Wesenhaftes vorhanden war als die einfachsten Organismen. Dass der Mensch als Geist-Wesen Ă€lter ist als alle anderen Lebewesen, und dass er, um seine gegenwĂ€rtige physische Gestaltung anzunehmen, sich aus einem Weltenwesen herausgliedern musste, das ihn und die anderen Organismen enthielt. Diese sind somit AbfĂ€lle der menschlichen Entwickelung; nicht etwas, aus dem er hervorgegangen ist, sondern etwas, das er zurĂŒckgelassen, von sich abgesondert hat, um seine physische Gestaltung als Bild seines Geistigen anzunehmen. Der Mensch als makrokosmisches Wesen, das alle ĂŒbrige irdische Welt in sich trug und das zum Mikrokosmos durch Absonderung des ĂŒbrigen gekommen ist, das war fĂŒr mich eine Erkenntnis, die ich erst in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts erlangte.»

Man merkt diesen dramatischen Wandel. Die geistige Welt ist nicht fern, sondern sie ist hier. Nur haben wir noch nicht die Organe, um sie zu bemerken. Sie ist fortwĂ€hrend wirksam. Dieser makrokosmische Mensch bewegt sich Richtung Erde und auf diesem Weg dahin, wo er sich als mikrokosmischer, irdischer Mensch verkörpern wird â€“ so verstehe ich Rudolf Steiner. Aus den AbfĂ€llen werden geistige Gestaltungsmöglichkeiten zu den Lebenspunkten, ĂŒber die Goethe bereits nachgedacht hat, so ist meine Vermutung bei Steiners Beschreibung. Wenn sich das Leben an diesen Quellorten entfaltet, dann geschieht das, was Darwin beschrieben hat: dass sich aus diesen Punkten verschiedene Formen von WĂŒrmern oder Insekten oder anderen primitiven Tieren entwickeln und in der weiteren Entwicklung auch höhere Tiere, Wirbel- und SĂ€ugetiere. Alle diese Tierformen werden vom geistigen Menschen zurĂŒckgelassen, um sich hier auf der Erde verkörpern zu können. Nachdem er sich geistig so weit â€čgereinigtâ€ș hat, muss er sich jedoch einen geeigneten Vorfahren, Affenvorfahren, suchen, in den hinein er sich verkörpern kann.

Stammbaum des Menschen nach Ernst Haeckel, 1874

Das ist der umgekehrte Vorgang wie derjenige, den man darwinistisch denkt. Es ist nicht eine Entwicklung vom Wurm zum Menschen, sondern der Inkarnationswille des Menschen ermöglicht anderen Wesen, an der Evolution teilzunehmen. Der geistig Erste wird der physisch Letzte sein. Der Stammbaum muss umgekehrt gezeichnet werden: vom Himmel zur Erde â€“ so interpretiere ich diese Textstelle.

Drei Wege

Eine solch umgewendete Art, die Evolution zu verstehen, lĂ€sst die heutigen Fragen von Klimawandel, Artenvielfalt und Hunger in einem neuen Licht erscheinen. Sie könnte einen SchlĂŒssel bieten, die Spalte zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Auf dem Hintergrund der Anthroposophie Rudolf Steiners möchte ich drei relevante Aspekte skizzieren. Als erstes Ergebnis oder erste Frucht der sogenannten Rosenkreuz-Meditation beschreibt Rudolf Steiner, dass man als Übender die Spaltung der Persönlichkeit in sein alltĂ€gliches Ich und sein höheres Ich bemerkt. Ich bin nicht nur der, den meine Persönlichkeit kennt, sondern da ist ein anderer, höherer, auch mein Ich zu ahnen. Kann aus diesem Ahnen ein Wissen werden? Wenn dies gelingt, so können wir beginnen, bewusstseinsmĂ€ĂŸig zu erkennen, dass unser biografischer Weg wie die von Steiner geschilderte Evolution des Menschen vom kosmischen zu einem irdischen Ich fĂŒhrt. Und dass wir als IndividualitĂ€t auf der Erde auch die FĂ€higkeit entwickeln können, uns bewusstseinsmĂ€ĂŸig â€čvorwĂ€rtsâ€ș zurĂŒck zu den UrsprĂŒngen zu bewegen.

Wenn es tatsĂ€chlich so ist, dass wir Co-Kreatoren unserer Lebenswelt sind, mitbeteiligt sind an der Schöpfung, die uns jetzt umgibt und trĂ€gt, dann sind wir weder Herrscher dieser Welt noch Verwalter oder Partner, sondern Teilhabende, Teillebende. Wenn wir diesen Punkt verstehen und fĂŒhlen, dann werden wir anders mit der Erde umgehen lernen, als wenn wir die Erde als Ressourcen-Pool verstehen. Wir werden bemerken, dass in dem Maße, wie das, was wir geschaffen haben, um uns selbst zu schaffen, in dem Maße, wie es heute durch uns bedrĂ€ngt oder bedroht ist, wir selber bedrĂ€ngt oder bedroht werden. Und umgekehrt gilt auch, dass alles, was wir an Gutem schaffen, auch in der Welt da draußen etwas Gutes bewirken wird. Ich möchte noch einmal Hans Jonas das Wort geben: «Die Philosophie des Geistes schließt die Ethik ein, und durch die KontinuitĂ€t des Geistes mit dem Organismus und des Organismus mit der Natur wird die Ethik ein Teil der Philosophie der Natur.» Es könnte bedeuten, dass, wenn wir ethisch oder gut handeln wollen, wir nicht nur unsere Mitmenschen im Auge haben. Wir merken, dass diese Art von Ethik unserer Natur zugutekommen muss.

Umgekehrt gilt auch: Wenn Ethik auch Teil der Natur draußen ist, lohnt es sich, sich dieser außermenschlichen Natur zuzuwenden, um dort nicht nur Naturgesetze und Schönheit, sondern auch Anleitungen fĂŒr gutes Handeln zu finden. Ein Bild der Evolution, die im Geistigen beginnt und wo der Mensch als Erster steht, hat andere Implikationen als das klassische Bild, wo der Mensch als Letzter erscheint und sich die Erde aneignen kann.

Wenn wir vom höheren Menschen ausgehen, sind wir Teilhabende der Natur und in ihr ist neben der sichtbaren Naturgesetzlichkeit alles KĂŒnstlertum, alle Sittlichkeit und Ethik verborgen. Ich bin ĂŒberzeugt, dass wir vernĂŒnftig mit den Herausforderungen wie Klimawandel, BiodiversitĂ€tsverlust und Armut umgehen können, wenn wir die Schöpfung so aus dem Inkarnationswillen des kosmischen Menschen denken. So ist die ganze Natur Ausdruck unseres Menschseins.


Der Artikel ist eine gekĂŒrzte Fassung des Videovortrags in der Reihe â€čAnthroposophie – eine Erweiterung der Wissenschaft?â€ș, gehalten am 14. Februar 2022. VerfĂŒgbar unter goetheanum.tv.

Titelbild Aedrian von unsplash

  1. Wie können wir vom „höheren Menschen“ ausgehen
 Es stimmt, der Mensch ist Teilhabender der Natur. Aufgrund seiner biologischen Natur bleibt die Menschheit durch und durch abhĂ€ngig vom Netz des Lebens ihres Planeten, fĂŒr den ihr Dasein, wie auch ihr Verschwinden unbedeutend ist. Der Mensch zeichnet sich weder durch Überlegenheit, noch durch Leistung oder Intelligenz aus, doch es bleibt ihm immerhin eine unumstössliche Gewissheit, die seiner eigenen IdentitĂ€t. Allerdings stellt der Mensch, auch wenn es ihn krĂ€nkt, lediglich eine Ansammlung von Arten dar, die in geradezu perfekter Zusammenarbeit zusammenleben. Der Mensch ist nur dank zehntausender fremder Körper auf und in seinem Körper lebensfĂ€hig. Der Mensch ist nicht der Nabel der Welt. Verloren in den Tiefen des Kosmos, teilt er sein Leben auf einem unbedeutenden Planeten mit Millionen einzigartigen und faszinierenden Arten, von denen sein Wohlergehen und sein Überleben abhĂ€ngen. Als Staubkorn in dieser Unermesslichkeit erscheint der Mensch als nicht so aussergewöhnlich. Und doch: der Mensch ist seinen Weg gegangen und hat die Elemente beherrscht. Seine natĂŒrlichen Feinde zurĂŒckgedrĂ€ngt. Hunger und Krankheiten bekĂ€mpft um zu ĂŒberleben, sich weiterzuentwickeln und schliesslich.. zu erobern.. Er hat die Philosophie, die Wissenschaft und die Kunst erfunden. Er hat sich selbst eine Moral und eine Ethik auferlegt. Aber auch Diskriminierung, Hass und Folter. Er hat die Konsumgesellschaft geschaffen, die Zerstörung von Land und Meer. Die Ausbeutung anderer Arten, einschliesslich seiner Eigenen. Dem Menschen ist die Meisterleistung gelungen, die höchsten Gipfel der Erde und die tiefsten Ozeane zu verschmutzen. Jede Minute schenkt er 250 Kindern das Leben und produziert 4000 Tonnen MĂŒll. Jeden Tag stellt er 240‘000 Autos her und vernichtet 400 lebende Arten. Jedes Jahr ĂŒberlĂ€sst er fast 9’000‘000 Kindern unter 5 Jahren den Tod und zerstört 13‘000‘000 Hektaren Wald. Der Mensch scheint den Glauben dem Wissen vorzuziehen, das Haben dem Sein. Das Bild vom GlĂŒck dem GlĂŒck selbst. Er meint, alles zu beherrschen und beherrscht nicht einmal sich selbst. Er hat als einzige Art die FĂ€higkeit entwickelt, seine eigene Umwelt zu zerstören, ohne die Weisheit entwickelt zu haben, dies nicht zu tun. Der Mensch, unreif und unmĂŒndig, ist zum Besten wie zum Schlimmsten fĂ€hig. Wird er das Alter der Vernunft erreichen, bevor er sein eigens Haus niedergebrannt hat? Ich glaube es kaum. Deshalb hören Sie doch bitte auf mit dieser SelbstverzĂ€rtelung, der Mensch könne doch so und so und mĂŒsse doch nur das und das, und dann wird alles besser. Es wird es nicht. Und Sie wissen das auch!

  2. In Finnland erleben wir politisch“das Fallen der Masken“sehr stark was unseren
    Nachbarn betrifft….auch Europa erlebt gleiches mit einem völlig fremdartigen Krieg in ihrer Mitte….
    Der obrige Artikel zieht uns allen die Maske der Illusion vom Gesicht….sehr
    nĂŒtzliche ErschĂŒtterung…
    Wenn ich mich recht erinnere hat Rudolf Steiner in seiner Zeit vorgetragen,dass erst
    die die Annahme der Tatsache der fortlaufenden Inkarnationen die Menschheit verĂ€ndern wird…

    Die der Welt vermachte Geisteswissenschaft trÀgt in sich grosse Möglichkeiten
    aber auch enorme Verantwortung fĂŒr die Menschen denen sich dieses Wissen offenbart…
    Auch denke ich mehr und mehr an unsere NĂ€chte in denen sich geistige Wesen um unsere HĂŒllen bemĂŒhen wĂ€hrend wir selber in geistiger Heimat verweilen…
    Auch den Einfluss der s.g. Toten darf man nicht unterschĂ€tzen….
    Sowie die Welt mehr und mehr zu einem globalen Dialog gezwungen ist so sind
    wir Menschen auch mehr und mehr zu einem geistigen Dialog aufgerufen…unsere geistige Heimat wartet auf unsere Fragen und wir werden wieder lernen auf die
    Antworten zu horchen…..der ganze Kosmos wartet auf diesen Impuls,dass der Mensch sich aus der eigenen Freiheit heraus wieder als Geistwesen erkennt…

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In der Flucht

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