Der Auftakt: 100 Jahre Dreigliederung des sozialen Organismus

Sie hatten sich die Begegnung wohl anders vorgestellt, jene drei Herren, die aus Stuttgart angereist waren, um mit Rudolf Steiner die â€čGrundsĂ€tze zur sachlichen Aufbaupolitikâ€ș zu erörtern. «Es ist ganz schrecklich, wie wenig in Deutschland VerstĂ€ndnis fĂŒr Außenpolitik besteht» (1), begrĂŒĂŸte Steiner die GĂ€ste in seinem Atelier. Und er blieb beharrlich am einmal eingeschlagenen Thema:


«Auch die Sozialpolitik muss heute als Außenpolitik behandelt werden», fuhr er fort und beendete schließlich seinen Monolog mit dem Hinweis, dass er beabsichtige, in ZĂŒrich vier VortrĂ€ge zu halten, die er anschließend zu veröffentlichen gedenke, was dann auch geschah. Am 28. April erschien sein Buch â€čDie Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunftâ€ș.

Jene Begegnung hat am 25. Januar 1919 stattgefunden. Bei den drei Herren handelte es sich um Emil Molt, Direktor der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, den Kaufmann Hans KĂŒhn und Roman Boos, einen promovierten Juristen. Als Rudolf Steiner seine AusfĂŒhrungen ĂŒber Außenpolitik beendet hatte, konzentrierten sich die vier auf das mitgebrachte Papier â€čDie GrundsĂ€tze sachlicher Aufbaupolitikâ€ș, in dem die wesentlichsten Gedanken des Stuttgarter Rates geistiger Arbeiter festgehalten worden waren. Nachdem Steiner einige kritische Bemerkungen zu diesem Rat vorgebracht hatte, regte Molt an, doch etwas auszuarbeiten, «was wir alle unterschreiben könnten», und schlug die GrĂŒndung eines Bundes vor, «wo Rudolf Steiner auftreten könnte». Dieser sagte hierauf: «Ein RĂŒckhalt mĂŒsste schon da sein», woraufhin Molt erwiderte: «Die Anthroposophische Gesellschaft ist dazu nicht geeignet; sie soll sich ja auch nicht mit Politik befassen.» Hierauf Rudolf Steiner: «Wieso, wer sagt das?» Molt, Boos und KĂŒhn, wie das Protokoll festhĂ€lt, â€čunisonoâ€ș: «Der Statutenentwurf». Rudolf Steiner: «Dieser ist ja von 1913 und außerdem durch den Krieg lĂ€ngst ausgelöscht. Die Anthroposophische Gesellschaft kann sich ruhig mit Politik befassen. Ich rede ja auch immer von Politik.» â€“ Nach einigem Hin und Her ĂŒber die politisierte Entente-Freimaurerei stellte Hans KĂŒhn die Frage: «Könnte sich die Gesellschaft als Partei betĂ€tigen?» Prompt folgte die Antwort von Rudolf Steiner: «Sie ist kein Verein, nur eine Gesellschaft. Der Einzelne hat volle Freiheit. Man braucht fĂŒr eine Partei nicht diesen Namen zu wĂ€hlen. Es mĂŒssten auch Nicht-Anthroposophen als Angehörige aufgenommen werden.» â€“ Wie exakt auch immer das von Roman Boos angefertigte Protokoll ist, eines wird deutlich: Rudolf Steiner ist immer fĂŒr eine Überraschung gut. In diesem Fall zeigt sich einmal mehr seine in alle Richtungen oszillierende Beweglichkeit, die auch ein starkes politisches Engagement des Geisteswissenschaftlers nicht ausschließt.

 


Emil Molt, 1876-1937

Emil Molt, 1876-1937

 

Anthroposophische Gesellschaft und Politik

Wie heißt es doch in den an der Weihnachtstagung 1923 angenommenen Statuten (Ziff. 4) (2) der Anthroposophischen Gesellschaft? «Die Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.» In der Folgezeit hat wohl kaum ein Satz zu immer wieder solch betrĂ€chtlichen Verunsicherungen innerhalb der Mitgliedschaft gefĂŒhrt wie gerade dieser, insbesondere dann, wenn die aktuellen ZeitverhĂ€ltnisse ein politisches Engagement auch vonseiten der Mitglieder geradezu herausforderten. Verweisen dann gerne die einen darauf, dass ja Rudolf Steiner in den letzten Kriegsjahren und verstĂ€rkt in den Jahren 1919/20 immer wieder ĂŒber Politik gesprochen und auch die Mitglieder zur Mitwirkung an der Neugestaltung des sozialen Organismus aufgerufen hat, so betonen die anderen, dass sich dies mit der Weihnachtstagung im Jahr 1923, an der die Anthroposophische Gesellschaft neu konstituiert wurde, grundlegend geĂ€ndert habe und diese neue Haltung ihren entsprechenden Ausdruck in den Statuten gefunden hat.

Haben wir es hier mit einem Widerspruch oder mit einer Konsequenz zu tun, die sich fĂŒr Steiner aus den konkreten VerhĂ€ltnissen heraus ergeben hat? Letzterem den Vorzug zu geben, scheint naheliegend, kommentiert er doch selbst in seinem Eröffnungsvortrag vom 24. Dezember 1923 jenen Passus aus Ziffer 4 der Statuten mit den Worten: «Diesen Satz brauchen wir, weil zahlreiche MissverstĂ€ndnisse aus allerdings nicht klarem Verhalten vieler unserer Mitglieder wĂ€hrend der Dreigliederungszeit entstanden sind. Anthroposophie ist vielfach zu dem Ansehen gekommen, als ob sie sich in die politischen Angelegenheiten der Welt hineinmischen wollte â€“ was sie nie getan hat, nie tun kann â€“ dadurch, dass die Dreigliederungssache von unseren Freunden vielfach an die politischen Parteien herangebracht worden ist, was von vornherein ein Fehler bei diesen Freunden war.» (3)

 


Roman Boos, 1889–1952

Roman Boos, 1889–1952

 

Zweifellos, die Angriffe gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie, die sich insbesondere im Zusammenhang mit der Oberschlesien-Abstimmung (4) und den damit verbundenen AktivitĂ€ten der Dreigliederer verstĂ€rkt haben, veranlassten Rudolf Steiner zu einer deutlichen ZĂ€sur, ja zu einer sofortigen Beendigung der DreigliederungsaktivitĂ€ten auf der allgemeinen politischen BĂŒhne, was aber nicht zugleich bedeutet, dass dem Gedanken der sozialen Neugestaltung von nun an weniger Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte.

Ein Hinweis auf ein tieferes, ein umfassenderes VerstĂ€ndnis der Problematik findet sich in dem eben zitierten Kommentar Rudolf Steiners, nĂ€mlich dass sich die Anthroposophie nie in die politischen Angelegenheiten «hineingemischt» hat. Dies bedeutet, dass er auch die AktivitĂ€ten in den Jahren 1917 bis 1921 nicht als Einmischung in die «politischen Angelegenheiten der Welt» verstanden wissen wollte. Damit wird nun zugleich auch deutlich, dass das Argument, dass Rudolf Steiner mit Ziffer 4 der Statuten die Konsequenzen aus den ereignisreichen Jahren der Dreigliederungsbewegung gezogen hat, nicht stichhaltig ist, zumal bereits 1913 im â€čEntwurf der GrundsĂ€tze einer Anthroposophischen Gesellschaftâ€ș (5) schon eine ganz Ă€hnliche Formulierung wie in den Statuten von 1923 zu finden ist. Wörtlich heißt es dort: «Ebenso [wie religiöse Propaganda, Anm. W. K.] sind streng ausgeschlossen von der GesellschaftstĂ€tigkeit alle Arten politischer oder sozial-politischer Wirksamkeit.» Hieraus lĂ€sst sich folgern, dass in Bezug auf das VerhĂ€ltnis zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und Politik eine KontinuitĂ€t seit 1913 bestand und im Jahre 1923 diese Haltung nochmals bekrĂ€ftigt wurde. Dazwischen liegen nun jene turbulenten Kriegsjahre, liegen die Jahre eines unermĂŒdlichen Einsatzes vonseiten Rudolf Steiners fĂŒr eine Neugestaltung des sozialen Organismus im Sinne der Dreigliederung.

 


Hans KĂŒhn, 1889–1977

Hans KĂŒhn, 1889–1977

 

Wo Parteien luziferisch und ahrimanisch werden

Gleichwohl ist es nicht leicht, sich ein Bild zu machen, wie er das VerhĂ€ltnis zur Politik, zum allgemeinen politischen Geschehen aufgefasst wissen wollte, besonders deshalb, weil er selbst, vor allem im Jahr 1919, mit Engagement auf den verschiedensten BĂŒhnen politischer Meinungsbildung und politischen Handelns aufgetreten ist. So sprach er vor BetriebsrĂ€ten, vor Industriellen, vor Gewerkschaftlern (6) und vor ReprĂ€sentanten verschiedener politischer Gremien (zum Beispiel WĂŒrttembergische Sozialisierungskommission) und hat im Zusammenhang mit der Oberschlesien-Abstimmung sogar von der Notwendigkeit politischer Agitation (7) gesprochen. Die Urteilsbildung wird auch deshalb erschwert, weil in immer wieder ganz anderen ZusammenhĂ€ngen, die uns aber oft nur fragmentarisch oder schlaglichtartig ĂŒberliefert sind, verschiedene Äußerungen und Haltungen Rudolf Steiners entgegentreten und außerdem die den heutigen Zeitgenossen so vertrauten Meinungen, Begriffe und Bezeichnungen den Weg zu dem Eigentlichen beziehungsweise Wesentlichen versperren.

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Politik, ja, ja wahrhaftig, auch dieses sonderbare Gebilde!

Wie nun Rudolf Steiner selbst dennoch den zeitlichen Gegebenheiten und VerĂ€nderungen Rechnung tragen wollte, zeigt die folgende Äußerung aus seinem Vortrag vom 3. MĂ€rz 1920 (8): «Wenn man streng die Dreigliederung auffasst, ist es prinzipiell nicht ganz richtig, sich nicht zu beteiligen am Parlament. Das prinzipiell Richtige, im Sinne der Dreigliederung konsequent gedacht, wĂ€re: an den Wahlen sich zu beteiligen, so viele wĂ€hlen lassen, als gewĂ€hlt werden können, ins Parlament eintreten und Obstruktion zu betreiben bei allen Fragen, die sich auf das Geistesleben und Wirtschaftsleben beziehen. Das wĂŒrde konsequent im Sinne der Dreigliederung gedacht sein.» Wie kritisch Steiner den politischen Parteien gegenĂŒberstand, lĂ€sst sich sehr anschaulich an seinen Äußerungen im Verlauf des vierten Diskussionsabends mit den ArbeiterausschĂŒssen der Stuttgarter Großbetriebe ablesen. Zu einem tieferen VerstĂ€ndnis des Parteiwesens fĂŒhrt der Vortrag vom 6. August 1920 (9), in dem er aus rein geisteswissenschaftlicher Sicht das Wesen der beiden großen Parteiströmungen (liberal: Luziferisches, konservativ: Ahrimanisches) darstellt. Die Notwendigkeit einer solchen Betrachtungsweise leitet er ein mit der Frage: «Wie viele Menschen wissen heute davon, dass Parteimeinungen Abschattungen sind von Wesenhaftem in der geistigen Welt?» â€“ Dass das weite Feld der Politik gerade vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft einer bewussten Durchdringung bedarf, klingt auch an in dem Vortrag vom 6. Oktober 1918. Nachdem er dort ausgefĂŒhrt hat, dass die Sinneswelt ihr eigenes Wesen bisweilen verhĂŒllt, fordert er dazu auf, «diese Dinge grĂŒndlich zu verstehen, grĂŒndlich in seine Erkenntnisgesinnung aufzunehmen», denn «das gehört zu den Anforderungen des Menschenlebens in der Zukunft, insbesondere zu den Anforderungen, die von den Zeitgeistern selber an diejenigen gestellt werden, die Erkenntnis fĂŒr die Zukunft suchen wollen, die auf irgendeinem Gebiete Willen entfalten wollen. Insbesondere mĂŒssten ergriffen werden die geistigen Kulturzweige, Theologie, Medizin, Jurisprudenz, Philosophie, Naturwissenschaft, Technik und selbst soziales Leben und sogar Politik; Politik, ja, ja wahrhaftig, auch dieses sonderbare Gebilde! In all das mĂŒsste eingefĂŒhrt werden von denjenigen, welche die Zeit verstehen, das, was aus der Geisteswissenschaft folgt.» (10)

 


Rudolf Steiner, 1861–1925

Rudolf Steiner, 1861–1925

 

Politik ist geistiger Krieg

Einen SchlĂŒssel zur Beantwortung der Frage, was Rudolf Steiner als das Essenzielle, als das Wesen des Politischen versteht, findet man in der dritten Seminarbesprechung, die er im Rahmen des â€čNationalökonomischen Kursesâ€ș im Sommer 1922 durchgefĂŒhrt hat. Dort heißt es: «Das Politische ist in der Weltgeschichte ein sekundĂ€res Produkt. Das beruht lediglich darauf, dass die primitiven, vielleicht höchst unsympathischen, aber ganz ehrlichen MachtverhĂ€ltnisse allmĂ€hlich die Form des Krieges unter den Menschen angenommen haben. Man kann zwar nicht sagen, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik nur mit anderen Mitteln, aber die Politik ist der ins Geistige ĂŒbertragene moderne Krieg. Denn dieser Krieg beruht darauf, dass man den Gegner tĂ€uscht, dass man irgendwelche Situationen herbeifĂŒhrt, die ihn tĂ€uschen. Jede Umgehung im Kriege, alles Mögliche, was nicht direkte offene Angriffe sind, beruhen auf einer TĂ€uschung des Gegners. Und der Feldherr wird sich um so grĂ¶ĂŸere Verdienste zuschreiben, je besser es ihm gelingt, den Feind zu tĂ€uschen. Das ist, ĂŒbertragen aufs Geistige, die Politik. Sie finden ganz dieselben Kategorien in der Politik darin. â€“ Wenn man von Politik redet, so möchte man sagen: Es mĂŒsste danach gestrebt werden, dass die Politik in allem ĂŒberwunden wird, selbst in der Politik. Wir haben nĂ€mlich im Grunde genommen erst dann eine wirkliche Politik, wenn sich alles das, was auf politischem Felde spielt, in rechtlichen Formen abspielt. Dann haben wir aber eben den Rechtsstaat.» (11)

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Man kann zwar nicht sagen, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik nur mit anderen Mitteln, aber die Politik ist der ins Geistige ĂŒbertragene moderne Krieg.

In dem, was Rudolf Steiner im Nationalökonomischen Seminar ĂŒber das Wesen der Politik aussagt, ist das eigentlich Zukunftsweisende seiner Gedanken und auch seines Handelns wĂ€hrend der Dreigliederungszeit zu sehen: Sein damaliger Einsatz steht nicht im Widerspruch zu den in den Statuten 1913 und 1923 niedergelegten Gesichtspunkten, sondern er begann, indem er immer wieder auf die Notwendigkeit eines dreigegliederten sozialen Organismus hinwies, zugleich die politische Landschaft, das politische VerstĂ€ndnis umzuwandeln in Richtung eines neuen RechtsverstĂ€ndnisses, in Richtung neuer Rechts- und damit auch politischer VerhĂ€ltnisse.

Einer, der geahnt hat, in welche Richtung Steiners Überlegungen zielen, ist der ehemalige Minister der norwegisch-schwedischen Unionsregierung, Sigurd Ibsen, ein Sohn des Dichters Henrik Ibsen, der am Schluss seines 1925 erschienenen Artikels â€čGegensĂ€tze der Politikâ€ș (Politikkens Motsetninger), in dem er eingehend Rudolf Steiners Dreigliederungsgedanken behandelt, zu folgender Schlussfolgerung gelangt: «Auf der anderen Seite besteht fĂŒr den Staat keine Notwendigkeit, in das Wirtschaftsleben einzugreifen, ebenso wenig, wie er sich in das Geistesleben einzumischen braucht: Er könnte sehr wohl als ausschließlich politisch-juristische Einrichtung bestehen.» (12)

 


Sigurd Ibsen, 1859–1930

Sigurd Ibsen, 1859–1930

 

Was nach dem Staat kommt

Das Rechtsleben (13) wurde von Rudolf Steiner als der Ort charakterisiert, in dem die VerhĂ€ltnisse der mĂŒndigen Menschen zueinander geregelt, gestaltet werden. Was im Rechtsleben als erkenntnisleitendes Motiv zur Entfaltung kommen soll, das hat er bereits in seinen â€čKommentaren zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriftenâ€ș ausgedrĂŒckt: «Rechtsanschauungen und Sittlichkeitsbegriffe kommen und gehen mit den Völkern, ja sogar mit den Individuen. Immer ist die IndividualitĂ€t maßgebend.» (14) â€“ In diesem Sinne bekommt auch eine Äußerung Rudolf Steiners im Vortrag vom 15. Januar 1916 (15) einen besonderen Stellenwert. Er spricht dort ĂŒber den italienischen Philosophen und Theologen Antonio Rosmini. Seine AusfĂŒhrungen kulminieren in den Worten, dass Rosmini die Begriffe aus dem Nominalistischen gelöst und in das Erleben hineingefĂŒhrt habe, anders ausgedrĂŒckt: Rosmini hat die Begriffe vom Physischen ins Ätherische hinĂŒbergefĂŒhrt. Richtet man nun den Blick auf Rosminis Rechtsauffassung, die er ausfĂŒhrlich dargelegt hat in seiner â€čFilosofia del dirittoâ€ș (Philosophie des Rechts), dann wird man vielleicht ahnen können, was Rudolf Steiner gemeint haben mag. So heißt es bei Rosmini: «Die Person des Menschen ist das substanziell menschliche Recht und daher auch das Wesen des Rechtes.» (16)

Inzwischen hat der Gedanke des Rechtsstaates die Verfassungen der meisten modernen Industriestaaten maßgebend geprĂ€gt. Gleichwohl konnte sich der von Rudolf Steiner kritisch betrachtete Monolith Einheitsstaat immer noch behaupten. Der Schritt vom Rechtsstaat zum Rechtsleben wĂ€re also noch zu vollziehen. Solange Politik als «der ins Geistige ĂŒbertragene moderne Krieg» betrachtet wird, so lange wird sie auch nicht Gegenstand der in der Anthroposophischen Gesellschaft zu entfaltenden und von ihr auszugehenden AktivitĂ€ten sein können. Je mehr aber innerhalb anthroposophischer Kreise ein VerstĂ€ndnis vom Wesen des Rechts entsteht und im konkreten Handeln zur Entfaltung kommt, desto dringlicher wird es auch sein, das so gewonnene VerstĂ€ndnis und die so gewonnenen Erfahrungen in den öffentlichen Diskurs unserer Zeit einzubringen.

 


Jules Sauerwein, 1880–1967

Jules Sauerwein, 1880–1967

 

Welch ein Genuss, mit Steiner ĂŒber Politik zu sprechen!

Es war im April 1926. In der Redaktion der französischen Zeitung â€čLe Matinâ€ș saßen sich zwei Journalisten gegenĂŒber: Arved Arenstam und Jules Sauerwein. Letzterer war gerade aus Rom gekommen, wo er Augenzeuge des Attentates auf Mussolini war. «Wie hĂ€tte sich auch dieses Ereignis abspielen können, ohne dass Sauerwein dabei gewesen wĂ€re?», fragte sich Arenstam, damit die Bedeutung seines GegenĂŒbers gleichsam mit Rotstift unterstreichend. â€“ Im dann folgenden GesprĂ€ch entstand nach und nach ein vielfarbiges PortrĂ€t dieses außergewöhnlichen Journalisten, und dann hatte Arenstam noch eine letzte Frage: «Welches war denn Ihre interessanteste Begegnung in diesen siebzehn Jahren?» â€“ Antwort Sauerwein: «Ich habe fast alle Monarchen der Erde gekannt, fast alle Premierminister und MarschĂ€lle. Aber niemand vermochte auf mich einen so nachhaltigen Eindruck auszuĂŒben wie der österreichische Philosoph und Okkultist Rudolf Steiner. Dies war der interessanteste Mann, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Ich habe ihn in Wien kennengelernt und wir sind bis zu seinem im vorigen Jahr erfolgten Tode Freunde geblieben. Ich besuchte ihn regelmĂ€ĂŸig in seinem herrlichen Heim in Dornach bei Basel, das vor drei Jahren einer ruchlosen Brandstiftung zum Opfer fiel. Die StaatsmĂ€nner â€“ und wĂ€ren sie noch so mĂ€chtig â€“ hatten auf mich immer den Eindruck von Schauspielern gemacht, die ihrer Rolle nicht ganz sicher sind. Aber welch ein Genuss, mit Steiner ĂŒber Politik zu sprechen! Nur ein so großer und reicher Verstand vermag auch mit solcher Richtigkeit die einzelnen Probleme zu erfassen.» (17)

 


Antonio Rosmini, 1797–1855

Antonio Rosmini, 1797–1855

 


Bild: Januar 1919, in den Tagen der Nationalversammlung zur deutschen Republik: WÀhrend RÀte und Streikende auf Berlins Strassen kÀmpfen und Politik machen, bespricht sich in Stuttgart Rudolf Steiner mit Freunden wie ein Staat jenseits von Politik aussehe. Foto Alfred Grohs. Die Zuschauenden im Hauseingang legen nahe, dass das Foto keine gefÀhliche Situation zeigt.


1 Das von Roman Boos erstellte Protokoll ist noch nicht in der Gesamtausgabe erschienen. Es befindet sich im Rudolf Steiner Archiv, Dornach.

2 Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur BegrĂŒndung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, GA 260, S. 50. 

3 Siehe Anm. 2, ebenda.

4 Rudolf Steiner: Wie wirkt man fĂŒr den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus? (darin enthalten der sog. Agitatorenkurs), GA 338. Siehe auch Walter Kugler: Polnisch oder Deutsch? Oberschlesien, ein Schulbeispiel fĂŒr die Notwendigkeit der Dreigliederung. In: Schriftenreihe BeitrĂ€ge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 93/94, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Michaeli 1986.  

5 Entwurf der GrundsĂ€tze einer Anthroposophischen Gesellschaft, in Rudolf Steiner: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft, GA 259, S. 637 ff. 

6 Rudolf Steiner: BetriebsrĂ€te und Sozialisierung. Diskussionsabende mit ArbeiterausschĂŒssen der großen Betriebe Stuttgarts, GA 331; siehe auch Walter Kugler: Alle Macht den RĂ€ten? Rudolf Steiner und die BetriebsrĂ€tebewegung 1919, in BeitrĂ€ge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 103, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Michaeli 1989. 

7 Siehe Anmerkung 4.

8 In: Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit, Soziale Praxis. GA 337a, S. 167. 

9 In: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung, GA 199, S 24. 

10 In: Die PolaritÀt von Dauer und Entwickelung im Menschenleben, GA 184, S. 255f.

11 Seminarbesprechung vom 2. August 1922 in Rudolf Steiner, «Nationalökonomisches Seminar», GA 341, S. 41f.

12 Sigurd Ibsen, Politikkens Motsetninger, Oslo 1925. Der vollstĂ€ndige Artikel von Ibsen ist wiedergegeben in Walter Kugler: Rudolf Steiner und die Anthroposophie, DuMont‑Verlag, Köln, 4. Aufl. 2010, S. 217.

13 Siehe GĂŒnter Herrmann: Quellentexte fĂŒr ein neues Rechtsleben und fĂŒr eine menschliche Gesellschaft. Anthroposophie und Jurisprudenz. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2000.

14 Rudolf Steiner: Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, GA 11, S. 205.

15 Rudolf Steiner, Vortrag vom 15. Januar 1916, in: Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christusimpuls. GA 165, S. 217f.

16 Antonio Rosmini-Serbati: La filosofia del diritto (Rechtsphilosophie), 1841-1845, zitiert nach Die Politik als philosophisches Problem, hrsg. von Michele Federico Sciacca, Manz Verlag, MĂŒnchen 1963, S. 22.

17 Erschienen in Neues Wiener Journal, Nr. 11647 vom 25. April 1926.

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