Das Wesen der Anthroposophie

Die Agentur ließ Rudolf Steiner die Themenwahl bei seinen Vortragsreisen 1922 in Deutschland frei. WorĂŒber sprach er zu den vielen Menschen, die zu den Veranstaltungen kamen? Das Buch sammelt alle VortrĂ€ge und fĂŒgt Anmerkungen zur Entstehung, Pressestimmen und Berichte von den Attentaten hinzu.


Es ist 1922. In Europa herrscht Verwirrung. Chaotische, unsichere Zeiten sind da. Im Osten lauert die drohende Macht des Bolschewismus. In Deutschland leben Verzweiflung und Verbitterung nach der Niederlage im Weltkrieg. Mehrere agitatorische Gruppen wie die national-völkische Bewegung fangen an, sich zu manifestieren. Der Unfriede sucht einen Ausweg. Aber es gibt auch die Anthroposophie.

In diesem Spannungsfeld ergreift die Konzertagentur Wolff & Sachs die Initiative, Rudolf Steiner zu bitten, eine Vortragsreise durch Deutschland zu halten. Die Agentur will neben der Organisation von Konzerten «durch öffentliche VortrĂ€ge der bedeutendsten Redner» (1) ein Bild ĂŒber die geistigen Strömungen der Zeit geben. Rudolf Steiner wird völlig freie Themenwahl zugebilligt und er stimmt zu.

Die erste Vortragsreise findet vom 16. bis 31. Januar 1922 statt, mit zwölf VortrĂ€gen in zwölf StĂ€dten (MĂŒnchen, Stuttgart, Köln, Berlin, Hamburg usw.) und ist ĂŒberaus erfolgreich. Mit 1100 bis zu 1900 Anwesenden pro Abend hören insgesamt 17 000 bis 18 000 Menschen die VortrĂ€ge. Rudolf Steiner wĂ€hlte das Thema: â€čDas Wesen der Anthroposophieâ€ș.(2) Auf Bitte der Konzertagentur folgt dann vom 12. bis zum 20. Mai 1922 eine zweite Vortragsreise zum Thema â€čAnthroposophie und Geisterkenntnisâ€ș. In acht StĂ€dten kommen insgesamt ungefĂ€hr 10 000 Menschen. (3) Rudolf Steiner ist ein PhĂ€nomen geworden, seine BĂŒcher verkaufen sich gut.

Inhalt der VortrÀge

Wie hat Rudolf Steiner gesprochen? Es ist faszinierend zu erleben, wie offen und mutig er wĂ€hrend der ersten Vortragsreise ĂŒber â€čDas Wesen der Anthroposophieâ€ș spricht. Er geht den fĂŒr viele Zuhörer unbekannten und zum Teil auch schwierigen Aspekten der Anthroposophie nicht aus dem Wege. Und er schildert ganz klar und direkt die wesentlichen Geschehnisse, denen man auf dem Schulungsweg begegnet, die Klippen, die es zu vermeiden gilt, die Wirkung der Meditation und RĂŒckschau-Übung als Schritte zur Erfahrung des Vorgeburtlichen beziehungsweise des Nachtodlichen. Besprochen wird die anthroposophische Forschungsmethode durch die Entwicklung des Bewusstseins zu den Stufen von Imagination, Inspiration, Intuition, ermöglicht durch die VerstĂ€rkung des Denkens und des Willens, wonach das GefĂŒhl sich fĂŒgt. Aber einfach ist es nicht, diese leibfreien Erfahrungen zu erreichen. Wie bei jeder Wissenschaft geht es auch in der Geisteswissenschaft um jahrelanges Üben, um immer mehr und mehr im seelischen Erleben frei von der Körperlichkeit zu werden. Ausdauer und Geduld gehören dazu. Steiner fĂŒhrt auch zu der Frage, ob der Mensch frei oder unfrei sei? Er ist beides: unfrei bei den gewöhnlichen Handlungen des Lebens, gebunden an den physischen Organismus und impulsiert von Instinkten, Trieben. Aber der Mensch kann immer mehr frei werden, wenn er aus einer geistigen Welt durch reines Denken seine Impulse fĂŒr das sittliche, moralische Leben herausholt. Dass die Anthroposophie mit ihren Forschungswegen und Forschungsmethoden zu heilsamen Resultaten fĂŒhrt, illustriert Rudolf Steiner im letzten Teil seiner VortrĂ€ge an den Beispielen der Architektur (ein neuer Baustil wie das Goetheanum), der Medizin, der WaldorfpĂ€dagogik, der Kunst, des sozialen Lebens mit seinen Initiativen, kurz: anhand von Zeugnissen einer menschenwĂŒrdigen Lebenspraxis.

Ohne dass man durch die Tragik des Lebens durchgeht, aber sie auch ĂŒberwindet, öffnen sich nicht die Tore in die geistige Welt hinein

In seiner zweiten Vortragsreise baut Rudolf Steiner auf der Grundlage der VortrĂ€ge aus der ersten Reise auf. Er spricht unter anderem darĂŒber, dass man heute fĂŒr das VerstĂ€ndnis des anthroposophischen Weges in die geistige Welt einiges gewinnen kann, wenn man den Blick zurĂŒckwendet zu den Wegen, die einmal in diese geistigen Welten hinein gegangen worden sind: Yoga und Askese. ZurĂŒckblickend auf die alte indische Kultur erzĂ€hlt er, wie der Yogagelehrte bewusst seinen Atemrhythmus Ă€nderte, um sein bisher lebendiges Denken abstrakter zu machen, damit seine Wesenheit nicht lĂ€nger zusammenströmte mit der Außenwelt. Denn der Yoga-Gelehrte hatte noch nicht jenes starke Ich, jenes starke Selbstbewusstsein, das der gegenwĂ€rtige Mensch hat. Durch seine Yogapraxis bekam er ein stĂ€rkeres Selbstbewusstsein, nahm die Geistigkeit des eigenen Selbst wahr und fĂŒhlte dieses Selbst wurzeln in einer anderen Welt, die ewig ist. Wir aber haben schon als Frucht aus der Vergangenheit dieses starke Ichbewusstsein bekommen und mĂŒssen einen anderen Weg gehen. Aber auch der frĂŒhere Weg der Askese ist vorĂŒber. Auf diesem Pfade wurde versucht, durch Herabsenkung der leiblichen Funktionen â€“ vielfach unter ZufĂŒgung von Leid und Schmerzen — den fĂŒr die sinnliche Welt konstituierten Leib als Hindernis fĂŒr das Schauen in die geistige Welt wegzuschaffen, damit die ĂŒbersinnliche Welt in das Bewusstsein einströmen könnte. Aber dafĂŒr sind Einsamkeit und Einsiedelei notwendig, was den Menschen untauglich macht fĂŒr das Leben und Handeln in unserer modernen, robusten Ă€ußeren Welt.

Der anthroposophische Erkenntnisweg ist der Weg unserer Zeit. Dieser Weg geht aber auch nicht ohne Leid, denn wenn die MeditationsĂŒbungen vom abstrakten Denken in das lebendige Denken fĂŒhren, dann lösen die lebendigen Gedanken auch innerlich Leid und Schmerz aus. «Da muss durchgemacht werden jener Leidenszustand, der umformt unseren ganzen menschlichen Organismus in das Sinnesorgan fĂŒr die geistige Welt 
 Ohne dass man durch die Tragik des Lebens durchgeht, aber sie auch ĂŒberwindet, öffnen sich nicht in Wirklichkeit die Tore in die geistige Welt hinein.» (4) Geht man diesen Weg, dann werden Erfahrungen des Vorgeburtlichen und des Nachtodlichen erlebbar. Die Großartigkeit der makro- und der mikrokosmischen Welt, die Weisheit im Lebensschicksalsweg und im Lebenschicksalsfaden durch die wiederholten Erdenleben bis zum Hineinschauen durch die höhere Selbstheit in das Geistig-Ewige, dies alles kann eigene Erfahrung werden. Und vor allem als allerwichtigstes Ergebnis die Empfindung und Sicherheit, dass geistige Wesen unter uns sind, dass sie in und um uns sind in unseren Gedanken und in unserem Willensleben, dass sie unsere Mitgenossen sind. Diese Erkenntnis kann uns durchdringen mit einem Wollen, mit Enthusiasmus, der von diesem Mitleben der Geistigkeit kommt, um die AufgangskrĂ€fte gegenĂŒber den NiedergangskrĂ€ften zu finden, so wie das notwendig ist zum weiteren Heil und zur Fortentwicklung der Menschheit. In dieser Stimmung beendet Rudolf Steiner jedes Mal die VortrĂ€ge seiner zweiten Reise.

Da muss durchgemacht werden jener Leidenszustand, der umformt unseren ganzen menschlichen Organismus in das Sinnesorgan fĂŒr die geistige Welt 


Steiners Bodyguards

Rudolf Steiner ist ein PhĂ€nomen, eine Erscheinung der Epoche, die man gerne sehen und hören will: «Nach Einstein, Steinach und Spengler nun Steiner.» (5) Fast immer sind die großen SĂ€le ausverkauft, bei Weitem nicht alle Interessierten können hinein. Die Presse ist dabei und reagiert zum Großteil kritisch. (6) Die zweite Vortragsreise wird aber auch ĂŒberschattet von organisierten, gezielten Anfeindungen. Angetrieben von national-völkischen Kreisen, wird gegen Rudolf Steiner gehetzt und zur Störung seines Vortrages in MĂŒnchen aufgerufen. Nach Ablauf dieses Vortrages am Freitagabend, 15. Mai im Hotel Vierjahreszeiten kommt es auf dem Podium zu einem Attentat auf das Leben von Rudolf Steiner, das aber durch junge Anthroposophen und in Dienst genommene Boxer und Ringer vereitelt wird. Nachdem die Angreifer zurĂŒckgeschlagen sind, wird auf der BĂŒhne ein kleiner scharfer Dolch gefunden, «vielleicht 15 cm lang». (7) Auch wĂ€hrend der zwei darauffolgenden VortrĂ€ge in Mannheim und Elberfeld kommt es zu ZwischenfĂ€llen und gezielten Unterbrechungen. Rudolf Steiner kann die Reise noch abrunden mit VortrĂ€gen in Köln, Bremen und Hamburg. Am 22. Mai hĂ€lt er dann nach Ablauf der Mai-Tournee noch seinen letzten offenen Vortrag in Leipzig mit dem Titel â€čAnthroposophie und Geistesweltâ€ș. Dann geht es nicht mehr in Deutschland. Die Bitte der Konzertagentur um eine dritte Vortragsreise in September 1922 wird von Rudolf Steiner abgelehnt. Die militante Gegnerschaft gegen ihn und die Anthroposophie macht es ihm unmöglich und findet ihre Kulmination im Brand des Goetheanum in der Silvesternacht 1922.

Mit Steiner auf Reisen

Rudolf Steiner hat immer frei gesprochen. Wohl hat er zur Vorbereitung einige Stichworte in NotizbĂŒcher und auf Notizzetteln eingetragen. Er hatte ein festes Konzept, worauf er beim Sprechen frei und kĂŒnstlerisch variierte, sodass jeder Vortrag mit demselben Thema doch einen einmaligen Charakter hatte. Die zwölf VortrĂ€ge haben eine organische QualitĂ€t und Form, der Inhalt wĂ€chst in einem lebendigen Prozess, bildhaft, imaginativ, inspirativ aus der sich vollziehenden Intuition. Ganz faszinierend zu lesen! Durch die Wiederholungen der Themen in den aufeinanderfolgenden VortrĂ€gen kann man tiefer in die Inhalte hineinwachsen. Man kommt in einen Strom, entwickelt sich selbst auf dieser Reise mit Rudolf Steiner, bekommt innerlich Einsicht, Tapferkeit und VitalitĂ€t im Miterleben seiner krĂ€ftigen und durchlebten Worte. Und dabei ist jeder Vortrag — obwohl nicht einfach — ein organisches und ĂŒbersichtliches Ganzes, das das Wesen der Anthroposophie ergreift bis in die weite Zukunft.

Die Ausgabe GA 80a ist gut versorgt: Es gibt wertvolle Texte zu Entstehung und Textgestalt und detaillierte Hinweise zum Text. Zwei persönliche Erinnerungen an und drei Pressestimmen ĂŒber das Attentat beim Vortrag am 15. Mai 1922 in MĂŒnchen sind mit aufgenommen.


(1) GA 80a, S. 591.
(2) In Stuttgart und Berlin war das Thema â€čAnthroposophie und die RĂ€tsel der Seeleâ€ș, weil Rudolf Steiner dort vorher öffentliche einleitende VortrĂ€ge gehalten hat.
(3) Von den insgesamt 20 VortrÀgen wÀhrend beide Reisen sind 12 mitstenografiert und in dem Band aufgenommen.
(4) S. 395.
(5) S. 570.
(6) S. 570. In dem Band sind ausgewÀhlte Pressestimmen aufgenommen.
(7) S. 563, Erinnerung von Augenzeuge Walter Beck.

Buch Rudolf Steiner, Das Wesen der Anthroposophie, Rudolf Steiner Verlag Basel, 2019, ISBN 978-3-7274-0800-7

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