Das unsicht­bare Leben

Mikroben haben die längste Geschichte in der Evolution – und auch die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich mit ihnen befassen, haben einen langen Atem: Zum 40. Mal traf sich am 24. und 25. September 2021 der Arbeitskreis Mikrobiologie in der Naturwissenschaftlichen Sektion im Glashaus.


Die Arbeitsgruppe wurde 1981 von Norbert Pfennig (1925–2008), Professor für Mikrobiologie und Limnologie an der Universität Konstanz, zusammen mit Jochen Bockemühl gegründet. Der Arbeitskreis versteht anthroposophische Naturwissenschaft nicht als alternative, sondern als erweiterte Wissenschaft, die das Wesenhafte und den Sinnzusammenhang der Welt der Mikroorganismen zu verstehen sucht. Ein Ziel der jährlichen Treffen ist die Integration der Befunde der akademischen Wissenschaft in einen umfassenden Wirklichkeitshorizont, in dem Substanzen und Phänomene der physischen Welt nicht als Ursachen, sondern als Ergebnisse von Prozessen aufgefasst werden.

Erweiterter Organismusbegriff

Dies wurde im diesjährigen Treffen anhand der Lektüre des Buches ‹Mikrobiom und Mensch› von Thomas Hardtmuth verfolgt, der selbst Mitglied im Arbeitskreis ist. Im fünften Kapitel beleuchtet er die modernen Erkenntnisse der Mikrobiologie, der Genetik und der Mikrobiomforschung im Rahmen eines geisteswissenschaftlichen Kontextes. In der Beschäftigung mit diesen Disziplinen wird deutlich, dass die Dynamik des Lebendigen primär wechselwirkende Aktivität ist, die nicht aus Eigenschaften des Stoffes abgeleitet werden kann – Erklärungen aus der Wechselwirkung von Atomen und Molekülen können bestenfalls als statische Hilfsvorstellungen fungieren.

Es wurde diskutiert, ob das Bild des Goethe’schen Typus, das die ‹innere Natur› als aktives Agens innerhalb jedes Lebewesens verortet, haltbar ist. Schon Norbert Pfennig hatte darauf hingewiesen, dass die Vorstellung, nur die für das menschliche Auge sichtbaren Organismen seien als Lebewesen zu bezeichnen, mit der Mikrobenforschung zu erweitern sei. Mikroorganismen sind makroskopisch nur in ihren Wirkungen sichtbar. Sie selbst können in ihrer enormen Plastizität nur als Prozessgestalten wahrgenommen werden. Das steht der Bildung stabiler Formen polar gegenüber – so wie der Same einer Pflanze eine Vielfalt an möglichen Formen in sich trägt, die bei der Manifestation an einem spezifischen Standort auf eine bestimmte Wuchsart festgelegt wird.

Untersuchungen des Genoms von Mikroorganismen im Meerwasser zeigen, dass wir es auch außerhalb der Mikrobenzellen mit einer unüberschaubar großen Anzahl von Viren, aus dem mikrobiellen Stoffwechsel stammenden chemischen Verbindungen, DNA-Fragmenten, Proteinen und Botenstoffen zu tun haben, die in einem komplexen Wirkungsgefüge von untereinander vernetzten, einzelligen Organismen ausgetauscht werden. Stoffwechsel und Gentransfer finden hier nicht nur zwischen Zellen einer Mikrobenart, sondern auch zwischen Zellen verschiedener Arten statt. Das legt einen erweiterten Organismusbegriff nahe, in dem die einzelnen Arten der Mikroorganismen in einem umfassenden organismischen Zusammenhang gedacht werden.

Die Grenze zwischen innen und außen ist auch beim menschlichen Leib unscharf: Das Mikrobiom, die Gesamtheit aller in und auf uns lebenden Mikroorganismen, bildet ein lebendiges Fluidum, das zugleich Teil unseres Organismus und der Umwelt ist. Es bildet den biologischen Kontext unseres Immunsystems, das wie das Gehirn ein lebenslang lernendes System ist. Der Kontakt mit Viren und Bakterien ermöglicht ihm Erfahrungen, die es ebenso hoch individuell ‹verdaut›, wie wir unseren Wahrnehmungen durch unsere Denktätigkeit ein individuelles Gepräge geben. Dies wirft Licht auf die Aussage Rudolf Steiners, das Gehirn sei ein zusammengeballtes Immunsystem.

Bakterien und Kieselalgen, Foto: Meinhard Simon

Wechselwirkungen

Im fachlichen Austausch über aktuelle Projekte der Teilnehmenden geht es auch um praxisrelevante Fragen: Simon Sauer hat seine Untersuchungen des Mikrobioms von Heilpflanzen ausgedehnt auf die daraus durch Fermentation hergestellten Urtinkturen. Wie verändern sich die Mikrobengemeinschaften während des Herstellungsprozesses und der Lagerung? Meinhard Simon, der den Arbeitskreis seit über 20 Jahren leitet, berichtete aus Forschungen seiner Arbeitsgruppe, die – in bisher einzigartiger Weise – einmal mehr die komplexen Interaktionen in Bakteriengemeinschaften ans Licht bringen: Zwei Bakterienstämme können nur gemeinsam, durch den gegenseitigen Austausch von Stoffwechselzwischenprodukten, Vitamin B12 bilden.

Falk Zucker konnte – durch Genomsequenzanalysen eines kürzlich isolierten Virus aus der Nordsee – zwei neue Unterfamilien von Bakteriophagen beschreiben. Das sind Viren, die Bakterien befallen. Diese sogenannten ‹Bakterienfresser› sind ein manifestes Beispiel für eine These vieler Virologen, die Thomas Hardtmuth zitiert: dass die Viren die genetischen Regulatoren nicht nur von Ökosystemen, sondern auch des menschlichen, tierischen und pflanzlichen Mikrobioms sind.

Kraftvolles Denken

Die Mikroorganismen stehen in ihrer makroskopisch nicht wahrnehmbaren ‹Prozessgestalt› den Lebensprozessen sehr nahe und bilden eine Verbindung zur Sphäre des Lebendigen, zur ätherischen Welt. Diese ist nicht mit dem gegenständlichen, auf die materielle Welt ausgerichteten Denken versteh- und erlebbar. Dafür muss das Denken verlebendigt werden, so wie es Rudolf Steiner in dem Leitsatzbrief über den Michaelsweg formuliert hat: «Michaels Sendung ist, in der Menschen Äther-Leiber die Kräfte zu bringen, durch die die Gedanken-Schatten wieder Leben gewinnen.»

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