Das stille Ordnungsprinzip

Hugo KĂŒkelhaus liebte die chinesische Philosophie. In seinem Werk â€čUnmenschliche Architekturâ€ș finden sich Gemeinsamkeiten mit dem Taoismus. Hu Lanlan erlebte diese Begegnung wĂ€hrend der Übersetzung des Buches ins Chinesische â€“ ein Gedankenfluss zwischen Ost und West.


Als ich Hugo KĂŒkelhaus’ Buch â€čUnmenschliche Architekturâ€ș aus dem Englischen ins Chinesische ĂŒbersetzte, wurde ich bescheiden angesichts der durchdringenden Beobachtungen des Autors und der bis heute immer noch informativen, provokativen, modernen Gedanken. Sie waren mir jedoch nicht fremd. Stattdessen fĂŒhrten sie mich allmĂ€hlich zu meiner eigenen Kultur zurĂŒck, insbesondere zu Lao Tzes ĂŒbergreifenden Ideen des Tao. In der Kontemplation, welche die Suche nach Sprache erforderte, wurde ich oft von diesen beiden Stimmen und ihrem zwei Jahrtausende umfassenden Zeitabstand mitgerissen. Sie spiegelten sich gegenseitig wider: die eine alt, östlich und archetypisch; die andere modern, westlich und eingebettet in bestimmte irdische Grundlagen wie Sinneswahrnehmung und Architektur.

Die Legende besagt, dass das Buch â€čTao Te Chingâ€ș von Lao Tze im 5. Jahrhundert v. Chr. auf Wunsch eines TorwĂ€chters des westlichen Gebirgspasses von China wĂ€hrend seines selbstgewĂ€hlten Exils geschrieben wurde. Im Exil war er, weil er erkannt hatte, dass die Gouverneure sein Postulat des â€čRegierens durch Nichtstunâ€ș nicht akzeptieren wĂŒrden. Seine Gedanken ĂŒber das Tao jedoch sind zu einer der tiefsten Wurzeln der chinesischen Kultur geworden. Das Tao ist die natĂŒrliche, höchste, durchdringende Kraft, welche alle Wesen erschafft. Sie ist allmĂ€chtig, offenbart aber nie ihre Macht. Sie ist das höchste Gut, bleibt aber am niedrigsten Ort. Sie erreicht, ist aber nie von ihren Errungenschaften abhĂ€ngig. Und Menschen können nur dann harmonisch mit der Erde leben, wenn sie sich am Tao ausrichten: mit einem VerstĂ€ndnis der dialektischen Natur der Welt zu leben und nichts zu erzwingen. Mit anderen Worten: zielorientierte Bestrebungen mĂŒssen eliminiert werden. Lao Tzes Denken hat Hugo KĂŒkelhaus zutiefst beeinflusst und es war eine Freude, zu sehen, wie diese Gedanken in seinem Buch â€čUnmenschliche Architekturâ€ș umgesetzt werden.

Vorgeburtliche UniversalitÀt

KĂŒkelhaus spricht ĂŒber die Kraft, welche das körperliche Wachstum des Embryos und Fötus im Mutterleib organisiert. WĂ€hrend der Kindheit tut sie dies weiterhin, nur mit geringerer IntensitĂ€t und in einer Geste des Nichtstuns. Jeder schöpft Leben aus dieser mĂŒtterlichen Quelle. Kinder nutzen diese Kraft, um genau die richtigen Dinge zu tun, um mit â€čverkörperter Vernunftâ€ș aufzuwachsen. Mit viel Sorgfalt beschreibt KĂŒkelhaus aus vielen Blickwinkeln, was diese Kraft tut. Aber wenn wir fragen, was sie ist, werden wir vergeblich suchen. Er versucht, dieser Kraft Namen zu geben: «universelles Recht», «vorgeburtliche UniversalitĂ€t», «Entwicklungsdynamik», »die Prinzipien». Das Merkmal einer solchen Kraft ist jedoch die UnfĂ€higkeit, zu objektivieren, wie wir in â€čTao Te Chingâ€ș sehen können. Lao Tze nennt dieselbe universelle Kraft das â€čTaoâ€ș:

Das Tao, von dem man erzÀhlen kann
ist nicht das absolute Tao;
Die Namen, welche angegeben werden können,
sind keine absoluten Namen.
Das Namenlose ist der Ursprung des Himmels und der Erde;
Das Benannte ist die Mutter aller Dinge.
[
]
Diese beiden (das Geheimnis und seine Manifestationen)
sind (von ihrer Natur her) dasselbe;
Sie erhalten unterschiedliche Namen […].»[note]https://terebess.hu/english/tao/yutang.html[/note]

WĂ€hrend KĂŒkelhaus darĂŒber spricht, wie ein Organismus im Einklang mit der Natur leben sollte, sagt er: «[…] der Organismus wĂŒrde damit beginnen, seinen eigenen Wachstumsenergien eine BeschrĂ€nkung, eine Grenze und einen Raum so zu setzen, dass er das, was gesagt werden kann, mit dem in Beziehung setzt, was unbenannt bleiben muss.»[note]Hugo KĂŒkelhaus, Inhuman Architecture. Translated by Elmar Schenkel, Studio Naqshbandi, Auroville, 2007, S. 31.[/note] Was kann benannt werden und was muss unbenannt bleiben? Das Unbenannte/Namenlose ist das Tao und das ist, was die lebensorganisierende Kraft ist. Entsprechend ist das postnatale Leben das Manifest, das benannt werden kann. «Es gibt nur eine Sache zu beachten […] â€“ dass wir uns von jeglicher Art zielorientierter Spekulation befreien.»[note]A. a. O., S. 25.[/note] Dies spiegelt die Idee von Lao Tze perfekt wider. In einer Welt, die analytische FĂ€higkeiten und Intelligenz belohnt, aber heimlich und verzweifelt alles kontrollierend durchdringt, wird es immer schwieriger, zu verstehen, wie Dinge ohne sorgfĂ€ltige zweckorientierte Planung unser Leben verbessern oder festigen. DafĂŒr nennt KĂŒkelhaus das Beispiel der Bildung der Augen: «Es gibt kein einziges Organ in einem sich entwickelnden Organismus, welches entsteht, um spĂ€ter eine Funktion zu erfĂŒllen. Organe entstehen nicht fĂŒr, sondern nur durch Funktionen, welche durch die â€čUmweltâ€ș bedingt sind und auf diese Bedingungen reagieren. Das Auge zum Beispiel entsteht nicht, weil eine gewisse Sehkraft angestrebt wird, sondern im Zusammenspiel zwischen dem Mittelhirn und einem Organ, welches die DrĂŒsenaktivitĂ€t reguliert.»[note]A. a. O., S. 10.[/note] Er erklĂ€rt, wie die Welt von zielorientierter Planung geplagt wird. Wenn wir als «verkörperte Vernunft» leben wollen, sollten wir ein Leben mit «einer Haltung fĂŒhren, etwas hauptsĂ€chlich um seiner selbst willen zu tun»[note]A. a. O., S. 10.[/note] und uns nicht nur um das Sein, den Sinn und die Wahrheit zu kĂŒmmern.

Im gleichen Gedankengang spricht KĂŒkelhaus darĂŒber, dass die Schaffung das Einzige ist, was in unserem Leben auf der Erde Sinn macht. «Mit Schaffung meine ich, jene konstruktiven Energien zu bezeugen und zu bewahren, welche den Organismus durch Machtlosigkeit aufbauen.»[note]A. a. O., S. 10.[/note] Er zitiert direkt aus dem Taoismus, um seinen Standpunkt zu veranschaulichen: «Wenn wir aus unserer Kindheit herausgewachsen sind, ist es unsere Aufgabe, das Einfache zu tun, was schwer zu realisieren ist, was in der chinesischen Philosophie das â€čNichtstunâ€ș genannt wird: die Wege fĂŒr diejenigen zu öffnen, die aufwachsen, um GĂ€rtner zu werden.»[note]A. a. O., S. 31[/note]

Wir können das GegenstĂŒck zu diesen Gedanken im Vers 2 des â€čTao Te Chingâ€ș finden:

Deshalb handelt der Meister,
ohne etwas zu tun,
und lehrt, ohne etwas zu sagen.
Dinge entstehen und sie lÀsst sie kommen;
Dinge verschwinden und sie lÀsst sie gehen.
Sie hat, besitzt aber nicht,
Handelt, erwartet aber nicht.
Wenn ihre Arbeit erledigt ist, vergisst sie es.
Deshalb dauert es ewig.

Dialektische Gesundheit

Was muss in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und der Umweltbildung getan werden, um dieses stille, aber göttliche Ordnungsprinzip in die menschliche Gesellschaft zu integrieren? Der Dreh- und Angelpunkt liegt fĂŒr KĂŒkelhaus in der Architektur, in der gebauten Umgebung. Der moderne Mensch kann nicht ohne eine architektonische Umgebung leben. Deshalb sollte sie wie eine gesunde Grenze zwischen Mensch und Natur wirken. Unter allen Architekturen kritisierte KĂŒkelhaus scharf die in den 1960er-Jahren gegrĂŒndeten BildungsgebĂ€ude wie die Harlem-Schule und ihr GegenstĂŒck in Westdeutschland. Er nennt sie «Informationsplantage» und Orte der «postnatalen Abtreibung» fĂŒr das Unterbewusstsein. Sie versuchen bis zu einem gewissen Grad absichtlich, alle Stimulationsquellen zu vernichten, die nichts mit dem Erreichen von Lernzielen zu tun haben. Er analysierte auch, warum diese Schulumgebungen aus reinem Kunstlicht, flachen Böden, synthetischen Materialien und unnatĂŒrlichen Akustik- und Klimaanlagen auf der physiologischen Ebene mehr schaden als nĂŒtzen. Diese SchulgebĂ€ude sowie viele andere moderne Architekturen haben den Menschen die Möglichkeit genommen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Das Problem liegt nicht in der Absicht, sondern in der Unwissenheit darĂŒber, wie Unterschiede und PolaritĂ€ten eine entscheidende Rolle in unserem Dasein spielen. Denn alle gesunden Prozesse sind dialektischer Natur.

Dies ist auch einer der grundlegendsten Punkte im â€čTao Te Chingâ€ș. Darin werden die PolaritĂ€ten und ihr gegenseitiges Werden in fast jedem Vers mit verschiedenen Beispielen deutlich. Von Anfang an wird die Schöpfung des Universums als Yin und Yang dargestellt, vereint durch alles durchdringende Prinzipien. So wie hoch und niedrig in einem Pendel Teile eines funktionalen Ganzen werden. In Vers 42 heißt es:

Aus dem Tao wird einer geboren;
Aus einem, zwei;
Aus zwei, drei;
Aus drei, das erschaffene Universum.
Das erschaffene Universum trĂ€gt das Yin auf dem RĂŒcken
und das Yang vorne;
Durch die Vereinigung der durchdringenden Prinzipien
erreicht es Harmonie.

KĂŒkelhaus spricht auch ĂŒber verschiedene Prozesse wie das Gehen, das Schwingen, menschliche Lernprozesse, unser Gleichgewicht gegen die Schwerkraft, um zu ĂŒberprĂŒfen, dass alle Facetten unseres Lebens eine dialektische Natur haben. In Vers 2 des â€čTao Te Chingâ€ș heißt es:

Wenn Menschen manche Dinge als schön empfinden,
werden andere Dinge hÀsslich.
Wenn Menschen manche Dinge als gut ansehen,
werden andere Dinge schlecht.
Sein und Nicht-Sein erschaffen sich gegenseitig.
Schwierig und einfach unterstĂŒtzen sich gegenseitig.
Lang und kurz definieren sich gegenseitig.
Hoch und tief hÀngen voneinander ab.
Vorher und nachher folgen einander.

KĂŒkelhaus liebte die chinesische Philosophie. Beim Lesen von â€čUnmenschliche Architekturâ€ș und dem â€čTao Te Chingâ€ș findet man Freude und Inspiration. In einer Zeit des eskalierenden Krieges und der Spaltung finde ich die Resonanz zwischen diesen Gedanken besonders tröstlich, da sie bestĂ€tigen, wie große Geister und inspirierende Gedanken aus einer vereinten Quelle stammen, die niemals an NationalitĂ€t und Zeit gebunden ist.

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