Das Orakel von Delphi

Die so widersprĂŒchliche Welt zu verstehen, ruft das Bewusstsein auf, einen Sprung zu machen, wie damals, als wir vor 3000 Jahren die Obhut der Götter hinter uns ließen, um Persönlichkeit und Freiheit zu finden. Delphi war die große Schule auf dem Weg zum Ich. Heute sind wir selbst unsere Lehrer und Lehrerinnen. Es lohnt sich, Delphi zu verstehen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich der Maler Philip Nelson gerade jetzt diesem Heiligtum des Denkens widmet.


In der griechischen Kultur sind sechs bzw. sieben Orte besonders prĂ€gend. Es geht dabei um die Zeit von 800 v. Chr. bis zum Jahr 0. Da ist zum einen das Herz, der Nabel, der Mittelpunkt der Welt: Delphi, â€čDelphoiâ€ș im Altgriechischen, weil es das Wort nur im Plural gibt, aber im Neugriechischen verschwinden diese Umlaute. Itazismus nennt man diese VerkĂŒrzung. Delphi liegt in einer der großartigsten Landschaften, die die Welt zu bieten hat. Da liegt das gewaltige Tal des Flusses Pleistos, der die Randgebirge des Golfs von Korinth durchfurcht, und wie ein Kreuz, als hĂ€tten die Götter mit einem Beil eine zweite Schlucht geschlagen, die Kastalische Quelle. Wo sich diese beiden Schluchten kreuzen, steht der Tempel des Sonnengottes Apollon. In der Urzeit war dort ein anderes Heiligtum der großen Mutter Gaia, der Mutter Erde. Das ist ein Spiegel der Tatsache, dass Griechenland in der FrĂŒhzeit von matriarchalen Kulturen bewohnt war. Erst spĂ€ter wurde, wie in so vielen griechischen HeiligtĂŒmern, Apollon an diese Stelle gesetzt. Auch in der FrĂŒhzeit war es allerdings schon ein Orakel-Heiligtum. Dort konnte man also die Zukunft erfahren. Dadurch, dass Apollon dieses Orakel in Besitz nahm, verĂ€nderte sich das gesamte Orakelwesen.

Eine Insel wie ein Auge

Hinter dem Apollon-Tempel erhebt sich jĂ€h ansteigend das Gebirge der PhĂ€driaden. Ihr Name bedeutet auf Deutsch â€čdie Loderndenâ€ș. Dahinter erstreckt sich eine Hochebene, an die sich dann der ĂŒber 2000 Meter hohe Parnass anschließt. Auf diesem Gebirge lebten schon in Ă€ltesten Zeiten Göttinnen, die Musen. Deshalb nannte man ihn auch gern den DichterhĂŒgel, denn die Musen sind es, die die großen SĂ€nger und Dichter inspirierten. Das ist die mythische Landschaft, in der sich ursprĂŒnglich das Heiligtum der Gaia befand. Gaia hatte als Kind den Drachen Python (deutsch: der Verwesende oder der Vermodernde). Er war von solcher GrĂ¶ĂŸe, dass er die gesamte kastalische Schlucht ausfĂŒllte. In den Wassern der Quelle war er seelisch zu Hause. Es ist ein alter Mythos, dass Drachen und Schlangen in GewĂ€ssern zu Hause sind. Zu den unangenehmen Eigenschaften des Python gehört, dass er einen giftigen Atem hat, der die ganze Landschaft von Delphi verpestet. Apollon ist zu dieser Zeit noch nicht geboren. Zeus, sein Vater, der den Beinamen â€čder Vielbesamerâ€ș trĂ€gt, hatte sich mit der Urgöttin Leto eingelassen. So ist Leto mit Zwillingen schwanger. In ihrem Leib wachsen zwei Götterkinder heran: Artemis und Apollon. Hera erfĂ€hrt von dem Seitensprung und verbietet allen FestlandlĂ€ndern, die gebĂ€rende Leto aufzunehmen. So hofft Hera zu verhindern, dass die Frucht dieser Liebesbeziehung geboren wird. Nun gibt es östlich von Delphi eine ganze Reihe von Inseln, die Kykladen genannt werden, weil sie sich kreisförmig gruppieren (â€čkyklosâ€ș = Kreis). Unter der WasseroberflĂ€che schwimmt eine Insel. Sie schwebt zwischen Meeresgrund und OberflĂ€che, so wie das menschliche Gehirn im Gehirnwasser schwebt. Zeus befiehlt dieser Insel nun, zu erscheinen. FĂŒr sie gilt das Verbot der Hera nicht, weil sie noch nicht festes Land war, als das Verbot ausgesprochen wurde. Das kleine, karge Eiland erscheint aus den Fluten der ÄgĂ€is und bekommt deshalb den Namen Delos, â€čdie Erscheinendeâ€ș. Hier landet die schwangere Leto. Auf der Insel liegt im Norden ein kreisrunder See mit SĂŒĂŸwasser. Der Fluss Inachos vom sĂŒdlichen Berg speist diesen See. Mitten im See gibt es eine winzige Insel, auf der eine Palme wĂ€chst. Wie ein Auge erscheint diese Insel. Die Landschaft erinnert an die Ă€gyptische Landschaft um den Tempel der Hathor in Dendera und es gibt die Sage, der Fluss auf Delos falle und steige mit dem Pegelstand des Nils. So drĂŒckt der Mythos eine Beziehung aus. Leto landet also auf der neu erschienenen Insel, begibt sich dort auf die Insel mit der Palme und gebiert Apollon. Sie tut dies, wie es im Altertum ĂŒblich war, nicht im Liegen, sondern im Knien, indem sie sich an der Palme festhĂ€lt. Heraus springt, schon in goldener RĂŒstung, schon mit Sprache begabt, schon mit einem silbernen Bogen mit goldener Sehne bewaffnet, Apollon. Seine Schwester Artemis wird zuvor im SĂŒden der Insel geboren. Leto bringt sie in einer Grotte auf dem Berg zur Welt.

Philip Nelson «Du sagst, die Pythia habe ihre OrakelsprĂŒche nur bei Vollmond gegeben. Ich wusste das nicht, aber interessanterweise habe ich in diesem Bild ihre Haare mit einem Silberglanz gemalt; jetzt weiß ich, warum.»

Den Drachen niedertanzen

Was sagt Apollon, kaum dass er dem mĂŒtterlichen Leib entsprungen ist? Er spricht die geflĂŒgelten Worte: «Ich werde den Menschen, den Sterblichen, den untrĂŒglichen Willen meines Vaters kĂŒnden.» Das bedeutet: Ich werde Orakelgott, ich sage den Menschen, was sie von der Zukunft erfahren dĂŒrfen. Dann geht er direkt nach Delphi, denn er hat erfahren, dass dort ein Drache haust. Mit Drachen kennt sich der junge Gott aus, denn seine Mutter hatte nicht nur unter dem Verbot gelitten, nirgends gebĂ€ren zu dĂŒrfen, sondern Hera hatte ihr auch einen feuerspeienden Drachen hinterhergeschickt, der sie ĂŒber alle LĂ€nder verfolgte. Es ist ein Bild, das in der Apokalypse erscheint: die Jungfrau, gejagt von einem Drachen. Das BrĂŒllen und Fauchen des Drachens hatte Apollon schon im Muterleib gehört und aus dieser Erfahrung wĂ€chst der Entschluss, Orakelgott zu werden. Er geht zu der Schlucht der Kastalischen Quelle und lockt den Drachen durch Beschimpfungen und Beleidigungen heraus. Als der Drache herauskommt, tanzt Apollon um ihn herum und mit jedem Tanzschritt schickt er ihm einen goldenen Pfeil, bis neun von diesen Pfeilen im Drachen stecken und dieser entkrĂ€ftet in die Kastalische Schlucht heruntersinkt und mit dem Wasser in den Tiefen der Erde verschwindet und dort verwest. Die Griechen sprechen hier nicht von einem Sieg, sondern sie sagen, Apollon habe den Drachen niedergetanzt, indem er die Pfeile mit singender Sehne schoss. Weil der Drache in den Tiefen nun verwest, heißt er entsprechend â€čder Vermoderndeâ€ș, und deshalb steigt der modrige Rauch aus den Spalten auf. Wenn die Sibyllen, diese eigenartigen Menschen, den Rauch einatmen, dann werden sie zukunftswissend, aber auf besondere Weise, denn sie werden wahnsinnig, rasend. Deshalb bĂ€ndigt Apollon die Sibyllenwesen, indem er einen speziellen Tempel errichten lĂ€sst. Zuerst begibt er sich auf den Parnass und schaut auf das Meer. Von dort sieht er ein Schiff mit kretischen Kaufleuten. Er verwandelt sich in einen Raben und fliegt auf das Meer, um als Delfin zum Schiff zu gelangen. Daraufhin fĂŒhrt er die Kaufleute nach Delphi, damit sie dort einen Tempel bauen. Zuerst sollen sie alle Erdspalten, aus denen Rauch hervorkommt, schließen, bis auf einen, ĂŒber dem ein Tempel errichtet wird. Diesen Brauch hat es offensichtlich tatsĂ€chlich bis in die Römerzeit gegeben, denn es wird immer wieder von Reisenden berichtet, die auf ihrem Schiff den Rauch ĂŒber dem Tempel schon von Weitem aufsteigen sahen. Deshalb besaß der Tempel auch ein offenes Dach.

Mit der Zunge schauen

Über den Erdschlund lĂ€sst Apollon einen Dreifuß aufstellen, der in einer Schale endet. Darin sitzt die sibyllische Priesterin. Die Priesterin bestimmt auch ihre Nachfolgerin. Sie ordnet an, welches MĂ€dchen in welchem Dorf geholt werden sollte. FĂŒr die betreffende Familie war es eine Ehre, ein Kind Apollons abgeben zu dĂŒrfen. Warum errichtet Apollon das Orakel gerade dort? Zeus hatte vor Urzeiten herausfinden wollen, wo die Mitte der Erde sei, und ließ dazu zwei Adler vom westlichen und vom östlichen Ende der Welt aufsteigen. Sie trafen sich ĂŒber Delphi. Die ersten Jahrhunderte der griechischen Kultur sind durch und durch vom Orakel von Delphi geprĂ€gt. Kaum eine griechische Stadt oder BĂŒrgerschaft fĂ€llte wesentliche Entscheide, ohne zuvor nach Delphi zu gehen und den Gott Apollon um Rat zu fragen. Wen soll ich heiraten? Soll ich in den Krieg ziehen? Welche Regierungsform sollen wir bilden? Solche Fragen waren es, die man dem Orakel stellte. Die heutige Geschichtswissenschaft geht deshalb davon aus, dass das Orakel von Delphi die griechische Geschichte leitete wie ein Lehrer seine SchĂŒler und SchĂŒlerinnen. Apollon sprach die Orakel auf merkwĂŒrdige Weise, was den Altertumswissenschaftler Wolfgang Schadewaldt zu seinem Buchtitel fĂŒhrte: â€čDer Gott von Delphi und die HumanitĂ€tsideeâ€ș. Alle OrakelstĂ€tten in Griechenland funktionierten so, dass man ein Menschenkind, von dem man glaubte, dass es den Willen der Götter kenne, um Rat fragte. So erhielt man eine Antwort, was man tun sollte. In Delphi war das anders, denn der Orakelprozess war kompliziert. ZunĂ€chst ordnete Apollon an, dass neben seinem Tempel, direkt am Abgrund der Pleistosschlucht, ein zweiter Tempel errichtet wurde, fĂŒr seine Schwester Athena Pronaia (â€čpro-naiaâ€ș = vor dem Tempel). Athena war die Göttin der Verstandesklugheit, die Göttin, die die Klugen liebt, wie es bei Homer heißt. Zu diesem Tempel musste man zuerst pilgern, wenn man ein Orakel wĂŒnschte. Dann durfte man zu wenigen Zeiten im Jahr Apollon seine Fragen stellen. Am Anfang war das nur möglich, wenn Vollmond war und der Mond in der Nacht durch die Dachöffnung zu sehen war. Die Pythia, so hieß die delphische Sibylle, schaute in das Gesicht des Vollmondes, wĂ€hrend sie in Trance den Willen Apollons durch unverstĂ€ndliches Schreien und Jaulen kundtat. Beschreibungen und Zitaten zufolge geschah dies wie ein tollwĂŒtiger, sich windender Hund, mit der Zunge die Luft schmeckend. An den Enden ihrer ungeschnittenen Haare hingen Bleikugeln, die sie schleuderte. Es gab die Überzeugung, dass Götter durch die Haare tasten könnten. Die Haare waren Sinnesorgane. Die Augen verdrehte die Sibylle, sodass das Weiße des Auges heraustrat. In der Elektra von Sophokles, in der Orestie von Aischylos ist nachzulesen, wie die Kassandra in ihren manischen ZustĂ€nden das Grauen vorausschaut. Auch hier sagt der Chor: «Was windest du dich wie ein Hund?» Bei diesen hellfĂŒhlenden Frauen arbeiten die Sinnesorgane anders. Die Zunge wendet sich nach außen, nicht nach innen, und die Augen nach innen, nicht nach außen. Die Sinne haben eine NĂ€he und Ferne zum Körper. Rudolf Steiner sagte, Sibyllen seien gewöhnliche, ein wenig ungewöhnliche Frauen, weil bei diesen Sibyllen, die es heute gar nicht mehr gĂ€be, zu bestimmten Zeiten der Astralleib auf dem Kopf stĂŒnde. Durch den Astralleib erfahren wir ein Bewusstsein von Innen und Außen. Deshalb ist er vor allem in den Sinnesorganen zu finden. Rudolf Steiners Äußerung bedeutet, dass, was die oberen Sinnen wie Auge und Ohr die Welt erfahren, in die unteren Sinne rutscht, sodass man mit der Zunge sieht, mit der Nase hört, ja auch mit den Haaren beginnt zu hören und zu sehen. Umgekehrt tastet die Sibylle mit dem Auge und riecht mit dem Ohr. Die Welterfahrung wird vollstĂ€ndig anders, wenn sich die Sinne auf diese Art umdrehen. Gleichzeitig fasst die Sibylle mit ihrer rechten Hand auf einen stilisierten goldenen Nabel, denn Delphi war der Nabel der Welt. Er markierte die Mitte der Welt. Die Sibylle atmete die DĂ€mpfe ein, die aus der Erde aufstiegen. Und sie tat noch etwas. Apollon hatte sich in die Nymphe Daphne verliebt, die ihn abwies und sich lieber in einen Lorbeerbaum verwandelte. Daphne heißt deshalb Lorbeer und ist der heilige Baum Apollons. Ein solcher Lorbeerbaum wuchs in der Mitte des Tempels und von diesem Baum legte sich die Sibylle ein Blatt auf die Zunge, was die Aussprache natĂŒrlich erschwerte. Bevor die Sibylle in dieser Position war, ging sie zur Kastalischen Quelle, um darin zu baden und das Wasser zu trinken. Wenn all diese Bedingungen erfĂŒllt waren, konnte die Pythia hellsehen. Darum hieß die Kastalische Quelle â€čhydor laleinâ€ș, das redende Wasser. Die Pythia trat in ein anderes VerhĂ€ltnis zu den Elementen ein. Die Luft ist nicht durchsichtig fĂŒr das Licht, sondern wird tastbar durch die Zunge. FĂŒr die Griechen waren die Sibyllen eine eigene Gattung von Menschen, die zeitweise den Göttern nĂ€her ist. Sie wĂ€hlten die Sibyllen fĂŒr diesen Gottesdienst aus und gleichzeitig verachteten sie sie. Man verehrte nur die Tatsache, dass die Götter diese Menschen zu ihrem Instrument wĂ€hlten. Die Anwesenheit des Gottes in der Sibylle war ehrfurchterweckend, die Sibylle selbst aber galt als verachtungswĂŒrdiger Menschenzustand. Denn so wie sich die Sibylle gebĂ€rdete, war sie das Gegenteil von allem, was durch den delphischen Tempel veranlagt werden sollte: der selbstbewusste, selbst urteilende Mensch, der durch den Vernunftpol seiner Persönlichkeit das Ruder seines Lebensschiffes selbst in die Hand nimmt. Die Sibyllen waren einem Götterwillen ausgeliefert, â€čfast wie ein Tierâ€ș, wie es oft beschrieben wird. Es ist ein Beispiel der WidersprĂŒchlichkeit der griechischen Kultur, ein Spiegel der zwei kultischen Ströme des Griechischen. Die Sibylle ist ein Nachklang der vorindogermanischen mĂŒtterlichen Götterwelt und wurde in den apollinischen Himmelskult hineinkanalisiert.

Dass Gott spricht, verdankt man einer Menschenart, die man zugleich verachtet. Es ist ein Lebenswiderspruch. Er lĂ€sst sich nicht auflösen, lenkt vielmehr den Blick darauf, dass solche WidersprĂŒche erst in einer höheren Einheit sich fassen lassen. Hegel hat es in den Satz gefĂŒgt: «Wer die WidersprĂŒche aufhebt, der hebt das Leben auf.»

Nelson «Dieses Bild ist in sehr kurzer Zeit entstanden. Es war eines der stÀrksten Erlebnisse, das ich beim Fertigstellen eines Werkes je hatte: eine Sibylle in Erwartung ihrer Prophezeiung.»

Denken ist heilig

Dann trat der oder die Fragende in den Tempel, eine ganz besondere Situation fĂŒr einen Griechen, denn er trat in die Wohnung des Gottes. Das gab es nur in Delphi. Man durfte sonst nur hineinsehen. Kurz vor dem Erdspalt, wo auch das Wasser der Quelle durch einen kunstvollen Kanal geleitet wurde, hing ein purpurfarbener Vorhang, sodass der Fragesteller die auf dem Dreifuß sitzende Seherin nicht sah, sondern nur die furchtbare Stimme der Pythia hörte. Zwölf Priester des Apollons, die in die Mysterien von Eleusis eingeweiht waren, standen hinter dem Vorhang. Sie ĂŒbersetzten in kurzer Zeit die ausgestoßenen Laute in menschliche Sprache, in Hexameter. So kam der Fragesteller zu seiner Antwort, die es aber in sich hatte. Heraklit drĂŒckt es so aus: Der Gott von Delphi sagt nicht Ja oder Nein, sondern er deutet an. Denn alle OrakelsprĂŒche der Pythia von Delphi waren, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, RĂ€tsel, und zwar bewusst mehrdeutige. Das berĂŒhmteste Orakel: Kroisos, ein König aus der heutigen TĂŒrkei, möchte Krieg fĂŒhren gegen die Meder, die spĂ€teren Perser. Sein Land wird durch den Fluss Halys begrenzt. So lĂ€sst er das Orakel fragen, ob er Krieg fĂŒhren soll. In einem langen Hexameter antwortet die Pythia mit der entscheidenden Stelle: «Wenn du den Halys ĂŒberschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.» Das interpretiert Kroisos so, dass er siegen wird. Er marschiert ĂŒber den Fluss und verliert sein Reich, bis auf wenige Grenzfestungen. Von dort schickt er einen Brief nach Delphi: «Du, Apollon, bist ein trĂŒgerischer Gott!» Daraufhin schreibt die Pythia in Apollons Auftrag: «Lerne, klĂŒger zu fragen!» Kroisos: «Was soll dieses Spiel?» Apollon: «Lerne, zu fragen!» Wolfgang Schadewaldt spricht von der menschheitspĂ€dagogischen GenialitĂ€t der Priester von Delphi.

Man versetze sich in das Bewusstsein eines Menschen im 8. Jahrhundert vor Christus. Delphi liegt nicht in einer lieblichen Landschaft, sondern im Gebirge. Da muss man wandern und es gibt Wölfe, BĂ€ren und sogar den persischen Berglöwen. Es gibt RĂ€uber und verschiedene Stadtstaaten, die man durchqueren muss. Und je nachdem, welche Kriege gerade gefĂŒhrt werden, welche Spannungen herrschen, ist es so sicher, wie im DreißigjĂ€hrigen Krieg durch Europa zu wandern. Es ist ein Wagnis. Wenn der Grieche seinen Göttern begegnen will, dann versenkt er sich nicht in sein Inneres, wartet nicht eine heilige Zeit ab wie heute die Weihnachts- oder Osterzeit. Mit den Göttern kann ich nur sprechen, wenn ich mich auf den Weg mache, an den Ort, an dem die Götter sind, das sagte sich ein Grieche. Denn alles durchwalten die Götter, sagte Heraklit. Aber jeder in seiner Landschaft, jeder an seinem Ort. Um Apollon zu begegnen, muss man an einen apollinischen Ort gehen. â€čReligiöser Wegâ€ș, â€čPfad der Erleuchtungâ€ș, â€čSchulungswegâ€ș, all diese Beschreibungen sind ein ins Innere des Menschen projiziertes Bild dieser Ă€ußeren Wanderung zum heiligen Ort.

SpĂ€ter im Lauf der Geschichte hĂ€uften sich die Daten, an denen die Pythia weissagte. Man ging natĂŒrlich nur deshalb nach Delphi, weil man die Gewissheit spĂŒrte, dass dort ein Gott antwortet. Die Griechen lebten also in der Überzeugung, dass die Götter zwar nicht mehr unter den Menschen wandeln, sich aber auf geheimnisvolle Weise an ihren Orten verbergen. Doch einen Ort gibt es, wo Gott immer noch mit den Menschen spricht, und das ist Delphi. In Delphi ist die Stimme der Götter noch nicht verstummt. Man geht nach Delphi, wenn man eine Frage auf dem Herzen hat, die tatsĂ€chlich lebensentscheidend ist. Soll dieser oder jener den Thron erhalten? Soll unser Volk nach da oder nach dort ziehen? Man stelle sich eine solch quĂ€lende Lebenslage vor und es gĂ€be einen Ort, wo man tatsĂ€chlich eine Antwort erhĂ€lt. Aber nun erhĂ€lt man nicht die Antwort, die man ersehnt, sondern man bekommt auf die quĂ€lende Frage ein RĂ€tsel. Was bedeutet das? In der Sprache der Griechen: Ich als Gott, der dein Schicksal kennt, will dich nicht leiten, sondern nur unterstĂŒtzen. Indem ich dir ein RĂ€tsel gebe, zwinge ich dich, die Lösung selber zu finden. RĂ€tsel löst man durch Nachdenken. Die gewöhnliche Resignation auf ein RĂ€tsel, das uns ĂŒberfordert, kommt nicht infrage. Die Weisheit meines Lebens verbirgt sich in dem RĂ€tsel, das ich durch Nachdenken lösen muss. Darum sagt der Altertumsforscher Karl Scheffold: Ein Volk von Selbstdenkern wollte der Gott von Delphi erziehen. Die Idee des Orakels von Delphi war es, so zu wirken, dass die Menschen dieses Kulturkreises das Göttliche nicht in der Form einer Offenbarung finden, sondern in der Form des Nachdenkens. «Die Griechen erlebten ihren höchsten und mĂ€chtigsten Gott in der Erfahrung des selbstĂ€ndigen Denkens.» Was durch die delphische Praxis ĂŒber Jahrhunderte in die Seele von Tausenden von Menschen gesenkt wurde, ist ein GefĂŒhl, das wie kaum ein anderes am Ausgangspunkt Europas steht: Das Denken ist heilig, Denken ist Beten, Erkennen ist Gottesdienst. Das ist die Botschaft von Delphi. Nach Delphi geht man auf Ă€ußeren schwierigen Pfaden, von Delphi weg geht man auf inneren schwierigen Wegen.

Nelson «Die SÀule hat sich auf dem Bild zuerst gezeigt. Es war eine Inkarnation. Dann kam der Feuervogel. Ich habe noch nie einen solchen Vogel gemalt! Er ist ins Bild geflogen. Die Figur schaut ihn an. Da ist Zukunft und Gegenwart.»

Drei SĂ€tze ĂŒber dem Tempel

So lautet die Antwort auf die Frage der Athener BĂŒrgerschaft, wer der weiseste aller Menschen sei: Das ist Sokrates. Der Grieche, der wie kein anderer das selbstĂ€ndige Denken, das Leben selbst in die Hand zu nehmen gelehrt hat, wird von Delphi also als weisester Mensch bezeichnet. Sobald die Pythia den Tempel betreten hatte, wurde sie nicht mehr bei ihrem Namen angesprochen. Im Tempel hieß sie â€čApollonâ€ș. Dieser â€čsichtbare Kehlkopf Gottesâ€ș, wie Plutarch die Pythia nennt, war das Wort Gottes, war Gott selbst. Darum konnte man zum Wort Gottes gehen, wenn man nach Delphi ging. Wenn Paulus dann 500 Jahre spĂ€ter auf dem Areopag in Athen zu den Griechen vom Logos predigt, dann spielt Paulus auf diese delphische Tradition an. Der Tempel von Delphi ist der einzige Tempel, den ein Mensch betreten durfte. Über dem Eingang im Osten standen drei SĂ€tze: â€čEâ€ș, das heißt auf Alt-Alt-Griechisch â€čDu bistâ€ș, so spricht der Gott den Ankommenden an. Plutarch, der viele Jahre oberster Priester von Delphi war, schrieb dazu das Buch â€čDas E von Delphiâ€ș. Der Mensch geht hinein, als wĂ€re er ein kleiner Gott. Was ist zuvor mit ihm geschehen? Er schritt, wie noch heute die Millionen Touristen und Touristinnen, den gewundenen Weg hinauf zum Tempel, links und rechts all die tausend Statuen, Vasen oder Schmuckteppiche, die von den Ratsuchenden als Dank dem Orakel geschenkt wurden. Es war das Vollkommenste, was die antike Kunst von Persien bis Spanien zu bieten hatte, in Delphi sah man es im Aufstieg. So getrĂ€nkt mit dem Wissen und Können der ganzen alten Welt war man vorbereitet, die Frage zu stellen, die Antwort zu nehmen.

Links vom Eingang steht â€čmeden aganâ€ș â€“ â€čNichts zu viel, alles im Maßâ€ș. Was rechts vom Eingang steht, darĂŒber streiten sich die Gelehrten. Eine Variante der Überlieferungen lautet: â€čHydor aristonâ€ș â€“ â€čDas Beste ist das Wasserâ€ș. So wurde man empfangen, wenn man nach Delphi kam.

Nelson «Griechenland ist uns so viel nĂ€her als Ägypten, als Indien â€“ aber diese NĂ€he ist verborgen. Von der Farbe Inkarnat war ich immer fasziniert, ohne jemals ein Bild mit dieser Farbe gemalt zu haben. Jetzt habe ich alle drei LeinwĂ€nde zu den Bildern mit diesem Rosa. Englisch wĂŒrde man sagen â€čpinkâ€ș, aber es ist kein Pink.»

Textfassung des Vortrags auf DVD â€čWeltgeschichte im Lichte der Anthroposophieâ€ș Nr. 10, verschriftlicht von W. Held.

Philip Nelson ĂŒber seine Bilder zum Orakel von Delphi

«Seit langer Zeit wollte ich eine Ausstellung mit nur figurativen Bildern und keinen abstrakten Werken zeigen. Nach der Ausstellung der Kulturepochen 2019 (siehe â€čGoetheanumâ€ș Nr. 39/40, 2019) konnte ich diesen lang gehegten Wunsch verwirklichen. Entstanden sind nahezu 100 Werke mit einer Emphasis auf das klassische Griechenland.» Bilder © Philip Nelson

Besichtigung Die Bilder sind im Atelierhaus von Philip Nelson in Dornach nach telefonischer Verabredung an Sonntagen im Oktober zu betrachten: Tel: +41 61 701 59 92 oder +41 793 52 68 82.

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