Das Klima braucht unseren Wandel

Die Klimakrise lösen wir nur mit einem Paket aus naturwissenschaftlichem, ökonomischem, gesellschaftlichem und spirituellem Engagement – so die Herbsttagung der Naturwissenschaftlichen Sektion. Sie fand vom 1. bis 4. Oktober 2020 mit 50 Teilnehmenden am Goetheanum statt.


Es entstand eine Aufbruchstimmung, auch weil sich den Teilnehmenden eine Gelegenheit bot, ihre Ansichten, Sorgen und Initiativen auszudrĂŒcken. So passte der Beitrag der Klimaaktivistin Pauline Lutz, die wegen eines Coronafalls im Freundeskreis lediglich per Videobotschaft zugeschaltet war, zur Stimmung der Konferenz: «Ich mag es nicht, Leute zu beruhigen, sodass sie glauben, es könne weitergehen wie bisher. Aber meine Hoffnung ist zu groß, als dass ich sie nicht mit euch teilen möchte.» Im Gegensatz zum raschen Handeln in der Coronapandemie, das in kurzer Zeit einschneidende positive Maßnahmen fĂŒr das Klima mit sich gebracht hat, kommt die Umsetzung der beschlossenen Klimaziele nur schleppend voran. Pauline monierte die Furcht, die eigenen WohlfĂŒhlzonen zu verlassen, weshalb nur getan werde, was aus heutiger Sicht ökonomisch machbar erscheint.[note] Siehe: Die Zeit rennt und ihr pennt. In â€čGoetheanumâ€ș 21/2019. [/note] Mit einem Gedicht von Rose AuslĂ€nder legte sie den Zuhörenden ans Herz: «Wirf deine Angst in die Luft».

In dieser berĂŒhrenden Botschaft war auch von einer Utopie die Rede. WĂŒrde sie die Beziehung des Menschen zur Erde verwandeln â€“ vom Bild der Erde als begrenzte materielle Ressource, die ausgeschöpft und zu Geld gemacht werden kann, zum Bild der Erde als lebendiges, atmendes Wesen, mit dem die Menschheit in einem Netz dynamischer Wechselbeziehungen steht? Ziel der Tagung war, dieses Bild gemeinsam zu entwerfen. Lebendig und wandelbar wie das Bild selbst waren auch die Blickrichtungen: Von der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Erde als Organismus wandte der Blick sich zu den Handlungsoptionen, die in PĂ€dagogik, Landwirtschaft und Wirtschaft schon ergriffen werden, von der menschheitlichen Situation zu den psychologischen und spirituellen Verwandlungsmöglichkeiten des Individuums.

Erd- und Menschengeschichte sind eins

Am ersten Tag der Konferenz stand die gemeinsame Geschichte von Klima und Erde im Raum, die sich in einem Ineinanderwirken von Windgeschwindigkeit, Luft- und Meerestemperatur entwickeln, durch das sich das Klima in grĂ¶ĂŸeren AbstĂ€nden rhythmisch abkĂŒhlt und erwĂ€rmt. Dass wir heute ĂŒber Tausende Messungen in der Lage sind, dieses Zusammenspiel von Rhythmen sowie den KohlensĂ€urekreislauf ĂŒber Jahrhunderte abzubilden, zeigte Meinhard Simon, Meeresbiologe an der UniversitĂ€t Oldenburg. Die Grafiken belegen, dass der CO2-Gehalt in der AtmosphĂ€re parallel zur Industrialisierung sprunghaft und in vorher nie gekanntem Ausmaß angestiegen ist â€“ die Klimakrise hĂ€lt uns einen Spiegel unserer eigenen Taten vor Augen. Solche komplexen ZusammenhĂ€nge lassen sich nicht mit einem linearen Ursache-Wirkungs-Denken erfassen. Die Menschheit kann mit einem integrierenden Bewusstsein erkennen, dass die Erde ein Wesen ist, zu dem wir in einem wechselseitigen VerhĂ€ltnis in Beziehung treten können. Das bedeutet, dass moralische Impulse in diese Beziehung einzubringen sind, im Sinne des von Rudolf Steiner vor hundert Jahren geĂ€ußerten Gedankens, dass die Menschheit ĂŒber den Willenspol in Verantwortung steht fĂŒr die Entwicklung der Erdgeschichte.

Bild: Andreas Albert, WachstumsgebÀrde

Den organismischen Charakter der Erde stellte auch Susanna KĂŒmmell (Institut fĂŒr Evolutionsbiologie, Witten) dar. Sie zeigte die Eigenschaft der Selbstregulation, wie sie fĂŒr Lebewesen typisch ist. So hĂ€lt sich der Salzgehalt der Ozeane in stĂ€ndigem dynamischem Fließen innerhalb kleiner Abweichungen. In Eisenerzen aus Grönland, deren Alter auf 4,3 Milliarden Jahre datiert wird, wurden Spuren von Leben entdeckt. Bereits in den UranfĂ€ngen der Erde gab es Leben und Wasser auf der Erde. Somit war die Durchschnittstemperatur der Erde immer relativ moderat: Wasser war nie vollstĂ€ndig gefroren und ist auch nicht vollstĂ€ndig verdampft. Welcher Gegensatz etwa zur Venus, deren einstige WasseroberflĂ€che so heiß geworden ist, dass das Wasser zu einer dichten AtmosphĂ€re verdampft ist. An ihrer OberflĂ€che herrschen heute 460 Grad! Astronomen gehen davon aus, dass die StrahlungsintensitĂ€t der Sonne im Laufe der Erdgeschichte um 30 Prozent zugenommen hat, was in langen ZeitrĂ€umen relevant ist, jedoch bei der heutigen, schnell ablaufenden KlimaerwĂ€rmung keine Rolle spielt. Offensichtlich konnten die Erde und ihre LebenssphĂ€re die steigende Sonnenstrahlung regulativ ausgleichen. Dabei ist nach heutigem Wissen der Kohlenstoffkreislauf sehr bedeutsam, indem sich in SĂŒmpfen Torf und spĂ€ter Kohle bildete und indem das CO2 bei der Kalkbildung gebunden wird. Heute dreht der Mensch mit dem Verbrennen fossiler EnergietrĂ€ger die regulatorischen Prozesse der Erde wieder um.

Die Erde kann neun Milliarden Menschen mit nachhaltiger Landwirtschaft ernĂ€hren, wenn der Verzehr von tierischem Eiweiß auf ein gesundes Maß und die Vernichtung von Lebensmitteln halbiert werden.

UnzĂ€hlige Faktoren mĂŒssen ineinanderspielen, wenn Leben entstehen soll. Die Erde ist nach bisherigen Kenntnissen der einzige Planet im Weltraum, der Leben beherbergt â€“ oder selbst lebendig ist. Ein Bild des sich selbst die eigenen Bedingungen schaffenden Lebens der Erde entwarf Albrecht Schad, Professor an der Freien Hochschule Stuttgart, indem er sie mit der frĂŒhen Entwicklung des menschlichen Embryos verglich. Diese beginnt damit, dass der Keim zunĂ€chst den Trophoblasten, sein umhĂŒllendes NĂ€hrgewebe, bildet, in dessen Zentrum er sich zu differenzieren beginnt. So kann auch die lebendige Erde entstanden sein â€“ in stĂ€ndiger Interaktion mit der Umgebung hat sie ihre Lebensbedingungen allmĂ€hlich selbst geschaffen. Die periphere Lebenswelt der Erde mit Bakterien und Einzellern wĂ€re mit der biogenen Gesteinsbildung die nĂ€hrende HĂŒlle gewesen, in der sich die AnfĂ€nge der biologischen Evolution erst bilden konnten. Ein anderes Beispiel ist die Anreicherung der ErdatmosphĂ€re mit Sauerstoff durch die FotosynthesetĂ€tigkeit der Cyanobakterien, die ĂŒber Jahrtausende die Voraussetzung fĂŒr die Entstehung höherer Lebewesen geschaffen hat.

Wie alle satt werden

Hans Ulrich Schmutz zeigte in seinem Beitrag, dass in der Schule nicht Wissensinhalte, sondern ein bewegliches Denken erlernt werden sollte. Das kann anhand der Bewegungen des Wassers in den Weltmeeren geschehen â€“ die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler werden angeregt, diese zu zeichnen. DarĂŒber hinaus werden dynamische VerhĂ€ltnisse ĂŒber die astronomische BeschĂ€ftigung mit den verschiedenen Rhythmen der Erdbewegung erĂŒbt: Der Rhythmus der Drehung der Erde um sich selbst und um die Sonne, der Bewegung der Erdachse und der Rhythmus der elliptischen Bahnen â€“ vier Rhythmen, die ineinandergreifen und auf die Erde wirken. Sie werden grafisch abgebildet mit Daten von Eisbohrkernen in der Arktis und zeigen den rhythmischen Verlauf von WĂ€rmeperioden und Eiszeiten. Seit dem sprunghaften Anstieg des CO2-Ausstoßes in den letzten 50 Jahren ist das Zusammenspiel der Rhythmen zusammengebrochen, ihre Zeitgestalt wurde gestört.

Bild: Andreas Albert, Regenwald­dynamik (Ausschnitt)

Als NĂ€chstes kamen an der Tagung Landwirtschaftsexperten, Ökonominnen und Unternehmer zu Wort. Die CGIR-Studie (2012) beziffert den globalen Anteil an Treibhausgasen in der Lebensmittelproduktion vom Acker bis auf den Teller mit 33 Prozent. Doch die beiden Experten und Expertinnen vom Forschungsinstitut fĂŒr Biologischen Landbau (FiBL) zeigten, dass es sich lohnt, zu differenzieren: In eindrĂŒcklichen Bildern stellte Anet Spengler die Wesensbegegnung mit dem Tier der industriellen Tierhaltung gegenĂŒber. «Mit einer solchen Tierhaltung können wir uns nicht mit dem Tier weiterentwickeln.» Dieses Motiv gemeinsamer Entwicklung bezieht auch die Erde mit ein. Viele waren ĂŒberrascht, dass GrĂŒnland flĂ€chenmĂ€ĂŸig den grĂ¶ĂŸten Teil der landwirtschaftlichen ProduktionsflĂ€che ausmacht und mehr Kohlenstoff speichert als alle WĂ€lder der Erde. Um es zu erhalten muss es mit WiederkĂ€uern, Rindern, Schafen und Ziegen genutzt werden. Sie sind fĂŒr diese Aufgabe spezialisiert mit ihrer einzigartigen FĂ€higkeit zur Zelluloseverdauung. Die Haltung von WiederkĂ€uern auf Grasland ohne zugekaufte Futtermittel ermöglicht â€“ in Verbindung mit der Abschaffung der industriellen Tierhaltung– in der ErnĂ€hrung der wachsenden Menschheit einen maßvollen Beitrag an tierischem Eiweiß. Eine Studie zur WelternĂ€hrung zeigt in variablen Modellen, dass die Erde 9 Milliarden Menschen mit nachhaltiger Landwirtschaft ernĂ€hren kann, wenn der Verzehr von tierischem Eiweiß auf ein gesundes Maß und die Vernichtung von Lebensmitteln um 50 Prozent reduziert werden.[note] ErnĂ€hrung der BrĂŒderlichkeit. In â€čGoetheanumâ€ș 52–53/2017, S. 4–5. [/note]

In seinem Beitrag ĂŒber Ackerbau sprach Paul MĂ€der ĂŒber den â€čDOK-Versuchâ€ș (Demeter, Organisch, Konventionell), der seit 48 Jahren nahe Dornach die Effekte der drei Anbauweisen auf Ertrag, Energieinput und BodenqualitĂ€t untersucht. Bilder von Ackerböden zeigten die Unterschiede: Nach einer Regenperiode sind die konventionell bewirtschafteten FlĂ€chen verschlemmt, die biodynamischen locker und krĂŒmelig, mit einem großen Wasserhaltevermögen. In der konventionellen Produktion geht ca. eine Tonne Humus pro Hektar und Jahr verloren; in Gegenden mit hoch intensiver Produktion wird in zehn Jahren der Humus vollstĂ€ndig aufgebraucht sein, bei biodynamischer Bewirtschaftung wĂ€chst der Humusgehalt um ca. 500 Kilogramm pro Hektar und Jahr â€“ das Kapital Boden vermehrt sich. Doch gibt es, so MĂ€der, auch in der biodynamischen Praxis noch Luft nach oben. Mit neuen Pflugtechniken, mit der nur die obersten 10 Zentimeter Erde bewegt werden, sollen die BodenqualitĂ€t verbessert und die ErtrĂ€ge gesteigert werden.

Das gute Leben

Wie Wirtschaft und Klimakrise zusammenhĂ€ngen, zeigte Bernd SiebenhĂŒner, der die Arbeitsgruppe fĂŒr ökologische Ökonomie an der Uni Oldenburg leitet, in fĂŒnf Thesen, deren erste er mit vielen Daten unterlegte: Die Klimakrise betrifft alle Menschen weltweit. Klimakrise und Wirtschaftswachstum sind eng gekoppelt. Die USA brauchen z. B. fĂŒnf Erden, um die BedĂŒrfnisse der Bevölkerung zu decken, Indien lediglich 0,7. Die dritte These, dass sich Wachstum und Senkung der CO2-Konzentration nicht ausschließen, kann nicht eindeutig belegt werden. Viele gesellschaftliche Faktoren wie ausreichende Bildung und soziale Gerechtigkeit spielen hier eine Rolle. Aber ohne SelbstbeschrĂ€nkung im Konsumverhalten lĂ€sst sich das Wachstumsmodell nicht mit einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen vereinbaren. Die vierte These widerspricht der dritten: Eine Reduktion der Treibhausgase wird erreicht mit einer Wirtschaft, die nicht auf Wachstum ausgerichtet ist. Dazu gibt es viele Initiativen wie Sharing-Modelle, Gemeinwohlökonomie, solidarische Landwirtschaft und alternative Produktionsbetriebe â€“ hier wird Wohlstand nicht nur monetĂ€r definiert. Aus der Gewinnmaximierungsperspektive des Homo oeconomicus mögen diese Modelle idealistisch aussehen. Geht man jedoch von einer Transformation der Werte in Richtung eines â€čguten Lebensâ€ș aus, sind sie nĂ€her an der Wirklichkeit als die ĂŒberlieferten Wirtschaftsmodelle und sind Prototyp fĂŒr eine zukĂŒnftige Sozialgestaltung. Sie rufen â€“ so die fĂŒnfte These â€“ nach einer Wirtschaftswissenschaft, die transdisziplinĂ€r konkrete Lösungen erarbeitet.

Über die gedankliche BeschĂ€ftigung mit dem Anderen und seinen BedĂŒrfnissen kann in mir liebevolles Interesse wachsen â€“ sodass ich Lust bekomme, das zu tun, was ich als verantwortlich und heilsam fĂŒr das Ganze ansehe.

Als Leiter der Abteilung fĂŒr Nachhaltigkeitsentwicklung bei der Weleda wies Stefan Siemer darauf hin, dass es bei der Nachhaltigkeitsfrage nicht nur darum geht, den ökologischen Footprint der Produkte im Vergleich zu anderen Firmen zu verbessern, sondern um die Frage, ob die Welt durch Weleda wirklich eine bessere Welt ist. Jede Plastikverpackung, die nach Neuseeland verschifft wird, macht die Welt ein StĂŒck schlechter. Gelingt es Weleda, dem eigenen Selbstanspruch gerecht zu werden? Mehr noch als auf die Nachhaltigkeit der Produkte kommt es darauf an, wie die Firma mit Kapital umgeht. Brisanz hat das Thema Investitionen von Pensionskassengeldern und von RĂŒcklagen des Unternehmens: Stehen diese Gelder Organisationen zur VerfĂŒgung, die ebenso nachhaltig und fair wirtschaften wie die Weleda, oder gehen sie in Aktienfonds, die Firmen mit entgegengesetzten Werten finanzieren? Aber auch die Mitarbeitenden anzuregen, die Vision der Firma im Privaten umzusetzen, sieht Siemer als Firmenprojekt in sozialer Verantwortung â€“ wie geben sie ihre GehĂ€lter in die WirtschaftskreislĂ€ufe zurĂŒck? Die Weleda fasst die Unternehmensverantwortung damit sehr weit. Nur wenn die Nachhaltigkeitsentwicklung die Förderung der individuellen Entwicklung jedes Mitarbeitenden umfasst, leistet sie einen Beitrag, sodass der Einzelne fĂŒr die Verbesserung von Mitwelt und Klima aktiv wird. Das weist auf ein Hauptthema der Konferenz: Die Einzelnen machen das Ganze aus.

Andreas Albert: Impression Abstrakt, 2004

Das fĂ€llt auch fĂŒr Beate Oberdorfer und Andreas Pook von Sonett in die Verantwortlichkeit einer Firma. Mit dem Begriff â€čneue Organikâ€ș bezeichnen sie einen Organismus, der durch Initiative und Impulse von Menschen ins Leben kommt und auf der Erde wirksam wird, wie es bei einer UnternehmensgrĂŒndung oder in der Produktentwicklung der Fall ist.

Das Leben zeigt, wie Zusammenarbeit sein sollte: Weil jede Situation neu ist, braucht es die stĂ€ndige Bereitschaft und PrĂ€senz, die Dinge immer wieder neu anzuschauen und nichts aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit abzuwickeln. Neues entsteht, wenn Spannungspole höchst beweglich und in dauerndem Austausch gehalten werden. Als Beispiel schilderten sie, wie bei der Entstehung der Mistelform Körperpflegeprodukte â€“ die innere Haltung gegenĂŒber der Natur umkehrend â€“ gefragt wurde: Was braucht die Mistel, damit sie ihre Aufgabe auf der Erde erfĂŒllen kann? Ein lebendiger Herstellungsprozess wurde mit dem fluidischen Oszillator ermöglicht, der Sommer- und Wintersaft in rhythmischem Wirbelspiel zusammenfließen lĂ€sst. Bis in die Produktion hinein sollen Substanzen in Prozesse und Bewegung gefĂŒhrt werden, wie es auch im Lebendigen unablĂ€ssig geschieht.

Was nicht nur im Spiel zÀhlt

â€čCooling Downâ€ș, so heißt ein Spiel, das Otto Ulrich entwickelt hat. Die Spielenden vertreten sechs Weltregionen, und es geht darum, gemeinsam die Ziele des Weltklimarates zu erreichen: 50 Prozent CO2-Reduktion bis 2050. Sie ĂŒben Klimagerechtigkeit und -verantwortung. Ulrich machte auf drei Kernkompetenzen aufmerksam, die im Spiel, aber genauso in der realen Welt gefragt sind:

‱ Ideen kommen zuerst, die Frage ihrer Finanzierung danach.

‱ Versuche nicht, alle Probleme auf einmal zu lösen, sondern konzentriere dich auf ein einziges.

‱ Und â€“ vielleicht am schwierigsten â€“ sei nicht konventionell.

Als ehemaliger Berater im Bundeskanzleramt, im Deutschen Bundestag und in der EU-Kommission in BrĂŒssel weiß Ulrich, wovon er spricht. Er brachte zwei brisante Themen ein. Die Transition zu erneuerbaren Energien, d. h. im Wesentlichen ElektrizitĂ€t, zur Umstellung auf ElektromobilitĂ€t, erachtet er als unmöglich, wenn man bedenkt, dass die Bereitstellung der Rohstoffe fĂŒr Batterien und Akkus enorme Umweltbelastungen mit sich bringt. Eine Substitution der Energie bei gleichbleibendem Energiehunger ist rechnerisch unmöglich, deshalb geht es nicht ohne drastische Senkung des Energieverbrauchs. Das zweite Thema war die Digitalisierung der Gesellschaft. Sie mag zwar zu einem virtuellen NĂ€herrĂŒcken von Menschen fĂŒhren, jedoch nur zum Preis einer Entfremdung von Erde und Natur. Es darf nicht vergessen werden, dass die Internettechnologie und vor allem die Suchmaschinen zehn Prozent des CO2-Ausstoßes ausmachen, Tendenz steigend. Klimaschutz heißt deshalb auch: neue gesellschaftliche Modelle.

Bewusstsein ĂŒber das Bewusstsein erwerben

Bewusstseinstransformation und globale BeziehungsfĂ€higkeit, das sind die Leitideen, die Stefan Ruf in seinem Beitrag als Trittsteine zur Beendigung der Klimakrise entwickelte. Er zeigte, wie sich das menschliche und menschheitliche Bewusstsein seit den AnfĂ€ngen der neolithischen Revolution entwickelt hat. Diese Entwicklung zu begreifen, gibt den SchlĂŒssel, das heutige Problem unserer zweigeteilten Seelen zu lösen. Im unmittelbaren Naturerleben tragen wir alle noch Reste des archaischen Bewusstseins in uns. Wir empfinden Schönheit, Staunen und Freude an der Natur. Konfrontiert mit den Folgen unseres gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Handelns, tragen wir aber auch die Last der ganzen Bewusstseinsevolution. Im Bewusstseinsseelenzeitalter liegt ein unerhörtes Potenzial, diese Spaltung aufzuheben. Indem wir ein Bewusstsein ĂŒber das Bewusstsein erwerben, bilden wir ein â€čanschauendes Denkenâ€ș aus, das durch die Entdeckung der Wechselwirkung von Innen und Außen zum â€čSeelenorganâ€ș wird, mit dem wir eine Goethe’sche seelische PhĂ€nomenologie entwickeln können. Dieses atmosphĂ€rische Bewusstsein, wie Ruf es nennt, ist global â€“ ebenso wie die AtmosphĂ€re der Erde!

Andreas Albert, Blattstrukturen, 2004

Es beinhaltet die Einsicht, dass die Erde ein Organismus ist, dessen Organe die Lebewesen und auch wir Menschen sind. Das heißt: Wenn wir uns Ă€ndern, Ă€ndert sich das Ganze. Johannes KĂŒhl beschrieb zum Abschluss der Tagung den Weg, uns selbst zu verwandeln, als anstrengend, leidvoll und großartig â€“ wie das Erlernen einer Kunst: Üben, Üben, Krise, Zweifel, weiter Üben, immer von Neuem. Eine nachhaltige VerĂ€nderung von Gewohnheiten wird nicht durch Reglemente erreicht, auch nicht bei sich selbst. Der Zugang liegt in der Verwandlung des eigenen Empfindens: Über die gedankliche BeschĂ€ftigung mit dem Anderen und seinen BedĂŒrfnissen kann in mir liebevolles Interesse wachsen â€“ sodass ich Lust bekomme, das zu tun, was ich als verantwortlich und heilsam fĂŒr das Ganze ansehe. Ein atmosphĂ€risches Bewusstsein kann in der innigen Bezugnahme zur Natur in der Meditation entstehen.

Innere VerwandlungskrĂ€fte mobilisieren â€“ das können wir selbst in die Hand nehmen. Diese Botschaft ermutigte die Teilnehmenden, in ihrem Leben die Spaltung zwischen rationaler Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels und dem kurzsichtigen Drang zur Maximierung des eigenen Wohlbefindens anzugehen â€“ mit dem globalen Bewusstsein, dass ich, was ich an Leid einem anderen Lebewesen zufĂŒge, mir selbst zufĂŒge.

Noch bist du da

Wirf deine Angst

in die Luft

Bald

ist deine Zeit um

bald

wÀchst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine TrÀume

ins Nirgends

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

Sei was du bist

Gib was du hast

Rose AuslÀnder


Brasilianische Impression von Andreas Albert

Aus der seit mehreren Jahren existierenden Zusammenarbeit zwischen den UniversitĂ€ten in Joinville/Brasilien und der UniversitĂ€t Erlangen/Deutschland wurde im Rahmen des Babitonga–Umweltprojektes auch die kĂŒnstlerische Mitarbeit des Dresdner KĂŒnstlers Andreas Albert (*1952) angefragt. Sein Anliegen, eine â€čKunst fĂŒr die Umweltâ€ș zu etablieren, setzt Albert vorrangig mit den Bildmotiv â€čBĂ€umeâ€ș um.

In den  Jahren 2002 und 2004 war der KĂŒnstler mehrere Wochen im Regenwald und malte dort seine Bilder, die er insofern als neue Ausdrucksform versteht, weil sie vergangene Kunstformen erweitern zu LebensvorgĂ€ngen und Stimmungen von â€čRegenwaldlandschaftenâ€ș. Sie sind fĂŒr ihn AnsĂ€tze interdisziplinĂ€rer Forschung in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft, die er als Zukunftsimpuls fĂŒr unser UmweltverstĂ€ndnis auffasst.


Dieser Artikel wurde am 11. Dezember 2020 leicht redaktionnel ĂŒberarbeitet um Anet Spenglers Beitrag exakter darzustellen.

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