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Das ist eine ganz andere Welt!

Januar ist der Monat des Janus, jenes zweigesichtigen römischen Gottes, der vor- und zurĂŒckblickt. Vier solcher RĂŒckblicke aus dem Kreis der Sektionsverantwortlichen, aus denen zugleich Perspektiven ins neue Jahr und ins neue Jahrzehnt erwachsen, haben wir versammelt.


 


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Stefan Hasler

Das Handy in der Kaftan-Tasche

Ein Bild, das mich im Jahr 2019 nachhaltig beeindruckt hat, habe ich im Urlaub in Marokko gewonnen. Ich war dort mit meiner Tochter Helene unterwegs, die in Rabat studiert hat und das marokkanische Arabisch einigermaßen beherrscht, zumindest so, dass sie sich mit den Menschen verstĂ€ndigen kann. Gemeinsam wanderten wir nun durchs Gebirge und kamen dabei in so abgelegene Gegenden, wo die einfachen HĂ€user aus Lehm gebaut sind. Die Menschen essen draußen in der Hocke. Es gibt weder Strom noch Wasser und auch keine Autozufahrt. Ein Dorf war nur auf dem Esel erreichbar, und nur was ein Esel tragen kann, kann man in das Dorf bringen. Es war ein wunderschöner Ort, der vor 5000 Jahren kaum anders ausgesehen haben mag. Wir liefen einen Hang empor, da kam uns eine Familie entgegen, von Großvater bis Baby, die gerade Arganmandeln gepflĂŒckt hatten, um daraus Öl zu gewinnen, und natĂŒrlich hatte der 18-jĂ€hrige Sohn sein Handy in der Tasche. Das bedeutet, dass in dieser archaischen Welt der junge Mann ĂŒber sein Smartphone mit der ganzen Welt vernetzt ist. Dieses Bild hat mich in mehrerer Hinsicht tief berĂŒhrt. Die Vernetzung erlaubt uns, mit jeder Ecke dieser Welt sofort in Verbindung zu sein. Es gehört zu unserem Leben, dass wir so mit Menschen auf allen Kontinenten kommunizieren, und ich bin tĂ€glich gefordert, mein Bewusstsein in alle Winkel dieser Erde zu lenken, zu ZusammenhĂ€ngen, die ganz andere Bedingungen und Herausforderungen haben als meine persönlichen. Das Lehmhaus und die Form dieses Lebens in diesem einsamen Dorf zeigten mir die heutige Herausforderung. Technisch kann ich mich in Sekundenschnelle mit diesen Orten verbinden und habe dann die Aufgabe, mich in diese so anders gearteten Lebensbedingungen und Seelenarten hineinzuversetzen. Das ist eine ganz andere Welt! Das Bild zeigte im Brennglas, was bei jeder Kommunikation fortwĂ€hrend geschieht und mich befragt, ob ich mich sprachlich, empfindungsmĂ€ĂŸig auf diese so anders geartete Welt einlassen kann. Die moderne Technik lĂ€sst uns fortwĂ€hrend in andere Welten springen und jeden Moment stellt sich die Frage, ob ich das Interesse und die Beweglichkeit aufbringen kann, um diese Andersartigkeit zu sehen und zu verstehen. Das ist eine stĂ€ndige Einladung an mich, dass ich in dieses große Ich, das die ganze Welt umspannt, eintrete.

Zu dieser â€čeinen Weltâ€ș durch Technik fĂŒgt sich wie ein Pendant eine GedankenrealitĂ€t. Man nimmt sich vor, diesen oder jenen Menschen zu treffen, und plötzlich lĂ€uft er dir ĂŒber den Weg. Das zeigt, dass unsere Verantwortung sich nicht mehr nur auf unser Handeln erstreckt, sondern auch darauf, was und wie wir fĂŒhlen und was und wie wir denken. Das habe ich vor fĂŒnf Jahren nicht empfunden und es liegt kaum an einer weiterentwickelten SensibilitĂ€t, denn ich sehe das ĂŒberall und in allen Generationen. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass wir verantwortlich werden fĂŒr das, was wir wollen, fĂŒhlen und denken, oder mit anderen Worten, ich bin auch mit meinem GefĂŒhls- und meinem Gedankenleben immer â€činâ€ș der ganzen Welt â€“ wir wachen in einem anderen Medium auf.

 


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Johannes KĂŒhl

Die Menschheit fĂŒhlen

Was mich menschlich 2019 besonders beeindruckt hat, war eine Begebenheit in SĂŒdkorea. Die Menschen dort wĂŒnschten sich an einem Wochenende eine Hochschularbeit. Dieses Land am anderen Ende der Erde hat eine vollstĂ€ndig andere Kultur und man kann sich ja sprachlich nicht direkt verstĂ€ndigen. Und doch ist es so, dass uns gemeinsame Arbeit im Nu so nahegebracht hatte, dass man erlebt: Hier habe ich Freunde gewonnen. Ich kam an einem Freitag von Japan mit dem Flugzeug und am Samstag begann der Kurs. Ich sprach ĂŒber Rosenkreuzertum und Michaelschule, anknĂŒpfend an Rudolf Steiner, und dann darĂŒber, wo sich Anthroposophie hat entwickeln können, und auch, was misslungen ist. Am Ende der vorletzten Sitzung fragte dann jemand im Kreis, wie es nun weitergehen könne. Da war ich etwas ratlos, weil es in SĂŒdkorea bisher keine Vermittler der Klassenstunden gibt, um AufnahmegesprĂ€che zu fĂŒhren. Nach der Pause kamen wir wieder zusammen, und sie schlugen vor, in der kommenden Woche, wĂ€hrend der ich am dortigen Lehrerseminar zu tun hatte, diese GesprĂ€che gleich mit mir zu fĂŒhren. Also haben wir uns zwischen den pĂ€dagogischen Seminaren und VortrĂ€gen fĂŒr diese GesprĂ€che getroffen. Trotz Übersetzung und Sprachproblemen, trotz eines so anderen kulturellen Lebens sind wir uns da ĂŒber unmittelbar menschliche innere Fragen begegnet. Es erinnerte mich an eine frĂŒhere Begebenheit in Japan: Eine Frau, die nur wenige Worte Englisch konnte, wollte mir etwas sagen. Sie schaute mich an und begann mit «I want to be honest». Da habe ich mir klargemacht: «to be honest with someone», «jemandem gegenĂŒber ehrlich sein», das ist menschheitlich. Da zĂ€hlt nicht Japan, nicht Shintu oder Buddhismus und die so andere Sozialisierung und andere Bildung. Da spielen die so anderen Gewohnheiten in Japan zwischen Frauen und MĂ€nnern und all das Fremde keine Rolle, da begegnen wir uns mit einem Male unmittelbar, â€čehrlich zu seinâ€ș, das ist etwas ganz allgemein Menschliches. Daran erinnerten mich die GesprĂ€che in SĂŒdkorea wieder.

Es gehört wohl zu unserer Zeit, dass wir nur wenige innere Schritte unternehmen mĂŒssen, und schon können wir uns bei noch so verschiedenem kulturellem oder religiösem Hintergrund direkt, auf Augenhöhe begegnen. Es wird zu einem evidenten Erlebnis, was wir abstrakt mit dem Wort â€čMenschheitâ€ș fassen.

 


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Gerald HĂ€fner

Ideen werdenlebendig

Es ging in meiner Arbeit zuletzt um neue Formen der BesitzverhĂ€ltnisse von Unternehmen, die unternehmerische Freiheit mit gesellschaftlicher und sozialer Verantwortung verbinden. Das ist hochaktuell. Alleine in Deutschland stehen in den nĂ€chsten Jahren 900 000 Unternehmen vor der Übergabe. Heute ist die Erblinie meistens keine sinnvolle Option und Verkauf bedeutet fĂŒr die Unternehmen ein hohes Risiko. Es gilt fĂŒr die Nachfolge die Geeignetsten und FĂ€higsten zu finden. Dies zu ermöglichen und Unternehmen vor Ausverkauf und Fremdsteuerung zu bewahren, dazu waren Armin Steuernagel und ich beim Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zum GesprĂ€ch. Wir hatten einen Gesetzentwurf dafĂŒr ausgearbeitet, wie Unternehmen in eine Eigentumsform ĂŒberfĂŒhrt werden können, die Fremdbestimmung fĂŒr immer ausschließt und Selbstbestimmung stĂ€rkt. Bei einem Folgetermin kamen schon 30 Unternehmerinnen und Unternehmer mit, und nun, in Berlin, waren es 300 (und am nĂ€chsten Tag 600), die mit Peter Altmaier und Annegret Kramp-Karrenbauer diskutierten. Sie nahmen an der GrĂŒndung einer Stiftung teil, die sich fĂŒr diese neue Sozialform engagiert. WĂ€hrend vor 10 oder 20 Jahren viel ĂŒber neue Formen des Eigentums diskutiert und philosophiert wurde, kommen jetzt Unternehmerinnen und Unternehmer, GrĂŒnder von Start-ups zusammen, um das zu machen. GrĂŒnde gibt es viele. Unternehmen entstehen z. B., weil einige GrĂŒnder ihre FĂ€higkeiten zusammentun. Dann fragen sich die Partner, wie sie sich davor schĂŒtzen können, dass einer aussteigt und â€čKasse machtâ€ș. Wie werden Unternehmen unverkĂ€uflich â€“ diese Frage stellen immer mehr Menschen, nicht als abstrakte Idee, sondern ganz praktisch. Sie wollen diesen Weg gehen, konkrete Schritte machen. «HĂŒte dich vor der Langeweile des reinen Ideals», sagte Wilhelm Ernst Barkhoff. So ist es. Was frĂŒher nur gedacht wurde, wird heute oft schon getan. Die Dreigliederung lebt! Nur merken wir es nicht immer. Sie lebt z. B. in den Köpfen, Herzen und HĂ€nden dieser jungen Menschen, die sich nicht fĂŒr die reine Lehre interessieren, sondern dafĂŒr, wie Ideale Wirklichkeit werden. Hier, im Miteinander-Handeln, werden Ideen lebendig.

 


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Ueli Hurter

Klimawandel â€“ Ă¶kologisch, sozial und spirituell

«Irgendwie schon gut mit dem Geist in der Landwirtschaft», schreibt mir ein Kollege in Anspielung auf die kommende Landwirtschaftliche Tagung. «Aber hast du gewusst, dass schon in den 1960er-Jahren die Daten, die den Klimawandel belegen, auf dem Tisch lagen und dann von Milliardenkampagnen der Erdölindustrie aus der Öffentlichkeit wegkommuniziert worden sind?» Ja, sind wir Sterngucker am Goetheanum und in der biodynamischen Bewegung? Viel Geist und wenig Klimaschutz? Ich versuche, meinen geistigen Blick wĂ€hrend und in der Arbeit offen zu halten. Geist heißt Welt, und sogar auch dingliche Welt, insofern diese ein Ausdruck einer Wesenswelt ist. Wie entwickle ich diesen Wesensblick? Durch Tun. Das tĂ€tige ErfĂŒllen einer Notwendigkeit. Dabei nicht einzuschlafen, sondern graduell im und nach dem Tun um etwas Bewusstseinshelligkeit zu ringen â€“ das ist mein Weg. «Den Blick nach der Außenwelt geistig auf Michael richten», so Rudolf Steiner. Denn Erkennen, und sei es Geisterkennen, ohne dass dies Konsequenzen fĂŒr mein Tun hĂ€tte, bringt nichts. Gerade das sagt Greta Thunberg: «Ihr wisst es und macht nichts!» Ja, weil wir ein Wissen haben, das nicht zur Tat fĂŒhrt. Totes Wissen. Und bald haben wir eine tote Welt. Aber um eine lebendige Welt zu haben, braucht es lebendiges Wissen. Wenn wir die Erde retten können, dann unter anderem nur, weil wir lernen, sie als lebendiges Wesen, als geistiges Wesen zu erkennen und zu lieben und entsprechend zu handeln.

Klimawandel ökologisch heißt, anders mit den Ressourcen umzugehen, heißt fĂŒr uns, den landwirtschaftlichen Organismus nicht nur von innen her zu verstehen, sondern von außen, aus dem Blick auf das Lebewesen Erde. Klimawandel sozial heißt, dass das soziale Klima in vielen LĂ€ndern dabei ist zu zerbrechen. Wie weiter in Bolivien, in Chile, im Libanon, in Hongkong und â€“ Hand aufs Herz â€“ in Großbritannien, Frankreich … und eigentlich ĂŒberall? Links â€“ rechts, gewĂ€hlt â€“ nicht gewĂ€hlt, Demonstrant â€“ Polizist … die alten Schemata greifen nicht mehr. Es braucht neue Orientierungsachsen im Sozialen. Ich denke, es geht um die Neuschöpfung des Begriffes der MenschenwĂŒrde. Klimawandel spirituell heißt, das Ich neu zu erfahren. Ich ist nicht, sondern entsteht. Und zwar entsteht es im Dialog. Im Dialog mit dem anderen Ich, mit der Welt, mit dem höheren Ich seiner selbst, da entsteht das Ich. Als Wesen unter Wesen. Nicht als Ego. Dazu braucht es eine gewandelte Erziehung und Selbstschulung. Der Weg fĂŒhrt nicht ĂŒber moralische Appelle, sondern ĂŒber ein geistiges Klima, das den Einzelnen befĂ€higt, im Dialog mit der Welt ĂŒber sich selbst hinauszuwachsen.


Zeichnungen von Sofia Lismont

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