Das heimatlose Kind

Da, wo wir Neues hervorbringen k├Ânnen, wo wir als Sch├Âpfende uns erkennen und erkannt werden, da wird in uns das Menschliche. Ein Interview ├╝ber gefl├╝chtete Kinder und Familien, aus dem ein Gespr├Ąch ├╝ber menschliche Beheimatung in uns selbst, im eigenen Leib und ineinander wurde.


Franka Henn Wie bist du dazu gekommen, als Notfallp├Ądagoge in Auslandseins├Ątzen und gleichzeitig in der Gefl├╝chtetenhilfe in Freiburg zu arbeiten?

Christoph Bednarik Das hat mir ÔÇ╣das Leben geschicktÔÇ║. In einer Zeit intensiver Suche nach so etwas wie einem roten Faden in meinem Leben, erhielt ich einen Anruf von einer unbekannten Frau. Das war Frau Faltin, die den Verein stART international mitbegr├╝ndet hatte. Sie fragte mich f├╝r einen Einsatz im ehemaligen Kriegsgebiet in Georgien an. Ich dachte, ┬źdie schickt der Himmel┬╗, und war begeistert, meine k├╝nstlerische Arbeit f├╝r Menschen in einer Notsituation auszuweiten. Das war vor 13 Jahren.

Seitdem habe ich viele Eins├Ątze f├╝r stART gemacht: in Haiti, in Libyen, im t├╝rkisch-syrischen Grenzgebiet, im Irak und in der Ukraine und verschiedenen anderen L├Ąndern, zuletzt auf Lesbos, wo wir ein neues Projekt gegr├╝ndet haben. 2013, also vor acht Jahren, hatte ich die Idee, mit Kindern, die mit ihren Familien gefl├╝chtet sind, in Freiburg zu arbeiten. Ich ging, ohne viel b├╝rokratische Telefoniererei, zu den Fl├╝chtlingsunterk├╝nften hin und kn├╝pfte Kontakte mit den Menschen vor Ort. Und das best├Ąrkte mein Gef├╝hl: Ich will hier etwas tun. Ich nahm Kontakt zu den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern dort auf und besuchte Stiftungstreffen, um geeignete Finanzierungsm├Âglichkeiten zu finden.

Und ich erinnere mich genau ÔÇô es war ein wunderbarer Moment ÔÇô, als mir Frau Schiller, erste gesch├Ąftsf├╝hrende Vorstandsfrau von stART, vorschlug, wir k├Ânnten doch ÔÇ╣gemeinsame SacheÔÇ║ machen, also gemeinsame stART-Projekte mit dieser Idee. Die Freude war gro├č und dies setzte f├╝r unser gemeinsames, soziales Unternehmen ÔÇô das kann ich jetzt im Nachblick sagen ÔÇô noch mehr W├Ąrme als Kraftstoff f├╝r die Arbeit frei.

So fing ich an, k├╝nstlerische, die Resilienz st├Ąrkende Projekte in Fl├╝chtlingsunterk├╝nften zu konzipieren. Ich erlebe immer eine sehr gro├če Kraft, wenn wir gemeinsam k├╝nstlerisch t├Ątig werden und dass dabei viele Kr├Ąfte frei werden, die die pers├Ânlichen F├Ąhigkeiten st├Ąrken. Es war mein Hauptanliegen, in soziale Brennpunkte zu gehen und in einem stArt-Team mit Musikern, mit Kunsttherapeutinnen, mit Malern oder auch Lehrerinnen gemeinsam t├Ątig zu werden. So hat es 2014 in Freiburg angefangen, so hat meine Begeisterung ÔÇ╣Hand und Fu├čÔÇ║ gewonnen.

FH Kannst du N├Ąheres zu den Projekten in Freiburg, die ihr Kindern in Fl├╝chtlingsunterk├╝nften anbietet, erz├Ąhlen?

CB Im Moment laufen vier stART-Projekte mit verschiedenen Zielgruppen in Freiburg, in zwei Unterk├╝nften und eines in einer staatlichen Schule, wo ich auch mit Kindern mit Migrationshintergrund arbeite. ÔÇ╣Kunst st├Ąrkt KinderÔÇ║ ist ein Arbeitstitel dieser Projekte, die zum Ziel haben, R├Ąume zu ├Âffnen f├╝r k├╝nstlerisch-p├Ądagogische Prozesse, die die Resilienzkr├Ąfte aller Beteiligten st├Ąrken.

In dem Projekt ÔÇ╣Werkstatt f├╝r eine bunte WeltÔÇ║ geht es eigentlich darum, in klein- und gro├čfl├Ąchigen Formaten mit den Kindern in Malprozesse zu kommen, einerseits das Individuelle, Eigene zu st├Ąrken und auszuweiten, aber auch die notwendigen Grenzziehungen f├╝r das eigene Bild finden zu lernen. Daraus wollen wir gemeinsam eine Ausstellung in einem Kinderkrankenhaus kreieren.

In dem Schulprojekt werden von den Sozialarbeitern und Lehrerinnen Kinder ausgew├Ąhlt, die besonderen Bedarf, die schwierige Fluchterfahrungen gemacht und schwierige Lebensverh├Ąltnisse haben. Mit den Kindern arbeite ich dann in einem k├╝nstlerischen Setting, in dem wir mit unterschiedlichen Maltechniken und Materialarbeiten kreativ werden.

Mir gef├Ąllt es sehr, kontinuierlich, ├╝ber ein paar Jahre mit denselben Kindern und Familien zu arbeiten. Manche kenne ich inzwischen sechs, sieben Jahre, und das ist eigentlich wie eine k├╝nstlerische Entwicklungsbegleitung. So k├Ânnen wir als stART-Team vermehrt die Eltern miteinbeziehen und so entsteht ein sch├Ân gewachsenes Vertrauensverh├Ąltnis ├╝ber die Jahre.

stART-Nothilfeprojekt Lesbos, Malerei in Mischtechnik, vier- bis f├╝nfj├Ąhriges Kind, November 2021

├äu├čere Aush├Âhlung auf der Flucht

FH Kannst du etwas ├╝ber die Situation f├╝r Fl├╝chtlinge in Deutschland oder in Freiburg und ├╝ber die Fluchtetappen erz├Ąhlen? Wie sind die Stationen, wenn man in Deutschland versucht, sich neu zu etablieren?

CB stART international hat 2019 auch ein Projekt auf Lesbos ins Leben gerufen. Tausende Menschen, vor allem aus Afghanistan, aus Syrien, aus verschiedenen afrikanischen L├Ąndern flohen ├╝ber die T├╝rkei auf die Insel Lesbos in Griechenland. Diese Menschen kamen bis September 2020 ins Moria Camp, das dann abgebrannt ist. Wir waren zuletzt im Oktober dieses Jahres wieder in einem stART-Einsatz vor Ort. Es gibt dort mittlerweile viel weniger Gefl├╝chtete. Es waren vor zwei, drei Jahren ├╝ber 20 000 und jetzt harren ungef├Ąhr 2500 Menschen in dem neuen Camp aus. Man muss die Situation vor Ort kennen, wissen, wie sie ankommen, wie sie behandelt werden, in welchen Wohnverh├Ąltnissen sie leben, um irgendwie verstehen zu lernen, was diese Menschen durchmachen. Es sind so viele Faktoren, die eigentlich von au├čen auf ihr Leben einwirken, die die Menschen in ihrer W├╝rde aush├Âhlen: Unterern├Ąhrung, schlechtes Essen, keine oder desolate hygienische Verh├Ąltnisse, schmutzige Unterkunft, K├Ąlte, dann die Gefahr von Vergewaltigung, P├Ądophilie und immer so weiter. Es waren und sind extrem drastische Verh├Ąltnisse. Die Sicherheit im neuen Lager scheint besser geworden zu sein, sagen manche, die dort wohnen. In den letzten Monaten haben viele Tausende einen positiven Bescheid zur Weiterreise bekommen. Sie werden auf das Festland gebracht, nach Thessaloniki oder Athen. Sie wohnen da wieder in neu errichteten Lagern, manche Familien fliegen direkt in andere europ├Ąische L├Ąnder. Wenn sie hier ankommen, stellen die Menschen einen Asylantrag in einer Erstaufnahmestelle, da sind sie einige Zeit in Quarant├Ąne und erhalten einen Gesundheitscheck. Nach einigen Wochen kommen sie in eine zentrale Unterbringungseinrichtung, wo nach einem Interview ├╝ber ihre Fluchthintergr├╝nde, die Wartezeit auf die Antwort auf ihren Antrag beginnt. Von da werden die Menschen in Asylunterk├╝nfte verteilt.

Die Menschen, die seit einigen Jahren hier sind, haben manchmal schon eine Wohnung und Arbeit gefunden. Die Kinder gehen in der Regel in den Kindergarten oder in die Schule oder machen auch Ausbildungen und studieren. Die Integration in das Bildungs- und Berufsleben ist da, die in das soziale Leben weniger. Die Fl├╝chtlingsunterk├╝nfte stehen meistens an sehr abgelegenen Orten in Freiburg, sie sind an das Verkehrsnetz angeschlossen, aber liegen sehr dezentral. Und ich habe in den letzten sechs, sieben Jahren kaum Kinder aus Deutschland in diesen Unterk├╝nften gesehen und umgekehrt kaum Einladungen in deutsche Familien, in ihre H├Ąuser oder Wohnungen. Es gibt aus meiner Sicht eine Isolation im Sozialen, auch wenn sie bildungsm├Ą├čig mehr und mehr integriert erscheinen.

FH Ich w├╝rde dich gern nach der ÔÇ╣Erfahrung des fliehenden MenschenÔÇ║ fragen. Kannst du etwas ├╝ber das Gemeinsame dieser Erfahrung sagen?

CB Es sind viele Stationen, die Menschen auf ihrer Flucht durchleben. Angefangen in ihrem Heimatland, wenn sie beispielsweise durch Krieg entwurzelt werden von ihrem Grund und Boden, aus ihrer Wohnung, wo sie alles zur├╝cklassen m├╝ssen: die Spielsachen, die geliebte Katze, den Hund, Oma, Opa. Das sind nat├╝rlich dramatische Erlebnisse, die je nach Land verschieden sein k├Ânnen, aber die die Kinder und die Erwachsenen als Erlebnis in ihrem ÔÇ╣Seelen-RucksackÔÇ║ mitnehmen. Das kann ein tief ersch├╝tterndes Erlebnis sein, entwurzelt zu sein, nicht mehr den Heimatboden bearbeiten und bepflanzen zu k├Ânnen oder das eigene Haus oder Gesch├Ąft, das man aufgebaut hat, aufgeben zu m├╝ssen. Dann gibt es die Erlebnisse auf der Flucht, je nach Fluchtroute etwas verschieden. Im Kern sind es jedoch oft die eigene Existenz bedrohende Erlebnisse, Todeserlebnisse, Erfahrungen von verschiedensten Formen der Gewalt. Die Gefahr, in der W├╝ste Sahara ausgesetzt zu werden oder zu verdursten, auf der ├ťberfahrt ├╝ber das Meer zu ertrinken. Viele Menschen k├Ânnen nicht einmal schwimmen.

Wie die Menschen all dies verarbeiten, h├Ąngt von ihrer Konstitution, den genauen Umst├Ąnden und ihrer Resilienz ab. Ich erinnere mich an eine Aussage, die mich sehr ber├╝hrt hat auf Lesbos, noch im alten Moria Camp. Dort hat mir ein j├╝ngerer Mann aus Syrien gesagt, das Allerschlimmste f├╝r ihn seien die langen Menschenschlangen. Er muss jeden Tag anstehen, ob er jetzt zum Arzt gehen, telefonieren oder Papiere haben will, vor dem Essen, Duschen oder vor der Toilette. ┬źDu kommst dir nicht mehr als Mensch vor, sondern als Tier┬╗, hat er gesagt, ┬źwenn du dich immer anstellen musst und nicht mehr pers├Ânlich als Mensch gesehen wirst.┬╗ Es ist dies ein eindringliches Beispiel f├╝r die den Menschen immer mehr entw├╝rdigenden und schw├Ąchenden Kr├Ąfte, die auf den verschiedensten Ebenen wirken. Jeder Mensch bringt diesen schwierigen Verh├Ąltnissen eine andere, innere elastische Kraft entgegen, eine Resilienzkraft, die die Menschen bef├Ąhigt, durch Krisensituationen zu kommen. Es gibt individuelle und soziale, gut erforschte Resilienzfaktoren, die unterst├╝tzend wirken: ob du eine Begleitperson, eine Familie hast, die hinter dir als Kind steht, ob du vielleicht sogar einen Kindergarten oder eine Schule besuchen kannst. Auch Religion ist ein ganz wichtiger Faktor. Individuell spielen zum Beispiel die Selbstwahrnehmung, kreatives Handeln und Empathie eine wichtige Rolle.

stART-Nothilfeprojekt Lesbos, Malerei in Mischtechnik, vier- bis f├╝nfj├Ąhriges Kind, November 2021

Sich einander vertraut machen

FH Kannst du von Einzelf├Ąllen berichten?

CB Ich kann als Beispiel von einem irakischen Jungen erz├Ąhlen, der jesidischen Ursprungs war. Seine Familie wurde vom Islamischen Staat (IS) gefangen genommen und er musste in die Koranschule, in der er geschlagen wurde, wenn er nicht gut zitieren konnte. Es gelang seiner Familie, nach Deutschland zu fliehen, und ich traf ihn in der Grundschule, in der ich in Freiburg arbeite. Es war eine gro├če Herausforderung in der Gruppe, ihn sozial zu integrieren und mit seinem Verhalten umzugehen. Es kam vor, dass er andere Kinder schlug oder er zerst├Ârte seine eigenen Malversuche oder die der anderen. Er hat die sozialen Grenzen gesprengt. Er schien so tief verletzt, dass er nicht in seine Kreativit├Ąt, nicht in einen konstruktiven Ausdruck kommen konnte. Das war f├╝r mich sehr herausfordernd, denn nat├╝rlich gibt es Grundregeln in einer Gruppe und wir m├╝ssen Grenzen setzen, wenn es aggressiv und zerst├Ârerisch wird. Ich musste ihn dann, weil er auf Kinder losgegangen ist, wirklich physisch trennen und ihn halten, was ich sonst nicht gern mache. Er wollte es nicht und ich wollte das auch nicht, aber es war einfach unumg├Ąnglich, ihn zu trennen, damit nicht noch mehr Schaden entsteht. Ich bin mit ihm aus dem Malatelier hinaus, wir setzten uns auf eine Bank und ich hatte das starke Gef├╝hl, ich wei├č gar nicht mehr, was ich mit ihm tun soll; ich f├╝hlte meine Ohnmacht. Er hat dagesessen und geheult und wir schienen beide ratlos. Das war ein Schl├╝sselmoment. Ich konnte ihm meine Hand auf die Schulter legen, die er annahm. Er weinte noch mehr ÔÇô und irgendwann war es gut. Es hatte nicht viele Worte gebraucht. Es war das Mitgef├╝hl und das Erkennen des gemeinsamen Ringens und das gemeinsame Durchgehen durch ein Nadel├Âhr. Er beruhigte sich, wir gingen wieder ins Atelier, er setzte sich und wollte malen, etwas, das er sonst nie von sich aus gemacht hat. Er malte 20, 30 Minuten, konzentriert, in einer weichen Gel├Âstheit, er wusch seine Pinsel. Er wollte mithelfen und r├Ąumte mit allen zusammen auf. Durch dieses Erlebnis der Grenzsetzung und des gemeinsamen Durchgehens durch dieses seelische Nadel├Âhr schien er wieder Zugriff auf seinen ÔÇ╣inneren GestalterÔÇ║ zu bekommen, womit er seine Kr├Ąfte wieder in sinnvolle, aufbauende Dinge lenken konnte und aus seinem Innersten auch im Sozialen beitragen wollte. Daraus lernte ich, wie ÔÇ╣nahÔÇ║ die pers├Ânlichen F├Ąhigkeiten und Ressourcen sind, die junge Menschen in sich tragen, auch wenn sie vielleicht tempor├Ąr keinen Zugriff darauf haben.

stART-Nothilfeprojekt Lesbos, Malerei in Mischtechnik, f├╝nfj├Ąhriges Kind, November 2021

FH Durch wahrhaftige zwischenmenschliche Beziehungen w├Ąchst auch die ÔÇ╣innere HeimatÔÇ║ wieder ÔÇô sich in sich selbst zu Hause f├╝hlen k├Ânnen ÔÇô oder? Geht es in eurer Arbeit im weitesten Sinne um ÔÇ╣BeheimatungÔÇ║?

CB Es ist unsere Arbeit bei stART, R├Ąume f├╝r Kinder zu schaffen, in denen sie wieder Kind sein k├Ânnen. In internationalen Krisengebieten arbeiten wir in Child Friendly Spaces, Orte, an denen sich Kinder sicher f├╝hlen und in ein heilsames Spielen durch k├╝nstlerische Angebote kommen k├Ânnen. Es geht darum, dass wir uns gemeinsam beheimaten, in dem, was wir gerade tun, in der Begegnung, in der wir gerade stehen. Und das passiert durch die Begeisterung f├╝r unsere Arbeit, durch die Liebe zu den Kindern. Daraus entsteht Herzensbegegnung, ein Raum voll Herzensw├Ąrme.

Dann gibt es verschiedene Kraftfelder, in denen es sich zu beheimaten gilt. F├╝r Kinder bis zum siebten, achten Jahr ist es essenziell, sich zu Hause f├╝hlen zu lernen im eigenen K├Ârper, sich darin wohlzuf├╝hlen, dass sie sich sicher bewegen k├Ânnen, sich stabil f├╝hlen in ihrem Leib, ihre Grenzen sp├╝ren lernen. Das ist fundamental ÔÇô ein Leben lang. Daf├╝r bieten wir eurythmische Elemente, rhythmische Lieder mit k├Ârperperkussiven Elementen an, nat├╝rlich auch Spiele f├╝r die Sinne. Das ist das Methodische, um K├Ârpergef├╝hl zu erzeugen, wodurch Vertrauen zum eigenen K├Ârper entsteht. K├Ârpervertrauen ist ein St├╝ck Beheimatung in sich selbst.

Ein weiterer Aspekt ist, in den eigenen Willen, in die Eigenwilligkeit zu kommen, in den eigenen Ausdruck. Die Kinder sollen eigene Ideen, eigenen Ausdruck und eigenwillig selbst Dinge gestalten lernen. Das kann durch Malen, Musik oder theaterp├Ądagogische Elemente sein. stArt international arbeitet da immer mit vielseitigen Ans├Ątzen im Team, um eine Vielfalt an k├╝nstlerischen Aktivit├Ąten anzubieten. Die Kinder erleben ihre Selbstwirksamkeit: ÔÇ╣Ich kann etwas schaffen, was sinnvoll ist. Ich kann etwas tun, das sch├Ân ist.ÔÇ║ Das ist ein ÔÇ╣Beheimaten im eigenen Sch├ÂpferÔÇ║ oder in ihrem eigenen Wesen, das neue Dinge im Leben hervorbringen will. Auch das brauchen wir alle ein Leben lang.

Das soziale Miteinander ist eine weitere, wichtige Ebene. Unsere Arbeitshaltung ist inspiriert durch: ÔÇ╣Es ist gut, dass du da bist. Es ist gut, dass ich da bin. Und wir k├Ânnen jetzt gemeinsam etwas schaffen.ÔÇ║ Dieses Gef├╝hl der Wertsch├Ątzung, des Interesses, auch verl├Ąssliche Regeln und Grenzen, all dies f├╝hrt zu neuem Vertrauen im Sich-Aufeinander-Beziehen. Wenn die Kinder sich mehr und mehr erkannt f├╝hlen, dann entsteht in der W├Ąrme auch Licht. Wir erzeugen in unserer Arbeit W├Ąrme, aber eben auch Licht. Ich verstehe uns als W├Ąrme- und Lichtproduzenten. Im Grunde geht es darum, R├Ąume zu schaffen, wo dieses Menschsein in Herzensw├Ąrme und Licht m├Âglich wird. Und daf├╝r sind k├╝nstlerische Medien essenziell. Das hat f├╝r mich mit Beheimatung auf einer tief menschlichen Ebene zu tun. Es ist f├╝r mich immer wieder ein ergreifendes Erlebnis, in der Arbeit mit gro├čen Gruppen zu erleben, was sich zwischen uns, um uns herum bildet: Das sind innere R├Ąume, die mit Herzensw├Ąrme belebt sind, mit l├Ąchelnden Gesichtern und mit Lichterf├╝llten Augen aller Beteiligten. Mitten im Dunkel von Krisengebieten erzeugen wir oder legen wir diese Licht- und W├Ąrmef├╝lle frei; Licht- und W├Ąrmekuppeln entstehen gemeinsam mit allen Menschen. Das sind Momente gelebter Existenzialit├Ąt.

stART-Nothilfeprojekt Lesbos, Gruppenarbeit mit unbegleiteten Jugendlichen in der Safe Zone im Moria Camp, 2019, Gro├čformat 120 ├Ś 70 cm

FH Du hast schon vorsichtig angesprochen, dass die Kinder bei euch von der Flucht traumatisiert sein k├Ânnen. Wie kommen sie in eurer Arbeitsstelle an?

CB Eine oft beobachtbare Tendenz bei Kindern ist die Rastlosigkeit, das Getriebensein. Sie k├Ânnen sich mit den Dingen, die man anbietet, vielleicht gar nicht oder nur kurz verbinden und dann nur mit einer geringen Konzentrationsspanne. Ein weiteres Ph├Ąnomen sind sich offensiv verhaltende Kinder mit mangelnder Impulskontrolle, was sich in verbaler oder k├Ârperlicher Aggression entladen kann. Es gibt auch Kinder, die ganz in sich versunken, schwer und abgeschlossen wirken.

Es gab einen Jungen in Lesbos, acht Jahre alt, der konnte einen Jonglierball nicht so zuwerfen, dass man ihn fangen konnte. Er warf ihn nur nach unten und konnte keinen Bogen zum Gegen├╝ber spannen. Auff├Ąllig schien sein Blick, der stets etwas nach unten gerichtet war und belastet erschien. Einer unserer Teamkollegen fing an, mit ihm den Ball spielerisch in die H├Âhe zu werfen, in die Leichte zu arbeiten. Der Blick des Jungen, seine Stirn, seine ganze Bewegungsgestalt ├Âffnete sich nach oben in die Leichte. Nach einer kurzen Zeit konnte er den Ball in einem sch├Ânen Wurf zuwerfen. Sein Vater hat das beobachtet und gab uns am n├Ąchsten Tag ein Feedback. Er war ganz ersch├╝ttert, dass sein Sohn nicht richtig werfen konnte. Die Familie hatte wohl eine sehr tragische Fluchtgeschichte und er freute sich, dass sein Sohn es so schnell wieder lernen konnte. Er merkte, wie belastet sein Kind von dieser Flucht war.

Das ist eine Erfahrung, die zeigt, wie wir in unserer Arbeit einseitige Tendenzen erkennen und wie wir wieder Balance in diese bringen k├Ânnen.

stART-Projekt ÔÇ╣Kunst st├Ąrkt KinderÔÇ║ in Freiburg, Gruppenarbeit von Kindern einer Fl├╝chtlingsunterkunft, Mai 2021

Im Sch├Âpferischen erbl├╝ht der Mensch

FH Du hast manche Kinder ├╝ber lange Zeit begleitet. Wie wirkt sich das auf ihr Leben aus?

CB Kind sein hei├čt, neue Dinge hervorzubringen, sich im Prozess ganz zu verwirklichen und dabei v├Âllig pr├Ąsent zu sein. Darin ist etwas Fundamentales. Es ist dieser innere Quell, der die Dinge neu hervorbringt, der immer wieder neue Facetten unseres Menschseins entstehen l├Ąsst, indem wir neue Ideen sch├Âpfen, neue Dinge ausprobieren, Neues unternehmen. Es gilt, diese Freude am Initiativ-Werden zu st├Ąrken. Kinder, die ich ├╝ber mehrere Jahre begleitet habe, entwickelten eine zunehmende Freude und Sicherheit im Sch├Âpferisch-Werden mit den verschiedensten k├╝nstlerischen Ausdrucksmedien. Der achtsame Umgang mit Materialien, die achtsame Pinself├╝hrung beim Malen, auch der Umgang miteinander sind Qualit├Ąten, die wachsen konnten. Gerade zum Umgang m├Âchte ich etwas sagen. In den Unterk├╝nften leben Menschen mit unterschiedlichsten Zugeh├Ârigkeiten zu Kultur und Religion. Da lebt auch viel Rassismus, Mobbing oder Streit zwischen Familien, was sich nat├╝rlich auch auf die Kinder auswirkt. Wenn wir auf gro├čen Papierformaten in der Gruppe malen, stehen oft Kinder am Tisch, zwischen denen Spannungen herrschen, Spannungen durch Altersunterschiede oder verschiedene Religionszugeh├Ârigkeiten. Es gibt dann zwei Elemente, die durch den Malprozess f├╝hren. Das eine ist die Abgrenzung, f├╝r das eigene Bild eine Grenze zu finden. Das Zweite ist eine Fl├Ąche, zum Beispiel einen Himmel, gemeinsam zu gestalten. Erfahrungsgem├Ą├č transformieren sich die sozialen Spannungen im gemeinsamen Malprozess in wundersch├Ân gestaltete Bilder. Wir gestalten hier im Sozialen, in einem kreativen Prozess, der Emotionen und Streit in ein gemeinsames Werken f├╝hrt, und am Ende k├Ânnen die Kinder sagen: ┬źWir haben das zusammen geschafft!┬╗

FH Das klingt wie eine Friedensarbeit! Etwas, das doch ├╝berall gebraucht w├╝rde, sowohl f├╝r unsere eigenen inneren Gestalter als auch im Zusammensein. Was sind deine Anregungen, f├╝r ÔÇ╣den Rest von unsÔÇ║ ÔÇô f├╝r diejenigen, die um diese Inseln der Fl├╝chtlingsunterk├╝nfte herum leben? Wie kommen wir ├╝ber die Nothilfe hinaus in ein wachsendes Miteinander?

CB Ich finde, wir haben oft ein einseitiges Bild von gefl├╝chteten Menschen. Sie haben vieles erlebt, was schwerwiegend ist. Aber sie sind nicht nur Opfer und wollen nicht nur als Opfer gesehen werden, als solche, die nur bemitleidenswert sind. Das sind Menschen, die, so wie wir, das Bed├╝rfnis nach Sicherheit, nach Familie, nach Bildung, nach Liebe haben. Menschen, die mit ihren vielf├Ąltigen F├Ąhigkeiten ihren Weg in die Berufswelt finden, anderen Menschen helfen, die ihr Leben aktiv in die Hand nehmen wollen.

Mein Wunsch ist, dass wir mehr Herzensbildung in unserer P├Ądagogik und in der Begegnung mit Menschen ├╝ben, dass es Begegnungen werden k├Ânnen, in denen wir sp├╝ren und uns fragen, was will aus dem anderen werden, was ist noch gar nicht da, was ist noch ungeboren. Und dass wir f├╝hlen k├Ânnen: ÔÇ╣Ich kann dich ein St├╝ck begleiten. Ich mach das von Herzen gern und und wir gehen ein St├╝ck Weg zusammen und lernen uns kennen, lernen voneinander.ÔÇ║ Ich w├╝nsche mir, dass wir uns erinnern, dass wir auch nur werden konnten, wer wir sind, weil wir anderen Menschen begegnet sind. Dazu geh├Âren alle Menschen, aus allen Religionen, Kulturen und Schichten, die uns etwas zeigten, von denen wir etwas lernen konnten. Also, eine herzliche Bescheidenheit und eine Offenheit dem Wunder des Menschseins gegen├╝ber ÔÇô das w├Ąre wunderbar! Ich kann nur dadurch der sein, der ich bin, und der, der ich werden will, weil die Kinder hier sind und gefl├╝chtet sind. Sie helfen uns auf diese Weise, Mensch zu werden, weil wir darin eine Aufgabe sehen und uns dieser stellen. 


stART international e. V.
Emergency aid for children

stART Unsere Flexibilit├Ąt macht es m├Âglich, schnell zu agieren und umgehende Unterst├╝tzung f├╝r Kinder und Jugendliche in Krisengebieten nach Kriegen und Naturkatastrophen anzubieten.

ART Wir arbeiten mit verschiedenen Arten von K├╝nsten auf p├Ądagogisch-therapeutische Weise.

International Wir sind in internationalen Teams weltweit t├Ątig.

Emergency aid for children Unser Ziel ist es, Kinder und Jugendliche so fr├╝h wie m├Âglich nach einem traumatischen Ereignis zu erreichen.

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