Das Eigentliche in einer uneigentlichen Erscheinungsform

Wer trotz Schwere im Leben auch lachen kann, dem beschert es die nötige Distanz, die wieder verbindet. Lachen weitet und erhebt ĂŒber die Alltagssorgen, ohne sie lĂ€cherlich zu machen.


Jeder Mensch weiß aus eigenem Erleben, was Humor ist. Wie aber ist Humor zu verstehen? Beginnen wir, wie es sich fĂŒr eine ernsthafte Abhandlung gehört, mit einer Definition des Gegenstands. Laut Duden ist Humor die «Gabe eines Menschen, der UnzulĂ€nglichkeit der Welt und des Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.» Schon an dieser Stelle wird deutlich, warum jede Lehrerin, jeder Lehrer und die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler sozusagen existenziell auf Humor angewiesen sind! Das Wort â€čhumoresâ€ș (Feuchtigkeiten) geht zurĂŒck auf die mittelalterliche SĂ€fte- und Temperamentslehre. Umor (lat.); umere: â€čfeucht seinâ€ș, umidus: â€čfeuchtâ€ș gehört zu einer indogermanischen Sippe, die im Germanischen nur mit â€čOchseâ€ș (Befeuchter, Besamer) vertreten ist, womit auch das RĂ€tsel des typisch deutschen Humors gelöst wĂ€re! In der Tat hat â€“ etwa in einer Schulklasse oder in einer Konferenz â€“ praktizierter echter Humor eine belebende, befruchtende und oft auch befreiende Wirkung.

Tragisch-komisch

Das Komische wird grundsĂ€tzlich Ă€hnlich wie das Tragische begriffen: Als Wahrnehmung eines Konfliktes widersprĂŒchlicher Prinzipien, im Falle der Komik allerdings durch ĂŒbertreibende, Lachen erregende Kontrastierung. Nehmen wir als Beispiel einen meiner Lieblingswitze von Woody Allen: «SelbstverstĂ€ndlich gibt es das Jenseits. Fragt sich nur, wie weit ist es von der City entfernt und kann man dort duschen?» Hier werden in meisterlicher Verknappung zwei widersprĂŒchliche Prinzipien nebeneinandergestellt. Die Analyse ergibt zweifelsfrei, dass weder der erste noch der zweite Teil der Aussage witzig ist, sondern ausschließlich deren VerknĂŒpfung. Ähnlich wie der berĂŒhmte Morgenstern’sche Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun, existiert Humor nicht wirklich, ist nicht greifbar, sondern liegt in der Beziehung, also im Dazwischen. Humor ist und schafft reine Beziehung!

Dies gilt sogar fĂŒr die heute viel gescholtene Ironie. Klar, Menschen, die dauernd alles ironisieren, sind Gift fĂŒr die Erziehung, besonders fĂŒr die des kleinen Kindes. Wenn der andere die Ironie nicht verstehen kann, ist sie ĂŒble Manipulation und ein sich Lustigmachen auf seine Kosten. Es gibt aber auch die konstruktive Ironie, von der Robert Musil in seinem Roman â€čDer Mann ohne Eigenschaftenâ€ș im fragmentarischen Anhang sagt: «Ironie ist: einen Klerikalen so darstellen, dass neben ihm auch ein Bolschewik getroffen ist. Einen Trottel so darstellen, dass der Autor plötzlich fĂŒhlt: Das bin ich ja zum Teil selbst. Diese Art Ironie â€“ die konstruktive Ironie â€“ ist im heutigen Deutschland ziemlich unbekannt. Es ist der Zusammenhang der Dinge, aus dem sie nackt hervorgeht.» So kann in der Mittel- und vor allem Oberstufe die sogenannte sokratische Ironie ein Vehikel didaktischer Kommunikation sein: «Hier soll durch bewusst falsche oder fragwĂŒrdige Wertvorstellungen, logische FehlschlĂŒsse oder fragende Unwissenheit zu positiver Erkenntnisanstrengung provoziert werden, was die Selbstironisierung des Erziehenden mit sich bringt.» (Brockhaus) Die romantische Ironie schließlich bezeichnet «das GefĂŒhl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollstĂ€ndigen Mittheilung». (F. Schlegel)

Humor ist gesund

Im Zusammenhang mit den psychischen Leiden seiner Patienten spricht Victor Frankl, der berĂŒhmte Psychiater und BegrĂŒnder der Logotherapie, dem Humor eine herausragende Bedeutung zu: «Nichts lĂ€sst Patienten so sehr distanzieren wie der Humor. Der Humor wĂŒrde verdienen, ein Existential genannt zu werden. Nicht anders als die Sorge und die Liebe.» Kierkegaards Umschreibung von Humor zielt deutlich in eine logotherapeutische Richtung. Folgen wir ihm, so können wir Humor verstehen als «das Gewahrwerden eines Eigentlichen, eines ideellen, human-ethischen, werthaltigen Sinnes in einer uneigentlichen Erscheinungsform. Hieraus entsteht die humoristische Welthaltung, LĂ€cheln, Heiterkeit, Versöhnlichkeit, gelassene Betrachtung menschlicher SchwĂ€chen und irdischer UnzulĂ€nglichkeiten, Kraft zur Erduldung von Leid und sogar Grauen.»

Die in diesem Abschnitt verwendeten Zitate entstammen alle dem sehr lesenswerten Aufsatz von Andreas DickhĂ€user â€čHumor im Unterrichtâ€ș (aus: Existenz und Logos, Heft 1/2002). DickhĂ€user fĂ€hrt fort:

«An dieser Stelle sehe ich einen AnknĂŒpfungspunkt fĂŒr den Einsatz von Humor im Unterricht. […] Wird mithilfe des Humors eine Selbstdistanzierung in Gang gesetzt, so kann eine deutlich verbesserte Lern- und ArbeitsatmosphĂ€re aufgebaut werden. Eine solche AtmosphĂ€re weckt, fördert und erhĂ€lt […] die Lern- und Anstrengungsbereitschaft der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler und ist bei der Umsetzung der geforderten Lernziele hilfreich. Da â€čechter Humorâ€ș in hohem Maße sozial verbindend wirkt, kann sich zudem langfristig ein VertrauensverhĂ€ltnis zwischen Lehrer und SchĂŒler entwickeln, das unter UmstĂ€nden auch positive Auswirkungen auf das SchĂŒler-SchĂŒler-VerhĂ€ltnis haben kann.»

HeilpÀdagogische Tugend Humor

Humor kann aber nicht nur quasi methodisch-didaktisch sinnvoll eingesetzt werden, sondern ist vielmehr eine Lebenshaltung, die Rudolf Steiner dem HeilpĂ€dagogen empfiehlt: «Man wird trotz allen möglichen gescheiten Kunstgriffen solche Kinder nicht erziehen können, wenn man nicht den nötigen Lebenshumor hat. Also es wird schon Platz greifen mĂŒssen in der anthroposophischen Bewegung, dass man Sinn hat fĂŒr Beweglichkeit.» Nicht nur hilft der Humor dem HeilpĂ€dagogen und der Sozialtherapeutin, existenzielle Situationen, mit denen er oder sie oft tĂ€glich konfrontiert wird, besser zu verkraften, sondern er ist auch ein exzellentes Kommunikationsmittel, um mit Menschen Kontakt aufzubauen, die nicht oder nicht ausreichend ĂŒber sprachliche FĂ€higkeiten verfĂŒgen. Gerade diese Menschen zeigen auf dem Wege des HumorverstĂ€ndnisses oft eine hohe Intelligenz, die sich nur anderweitig nicht Ă€ußern kann.

Anthroposophische Zusammenrottungen und â€čGesicht bis ans Bauchâ€ș

Dem Beruf des Lehrers und der Ausgangslage des Unterrichtens eignet ja durchaus eine immanente Komik, besonders dann, wenn man der Meinung ist, Vorbild zu sein. VerstĂ€rkt wird diese Grundkomik durch die BemĂŒhungen einer anthroposophischen PĂ€dagogik. «Das Gewahrwerden eines Eigentlichen [
] in einer uneigentlichen Erscheinungsform», als das Kierkegaard weiter oben den Humor bezeichnet hat, ist doch das Grundthema sĂ€mtlicher bisheriger Erscheinungsformen anthroposophischen Strebens! «Man kriegt manchmal ein bisschen Schmerzen, wenn man in anthroposophische Ansiedlungen oder Zusammenrottungen kommt», beklagt Rudolf Steiner schon 1924 im HeilpĂ€dagogischen Kursus, «die Leute machen ein â€čGesicht bis ans Bauchâ€ș. Sie sind so wenig geneigt, zum Heiterwerden, zum Lachen zu kommen!» Das ist sicher einer der wesentlichen GrĂŒnde, warum manche Menschen, die der Anthroposophie sehr nahestehen, nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft werden wollen. Neben der unĂŒbertroffenen BegrĂŒndung von Groucho Marx natĂŒrlich: «Ich wĂŒrde niemals Mitglied in einem Club werden, der Leute wie mich aufnimmt!»

Gelotologie

Köstliche Pointen entstehen auch, wenn man sich dem Humor mit den Mitteln der Gelotologie, der Wissenschaft vom Lachen nĂ€hert. Eine besondere Schwierigkeit bei der ethnologischen Erforschung ist, dass das Lachen anderer Kulturkreise oft nur in der Kontaktsituation mit Ethnologen beobachtet werden konnte: Andere Ethnien lachten ĂŒber die fĂŒr sie erstaunlichen Verhaltensweisen der Ethnologen. Also beeinflussten Herkunft und Verhalten der Forschenden wĂ€hrend ihrer Beobachtungen gelegentlich auch schon die Aktionen und Reaktionen der von ihnen observierten Individuen. Wissenschaft ist eben ein ernstes GeschĂ€ft!

Aus allen hier nur angerissenen Gesichtspunkten wird deutlich, warum Humor fĂŒr Erziehende, Lehrpersonen und natĂŒrlich auch SchĂŒlerinnen und SchĂŒler im Alltag einer Erziehung zur Freiheit unverzichtbar ist: Humor ist der große Beziehungsstifter! Er lĂ€sst ZusammenhĂ€nge erkennen, er schafft ein warmes, verstehendes und verzeihendes soziales Klima. Oder mit Christian Morgensterns Worten: «Humor ist die Ă€ußerste Freiheit des Geistes!»


Zeichnungen von Estella Mare

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