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Corona und biodynamische Landwirtschaft

Die Coronakrise allein als Unfall oder nur als Gesundheitsproblem zu sehen, ist ein Fehler, ein gefĂ€hrlicher Fehler. Es gibt kein ZurĂŒck zum â€čbusiness as usualâ€ș. Vielmehr muss man diese Krise als globales systemisches Symptom sehen, als einen GAU. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sind schon viele Ă€hnliche Krisen nicht ernst genommen worden.


Diese Krise, die jetzt in der allgemeinen Aufmerksamkeit an die Stelle von Klima- und Umweltkrise getreten ist, zeigt eindrĂŒcklich viele Schwachstellen unserer modernen Lebensweise: ökologisch, ökonomisch, politisch, finanziell, sozial wie auch geistig. Ein Aspekt dieser Krise ist unsere Beziehung zur Natur, die sich heute immer noch zum großen Teil in der Zerstörung von LebensrĂ€umen und lebendigen Wesen ausdrĂŒckt. In verschiedenen Artikeln rufen jetzt Autorinnen und Autoren (1) nach einer neuen Gestaltung unserer Beziehung zur Natur und zur Erde auf. Ich beleuchte hier einige Aspekte aus dem Blick der Landwirtschaft.

FĂŒr die Landwirte wie fĂŒr die Ökologen kommt die Coronapandemie nicht unerwartet. Seit mehr als 20 Jahren gibt es fast jedes Jahr eine neue Seuche bei den Nutztieren: Vogelgrippe, Schweinegrippe â€“ die beide wie Corona auch auf den Menschen ĂŒbergesprungen sind â€“, Catharalle-Fieber bei Schafen usw. Fast jede Tierart wurde von einer solchen Epidemie getroffen. Bei den Kulturpflanzen mehren sich in letzter Zeit ebenfalls Viren-, Bakterien- und Pilzkrankheiten (2) besonders im Zuge der KlimaerwĂ€rmung. Zum Beispiel die Xylella, die in SĂŒditalien Tausende von Hektaren alter OlivenbĂ€ume in kurzer Zeit getötet hat. Es scheint etwas aus dem Ruder zu laufen mit der Gesundheit der Naturwesen. Es zeigt sich eine gesamte SchwĂ€chung der Lebewesen, auch bei uns Menschen, vor allem hervorgerufen durch die Umweltverschmutzung.(3) Zugleich steigt die Rate der Epidemien und ihrer Virulenz. Zwischen 1940 und 2000 hat sich die Anzahl der Infektionskrankheiten vervierfacht.(4) Dies zeigt, wie dringend wir ein neues VerstĂ€ndnis des Lebendigen und eine neue Haltung dem Lebendigen gegenĂŒber brauchen. Man wird wahrscheinlich vergeblich nach dem wahren Ursprung der aktuellen Covid-19-Pandemie suchen. Es existieren gegenwĂ€rtig mehrere Hypothesen. Sie sind oft ein Spiegel unserer eigenen Sicht auf die Welt.

Die Angst vor der Natur

Einige Expertinnen oder Experten meinen, dass das Virus von einer Fledermaus ĂŒber ein Schuppentier zu den HĂ€ndlern und KĂ€ufern auf einem Markt in Wuhan, wo viele lebendige Wild- und Nutztiere verkauft werden, geraten sei. Diese Meinung folgt der Vorstellung von der gefĂ€hrlichen Natur und zweifelhaften chinesischen Nahrungsgewohnheiten. Bereits fĂŒr die Vogelgrippe gab es Ă€hnliche Hypothesen, die besagen, dass die Wildtiere schuld seien. Viele Berichte und Kommentare behaupteten, sie sei von Zugvögeln aus Asien gebracht worden. Diese Ansicht ist unwahrscheinlich, da der Vogelzug von Norden nach SĂŒden geht, die Vogelgrippe sich jedoch von Ost nach West ausbreitete.

TatsĂ€chlich hat ein großer Teil der Bevölkerung eine unbestimmte Angst vor der â€čwildenâ€ș Natur. Diese Angst fĂŒhrt zu Handlungen, um die Natur zu begrenzen, zu beherrschen oder sogar Wesen auszurotten. Ich nehme tĂ€glich diese meist unbewusste Haltung in meiner Umgebung, einem Dorf in Frankreich, wahr. Alle UnkrĂ€uter werden weggejĂ€tet, der Rasen ist geschnitten, auch wenn es keinen Sinn macht, Brombeeren werden stĂ€ndig ausgerissen. Im Buch â€čDie Angst vor der Naturâ€ș beschreibt François Terrasson (5) diese Urangst und schließt, dass wir sie wie ihre positive Kehrseite, die Liebe zur Natur, in uns integrieren sollen. So gesehen ist das Virus Teil einer gefĂ€hrlichen Ă€ußeren Natur, das es wie andere SchĂ€dlinge (Insekten, Bakterien, UnkrĂ€uter usw.) auszurotten gilt â€“ eine Art von KriegsfĂŒhrung, wie sie die industrielle Landwirtschaft effizient beherrscht. Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron hat die Bevölkerung zu einem Krieg aufgerufen. Wie schaffen wir die Bedingungen, damit wir Menschen und besonders unsere Kinder diese Angst vor der Natur, die oft zu einer
kriegerischen Haltung fĂŒhrt, ĂŒberwinden?

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Ein großer Teil der Bevölkerung hat Angst vor der â€čwildenâ€ș Natur. Diese Angst fĂŒhrt zu Handlungen, um die Natur zu begrenzen, zu beherrschen. Ich nehme tĂ€glich diese unbewusste Haltung in meiner Umgebung, einem Dorf in Frankreich, wahr. Alle UnkrĂ€uter werden weggejĂ€tet, der Rasen ist geschnitten, auch wenn es kein Sinn macht, Brom­beeren werden stĂ€ndig ausgerissen.

Wenn eine Wunde nicht heilt

Wenn man die Hypothese â€čFledermausâ€ș weiter untersucht, kommt man dennoch auf sehr interessante ZusammenhĂ€nge. Eine Analyse zeigte schon 2010, dass die Verminderung der BiodiversitĂ€t mit einer Zunahme an Infektionskrankheiten einhergeht.(6) Denn die Reduzierung der BiodiversitĂ€t ist immer mit der Zerstörung von Biotopen verbunden. In der Folge dieser Zerstörung nĂ€hern sich die ĂŒbriggebliebenen Tierarten den Siedlungsgebieten und Menschen an. Das Beispiel der Lyme-Krankheit (Borreliose), die in den USA aufgetaucht ist, hilft, diese Tatsache besser zu verstehen. Diese Krankheit (7) erscheint in den 80er-Jahren in der Stadt Lyme in Connecticut, verbreitet sich dann sehr schnell in Amerika und ist seit mehr als 30 Jahren auch in Europa anzutreffen. Nach Ansicht von Ökologen hat sich die Borreliose erst im letzten Jahrhundert in Nordamerika im Zusammenhang mit der Massenentwicklung ihres Wirts, der Zecke, stark verbreitet.

Nach der Kolonisation von Nordamerika wurde der Osten des Landes fĂŒr die Gewinnung von Holzkohle fĂŒr Industrie und Landwirtschaft stark entwaldet. Am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es kaum noch BĂ€ume und WĂ€lder in dieser Region. In den frĂŒheren WĂ€ldern lebten Hirsche und ihre â€čRaubtiereâ€ș, Kojoten, Pumas u. a. Ohne Wald gab es weniger Hirsche und alle Raubtiere wurden von den JĂ€gern erlegt. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verlassen Industrie und Landwirtschaft die Gegend. Die noch vorhandenen WĂ€lder werden unter Schutz gestellt und breiten sich wieder aus. Die Hirsche und die Wirte der Borreliose, die Ixodes-Zecke, die auf Hirschen und Rehen lebt, kehren zurĂŒck. Ohne Raubtiere entwickeln sich die Hirsche ungebremst. Das Opossum, welches frĂŒher die Zecken fraß (8) und sie sogar auf anderen Tieren tötete, wurde auch ausgerottet. Es wurde in der Nahrungskette durch MĂ€use ersetzt, die aber die Zecken nicht reduzieren können. Viele Menschen bauen sich ein Haus auf dem Land und sind dadurch in nahem Kontakt mit den Wildtieren und auch mit ihren Zecken und dem Bakterium der Lyme-Krankheit. Der Mikrobiologe Norbert Gualde beschreibt die Situation folgendermaßen: Es gab eine Zerstörung des Lebensraums. Dann kann sich der Lebensraum wieder aufbauen, aber die Narbe ist unvollstĂ€ndig geheilt, bleibt offen und eitert.

 


Boxing Cow, Shira Nov, Tinte auf Papier, 2018

Boxing Cow, Shira Nov, Tinte auf Papier, 2018

 

Diese Beschreibung trifft zu: Eigentlich sind alle Lebewesen, auch die Mikroorganismen, Teile (oder â€čZellenâ€ș) von grĂ¶ĂŸeren Organismen, Landschaftsorganismen, die selbst Organe des Erdenorganismus sind. Wenn Letztere große Wunden bekommen oder sogar vollstĂ€ndig zerstört werden, werden viele komplexe NaturkreislĂ€ufe zwischen Boden, Pflanzen und Tieren auch zerstört. Und die Mikroorganismen, sei es Bakterien, Viren oder sogar Pilzkrankheiten, können sich dann ungebremst entwickeln (â€čEiterungsprozessâ€ș) und werden â€čschĂ€dlichâ€ș, weil sie nicht mehr in einem ĂŒbergeordneten Landschaftsorganismus eingebunden sind.

So stellt sich eine zweite Frage: Wie können wir die Landschaftsorganismen pflegen und gestalten, sodass Bakterien, Viren, Pilzkrankheiten usw. in NaturkreislÀufe eingebunden sind und dadurch weniger schÀdlich werden?

Eine andere Hypothese fĂŒr die Entstehung von Covid-19 ist, dass das Virus aus der Massentierhaltung in China stamme. (9) TatsĂ€chlich hat die Haltung von riesigen Massen weniger Nutztierrassen in sterilen Hallen die Empfindlichkeit fĂŒr Viren und Bakterien in hohem Maße verstĂ€rkt. Und genau aus diesem Grund bekommen die ausgebeuteten Tiere massenweise Antibiotika, um jeder Bakterienkrankheit vorzubeugen. Was wiederum die Entwicklung von multiresistenten Bakterien fördert, die in Deutschland jedes Jahr viele Tausende TodesfĂ€lle verursachen.(10) Diese Tatsache wird leider nicht annĂ€hernd so ernst genommen wie das Covid-19-Virus. Die industrielle Landwirtschaft drĂŒckt sich in Ă€hnlicher Weise weltweit in der Entwicklung von Monokulturen (Getreide, Kaffee, Kakao usw.) aus. Der Biologe François Moutou beschreibt, wie diese Landwirtschaft eine Welt fĂŒr die Verbreitung von pathogenen Keimen schafft: «Auf einer Wiese, auf der etwa hundert Pflanzenarten wachsen, kann ein Virus verloren gehen. Aber auf einem zehn Hektar großen Maisfeld kann es sich, wenn es sich mit den Pflanzenzellen verbinden kann, unbegrenzt ausbreiten.»

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Die Coronakrise zeigt eindrĂŒcklich viele Schwachstellen unserer modernen Lebensweise: öko­logisch, ökonomisch, politisch, finanziell, sozial wie auch geistig hat.

Da treffen wir eigentlich auf einen anderen Aspekt des oben beschriebenen Problems: Bei der Massentierhaltung wie bei der Monokultur werden Tiere und Pflanzen wie in einer Fabrik produziert, ganz isoliert von ihrem wesensgemĂ€ĂŸen Landschaftsorganismus.

Es gibt weitere Hypothesen wie die des NobelpreistrĂ€gers Luc Montagnier, der meint, dass das Virus aus einem Versuch mit dem AIDS-Virus in dem P4-Labor von Wuhan kommen könnte.(11) Diese Hypothese stĂ¶ĂŸt besonders bei Menschen auf Zustimmung, die das Bild einer bösen â€čBig Pharmaâ€ș teilen, die mit Elementen der Natur experimentiert.

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, welche dieser Hypothesen im Fall von Covid-19 zutrifft, aber jede dieser Hypothesen stimmt fĂŒr einige Epidemien der Vergangenheit. Deshalb ist es notwendig, um solchen Seuchen vorzubeugen, eine Zukunft vorzubereiten, die solche ZustĂ€nde Schritt fĂŒr Schritt ĂŒberwindet. Die biodynamische Landwirtschaft wie auch der agro-ökologische Ansatz eröffnen hier interessante Perspektiven, die ich kurz skizzieren möchte.

Vom Krieg zur Integration

Wie kann man der Natur gegenĂŒber eine neue Haltung entwickeln, statt sich vor ihr, die wir oft als etwas betrachten, das außerhalb von uns liegt, zu fĂŒrchten? Das bedeutet, sich weder vor der Natur zu fĂŒrchten und sie ĂŒberall â€čtechnologischâ€ș zu bezwingen noch sie nur in Reservaten schĂŒtzen zu wollen, ohne Teil von ihr zu sein. Wie kann also die DualitĂ€t Mensch â€“ Natur ĂŒberwunden werden? Zuerst muss jeder von uns anerkennen, dass er selbst in seiner Leiblichkeit auch Natur ist. Wir sind immer noch daran gewöhnt, leicht zwischen Natur und Kultur zu unterscheiden, aber diese beiden Kategorien sind, wie der Anthropologe Philippe Descola (12) sehr gut zeigt, weder uralt noch universell; sie sind in der Zeit der AufklĂ€rung in Europa entstanden.

Es gibt andere Visionen der Welt, die die Menschen als lebende Wesen wie BrĂŒder und Schwestern und die Erde als Wesen, als Mutter ansehen. Der anthroposophische Ansatz differenziert diese Sicht, indem er zeigt, dass jedes Wesen, Pflanze, Tier oder Mensch, anders â€čin der Welt stehtâ€ș. Der Geist inkarniert sich bei der Pflanze in der zeitlichen Metamorphose der Organe, beim Tier in der Perfektion der Spezialisierung seiner Organe. Und der Mensch, der sich weniger spezialisiert hat, behĂ€lt die Möglichkeit, frei ĂŒber einen Teil seiner geistig-schöpferischen KrĂ€fte zu verfĂŒgen. Sie geben ihm die Möglichkeit, aktiv zusammen mit den anderen Naturreichen zu gestalten und Neues in die Welt zu bringen. Diese Sicht, die jedem â€čNaturreichâ€ș eine besondere Aufgabe im Ganzen der Natur gibt, ist eine der Grundlagen der biodynamischen Landwirtschaft.

Die Geschichte der Landwirtschaft zeigt, dass der Mensch seit sehr langer Zeit ĂŒberall auf der Erde die Natur gestaltet und pflegt. Unser romantisches Bild von ursprĂŒnglicher Natur auf der einen und menschenbeherrschter Natur auf der anderen Seite ist falsch. Und wir Menschen (13) haben fast alle Landschaften der Erde mitgestaltet, manchmal aus partnerschaftlicher, manchmal aus beherrschender Haltung heraus. In der biodynamischen Landwirtschaft wird eine integrierende Haltung angestrebt. Das heißt, dass auf dem landwirtschaftlichen Betrieb, der als höherer Organismus gestaltet wird, alle Wesen willkommen sind. Jede Pflanze, jedes Tier sollte in einer eigenen, es fördernden AtmosphĂ€re wachsen oder leben können. Jedes Naturwesen, Pflanze oder Tier, kann nie fĂŒr sich allein existieren: Es ist immer Teil eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen, das es zu erhalten und zu gestalten gilt. Tiere und Pflanzen sind zwei sich ergĂ€nzende Wesen und die Mikororganismen, die jedes höhere Wesen symbiotisch bewohnen, gehören auch als ErgĂ€nzung dazu. Es ist sogar so, dass die Pflanzen, wenn sie zum Beispiel ihre zweite HĂ€lfte (die Tiere) nicht finden, weniger gut gedeihen.

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Wir mĂŒssen anerkennen, dass wir selbst in unserer Leiblichkeit auch Natur sind. Wir sind daran gewöhnt, zwischen Natur und Kultur zu unterscheiden, aber diese beiden Kategorien sind weder uralt noch universell; sie sind in der Zeit der AufklĂ€rung in Europa entstanden.

Das Ideal des landwirtschaftlichen Organismus ist eine nach innen stark differenzierte Einheit. Dieser Organismus ist eine große Herausforderung, aber auch ein spannender Innovationsweg â€“ vor allem fĂŒr die Landwirte, die eine Monokultur auf biodynamische Wirtschaftweise umstellen wollen, wie z. B. gegenwĂ€rtig viele Winzer oder Obstbauern. Die Landwirte pflegen oder schaffen sogar, wenn ein solcher nicht existiert, fĂŒr jede Tiergruppe wie Vögel oder besonders auch Wildtiere den entsprechenden Lebensraum.

In Bezug auf die Mikroorganismen erwĂ€hnt Rudolf Steiner (14), dass es eine Beziehung zwischen den Pilzkrankheiten und anderen Mikroorganismen auf der einen und Auen und feuchten Wiesen auf der anderen Seite gibt. Deshalb sind solche Landschaftselemente auf jedem Hof wichtig, um Mikroorganismen, Bakterien und Pilzen, die Krankheiten verursachen, einen Platz zu schaffen. Eine integrative Sichtweise! Üblicherweise wĂ€re man bemĂŒht, alle Viren, Bakterien usw. zu vernichten. Man kann sich fragen, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen der Zerstörung von bis zu 90 Prozent der Feuchtbiotope in Europa und der Zunahme der Pilz- und Infektionskrankheiten. Das Prinzip, allen Wesen einen Platz zu geben, erhöht die Vielfalt des Lebens und fördert die Herstellung von â€čnaturintimen Beziehungenâ€ș im Lebenszusammenhang zwischen verschiedenen Wesen. Diese Haltung ist am Anfang der biodynamischen Umstellung fĂŒr viele Landwirte schwierig zu akzeptieren. «Ich soll Pilzen, Bakterien und anderen Mikroorganismen auf meinem Hof Platz geben, wo ich frĂŒher in der konventionellen Landwirtschaft so viel MĂŒhe hatte, sie wegzukriegen mit vielen Giften (Pestiziden, Fungiziden und Antibiotika)?» Genauso wichtig wie die neue Haltung ist die radikale Änderung der Einstellung der Natur gegenĂŒber. Um dies zu erreichen, muss man sich fĂŒr alle diese Wesen interessieren. Von einer propagierten â€čKriegshaltungâ€ș gehe ich zu einer â€čWillkommenshaltungâ€ș ĂŒber. Alle Wesen dĂŒrfen auf meinem Hof einen Platz haben. Diese Intention schafft eine andere AtmosphĂ€re auf dem Hof, die direkt spĂŒrbar wird auf der seelischen Ebene. «Man fĂŒhlt sich gut hier!», sagen die Besucher, ohne genau beobachten zu können, woran es liegt. In einem Beitrag zeigt der Arzt Thomas Hardtmuth (15), wie Viren als atmosphĂ€rische Wesen stark mit der seelischen Ebene leben. Eine Angststimmung fördert die Viren und schwĂ€cht gleichzeitig unsere ImmunkrĂ€fte. Umgekehrt könnte eine â€čintegrierendeâ€ș Haltung der Natur gegenĂŒber und das konkrete Schaffen von positiven â€častralischenâ€ș AtmosphĂ€ren einiges zur Vorbeugung â€čböserâ€ș Viren beitragen.

Die Landschaft gestalten

Aus diesem Prinzip wird die Landschaft anders gestaltet. Statt einer Trennung zwischen ProduktionsflĂ€chen und Naturschutzgebieten wird die Landschaft gegliedert und strukturiert, wo â€čNaturâ€ș (im Sinne von spontan am Ort wachsend) und Kultur (im Sinne von vom Menschen gepflanzt oder eingefĂŒhrt) sich gegenseitig durchdringen. Das versucht jeder biodynamische Landwirt mit seinem landwirtschaftlichen Organismus, indem er Pflanzen und Tiere zusammen â€čkultiviertâ€ș, sodass sie ihre PotenzialitĂ€t entwickeln â€“ das heißt Lebensmittel produzieren â€“ und in WĂŒrde leben können. Zusammen mit der Erde sollen sie einen Kreislauf schaffen, der Fruchtbarkeit entwickelt.

Ein weiteres wesentliches Prinzip der Gestaltung ist die Pflege von Übergangszonen (oder das Anlegen von solchen, wenn sie fehlen). Diese Biotope (Hecken, WaldrĂ€nder, Ufer, Wegraine usw.) bieten höchste BiodiversitĂ€t und spielen eine Ă€hnliche Rolle wie die Zellmembranen in unserem Körper. Sie sind Wahrnehmungs- und Verbindungsorgane zwischen den verschiedenen Elementen der Landschaft. So wird Schritt fĂŒr Schritt der landwirtschaftliche Betrieb als resilienter Organismus gestaltet.

 


Freigebunden (Engel), Shira Nov, Tinte auf Papier, 2018

Freigebunden (Engel), Shira Nov, Tinte auf Papier, 2018

 

Peripherisch-atmosphÀrisch wahrnehmen und handeln

Es gibt noch einen weiteren Aspekt zu beachten. Die letzten großen Krisen, der Klimabruch mit ErwĂ€rmung und Luftverschmutzung sowie Covid-19, haben etwas gemeinsam: Sie erscheinen nicht zentriert-punktuell. Sie kommen â€čatmosphĂ€rischâ€ș aus der Umgebung. Physiologisch betreffen sie unsere Atmungsorgane, die uns rhythmisch mit der Welt verbinden. Deswegen sind sie auch eine Herausforderung fĂŒr unser kausales Denken, das immer linear in Ursache und Wirkung denkt. Kann man atmosphĂ€risch und rhythmisch denken und handeln?

Schon am Anfang des letzten Jahrhunderts hatte Rudolf Steiner von dem peripherischen Ich gesprochen mit dem Zitat: «Das Ich des Menschen lebt in der GesetzmĂ€ĂŸigkeit der Dinge.» Was heißt das konkret fĂŒr die landwirtschaftliche Arbeit? Kann ich mein Ich weniger zentriert erleben, vielmehr auch peripherisch â€“ und daraus handeln?

Eine Anekdote dazu. Ich habe vor Kurzem in Korsika einen Winzer besucht, der auf biodynamischen Anbau umstellen wollte. Er erzĂ€hlte von seiner großen Überraschung, als der biodynamische Berater, statt ganz konkret auf den Boden und die Reben zu schauen und Fragen zu stellen, zuerst gar nichts sagte und einfach durch die Parzellen schritt. Danach verstand der Winzer, dass der Berater die AtmosphĂ€re des Ortes wahrnehmen wollte. Verglichen mit unserem Sehen ist Riechen ein atmosphĂ€rischer Sinn par excellence, der viel mehr analytisch fokussiert wahrnimmt. Üben wir uns darin, die Stimmungen stĂ€rker zu spĂŒren oder zu riechen!

Damit können wir auch besser die biodynamischen SpritzprĂ€parate Hornmist und Hornkiesel verstehen, die in kleinen Mengen in Wasser gerĂŒhrt und entweder auf dem Boden oder in der Luft fein gespritzt werden. Es sind atmosphĂ€rische PrĂ€parate, die peripherisch â€“ man könnte auch Ă€therisch sagen â€“ wirken. Deswegen sind am Anfang der Umstellung einige Landwirte enttĂ€uscht, weil sie oft eine lokal sichtbare Wirkung erwarten. Sie mĂŒssen atmosphĂ€risch wahrnehmen lernen. Es kann auch sein, dass die Wirkung erst in der QualitĂ€t der Produkte wahrgenommen wird. Ein Sommelier schreibt ĂŒber die biodynamischen Weine: «Sie haben etwas Eigenartiges, sie geben mir Emotionen!» So arbeiten wir schon lange â€čperipherischâ€ș in der biodynamischen Landwirtschaft, oft ohne es wirklich realisiert zu haben.

Damit kommen wir auf ein Prinzip der Biodynamik: Die Anwendung der PrĂ€parate und lokaler angepasster Maßnahmen, die ganzheitlich die Gesundheit und die Resilienz der Pflanzen fördern, indem sie sie stĂ€rker mit dem Standort â€“ Erde und Kosmos â€“ und mit ihrer IdentitĂ€t (Typus) verbinden. Solche Pflanzen sind dann die Grundlage der Gesundheit der Tiere und des Betriebs. Es gibt Menschen, die merken, wie ein solcher biodynamischer Hof eine Ganzheit bildet: Die eigene Resilienz â€“ die Stimmung â€“ ist besser, die Gesundheit wĂ€chst und auch die KapazitĂ€t, sich von Katastrophen zu erholen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass biodynamisch gepflegte Reben eine bessere Resistenz gegen den falschen Mehltau haben als konventionell angebaute.

Diese Anwendungen sind Beispiele fĂŒr weitere Entwicklungen, die die Herausforderungen der Zeit von uns verlangen. Wie können solche atmosphĂ€rischen Prinzipien im Umgang mit der Natur noch breiter angewendet werden, um unsere Landschaften, das â€čGesicht der Erdeâ€ș, zu pflegen? Eine ganzheitliche Gesundung unserer Landschaftsorganismen wĂŒrde einen großen Beitrag liefern, um die verschiedenen Umwelt- und Gesundheitskrisen unserer Zeit zu ĂŒberwinden.


Titelbild: Aufgang, Shira Nov, Tinte auf Papier, 2018

(1) Georg Soldner, Wie leben wir zusammen? In: Das Goetheanum, 3. April 2020, S.10.
(2) Mehrung Viren-, Bakterien- und Pilzkrankheiten.
(3) Soraya Boudia und Nathalie Jas, Gouverner un monde toxique.Versailles 2019.
(4) La dĂ©pĂȘche technique, Nov. 2019.
(5) Francois Terrasson, La peur de la nature. Sang de la terre. Paris 1988.
(6) Pierre Le Hir, Moins d’espùces, plus de malades infectieuses. In: Le Monde, Paris, 15.12.2010, S. 4.
(7) Norbert Gualde, Comprendre les Ă©pidĂ©mies. La coĂ©volution des microbes et des hommes. Les empĂȘcheurs de penser en rond. Paris 2006.
(8) How opossums help fight ticks and lyme disease.
(9) GRAIN.
(10) Tödliche Keime: das bringt uns noch um. In: Die Zeit, 20. November 2014.
(11) Montagnier in CNEWS vom 17.4.2020.
(12) Philippe Descola, Par-delĂ  nature et culture. Gallimard Folio, Paris 2005.
(13) Andreas Suchantke, Partnerschaft mit der Natur. Stuttgart 1993.
(14) Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. Landwirtschaftliche Kurs. Dornach 1985, GA 327, S. 189.
(15) Thomas Hardtmuth, Tiermast, Mikroorganismen und die Biologie der Moral. In: Die Drei, 3/2015, S. 11.

 


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Buch Die Verantwortlichen der Freien Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft haben aus den Blickrichtungen der einzelnen Fachsektionen BeitrĂ€ge zum Verstehen der Coronakrise und Anregungen zum Handeln zusammengestellt. Das daraus entstandene Buch wird im Juni veröffentlicht. Dieser Beitrag ist zuerst fĂŒr dieses Buch geschrieben worden.

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