Christian Rosenkreuz im Orient

Ein Versuch der Zusammenschau aus der Forschung ĂŒber seine Reise in die orientalischen spirituellen Zentren des 14. und 15. Jahrhunderts.


Meine Grundlage geht auf die beiden Rosenkreuzer-Schriften, die â€čFama Fraternitatisâ€ș (Fama) und die â€čConfessio Fraternitatisâ€ș (Confessio) zurĂŒck, die Johann Valentin Andreae der Publikation der â€čChymischen Hochzeitâ€ș 1516 vorangehen ließ.[note]Joh. Valentin Andreae, Fama Fraternitatis (1614), Confessio Fraternitatis (1615) und Chymische Hochzeit: Christiani Rosencreutz. Anno 1459 (1616), wobei das Letztere schon 1604 als Manuskript zirkulierte. Texte herausgegeben von Richard von DĂŒlmen, Stuttgart 1973.[/note] Rudolf Steiner sagt ĂŒber Andreae: «Ein ganz junger Mensch gibt seine Hand einer geistigen Wesenheit, die niederschreibt so etwas wie die Chymische Hochzeit.» Er nennt das Buch auch eine «spirituelle Offenbarung», eine aus der «Intuition verfasste Schrift».[note]Rudolf Steiner, GA 35 (1965), S. 384 f.[/note] Im Folgenden gehe ich davon aus, dass die â€čFamaâ€ș, die aus der Biografie von Christian Rosenkreuz erzĂ€hlt, aus der gleichen â€čQuelleâ€ș stammte.

Die Reise

Als ein Ă€lterer Mönchsbruder zum Heiligen Grab pilgern will, bettelt Christian Rosenkreuz darum, ihn begleiten zu dĂŒrfen. Seine Oberen wehren sich anfĂ€nglich, aber dann geben sie nach. Auf der Reise wird der Mönchsbruder krank und stirbt in Zypern. Statt zurĂŒckzukehren, setzt Christian Rosenkreuz die Reise fort. Nur beschließt er, zunĂ€chst nicht nach Jerusalem, sondern nach Damaskus zu gehen, um danach das Heilige Grab zu besuchen. Kurz vor den Toren der Stadt hat er ein Ă€hnliches Christus-Erlebnis wie Saulus, der daraufhin zum Paulus wurde. Christian Rosenkreuz kommt erschĂŒttert und krank nach Damaskus und wird dort von gelehrten Ärzten betreut. Diese staunen ĂŒber seine heilkundlichen Kenntnisse und fĂŒhren intensive GesprĂ€che mit ihm. So kommen sie auf die â€čWeisen von Damcarâ€ș zu sprechen und Christian Rosenkreuz spĂŒrt, wie in ihm das hohe und edle Ingenium[note]Dieses Wort aus der â€čFamaâ€ș bedeutet das Aufwachen seines inneren Wesens, die FrĂŒchte seines Damaskus-Erlebnisses im Einklang mit seinem Schicksalswillen.[/note] geweckt wird. Intuitiv weiß er, dass er dort finden wird, was er sucht. Christian Rosenkreuz bittet um eine Begleitung, und so reitet er in Gesellschaft nach Damcar im heutigen Jemen. Als sie dort ankommen, wird er zu seiner Überraschung von den dort lebenden Weisen als ein lang Erwarteter begrĂŒĂŸt.

Damcar oder Dhamar

Diesen geheimnisvollen Ort Damcar kann man nicht auf der Landkarte finden. Wohl aber Dhamar. Forscht man nach der Geschichte dieses Ortes, entdeckt man bald, dass sich mit ihm eine alte spirituelle Tradition verbindet, die ihre Wurzel in den Steinkreisen und der Sternenverehrung des altarabischen Nedschd[note]Sigismund von Gleich, Marksteine der Kulturgeschichte. Stuttgart 1963, S. 141 ff.[/note] hat. Der Jemen wurde Arabia Felix genannt. Es bezeichnet auch das Reich der Königin von Saba. Die dort gefundene Stele mit einer Mondensichel-Schale, die eine Sonne trĂ€gt, ist symptomatisch fĂŒr die SpiritualitĂ€t des Ortes. Zur Zeit von Christian Rosenkreuz’ Besuch, um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert, war Dhamar der Mittelpunkt neuer gesellschaftlicher AnsĂ€tze im Vorderen Orient. So könnte man vermuten, dass Dhamar ein neues Zentrum bildete, wo ĂŒberlieferte Weisheit und AnsĂ€tze zur modernen Wissenschaft zusammenkamen. Die UniversitĂ€t vom heute im BĂŒrgerkrieg arg zerstörten Dhamar trĂ€gt den Namen Thamar. Das ist der semitische Name fĂŒr die königliche Dattelpalme (Phönix dactylifera), und so schafft man eine BrĂŒcke zu den Mythen der alten persischen Mysterien, denn Ormuzd hatte die Dattelpalme zum Lebensbaum[note]Nach einer persischen Legende. Die Dattelpalme als Lebensbaum, Hinweise Gen 2,9 und 1 Kön 6, 29-35 und Ez 40,16-41,26. Die Palme als Verzierung in Zusammenhang mit dem Salomonischen Tempel. Auf den Ikonen der Ostkirchen findet man immer wieder die Dattelpalme als Symbol fĂŒr den Lebensbaum.[/note] gemacht, durch den die Toten dereinst das Leben erhalten, was schon auf einen Ort von ĂŒberlieferten Mysterien hinweist.

Das neue Zentrum im Vorderen Orient

Der Vordere Orient hatte immer schon eine von Kriegen und MachtkĂ€mpfen beherrschte Geschichte. Bereits vor Christian Rosenkreuz’ Zeiten wurde der Norden, also Syrien sowie Teile von Anatolien und Persien, von den Mongolen, die mit der Zeit den Islam annahmen, erobert und besetzt.

Ebenso hatte Ägypten eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Nachdem die ismailitische Herrschaft der Fatimiden von dem seldschukischen HeerfĂŒhrer und spĂ€teren Herrscher Saladin abgelöst wurde, ĂŒberzogen die Mamluken die MittelmeerkĂŒste und Teile der KĂŒste des Roten Meeres mit Intrigen, Mord und Krieg. Sie hatten nicht nur die Lateiner aus dem Morgenland vertrieben, sondern auch die spirituellen Traditionen ihrer eroberten Gebiete. Da zu Christian Rosenkreuz’ Zeiten nur der grĂ¶ĂŸte Teil des sĂŒdlichen Arabiens und Jemen frei von Besatzung waren, gewinnt Dhamar eine neue Bedeutung.

Geht man nĂ€her darauf ein, wer von den Mongolen und wer von den Mamluken nach Dhamar vertrieben wurde, so kommt man auf eine Konzentration von vier großen Strömen, die sich in Dhamar sammelten. Erstens der Strom aus den Folgen des Kulturaustausches auf der Seidenstraße. Zweitens die Überlieferungen der Perser. Drittens kamen hier auch die von Justitianus mit der Schließung der neuplatonischen Philosophenschule in Athen exilierten christlichen Gelehrten an, die in Nordsyrien und dann in Gondi Shapur, im heutigen Westiran, in der berĂŒhmten Akademie Aufnahme fanden. Als vierten Strom haben wir die Überlieferung des alten Ägyptens, die sich in die Alchemie verwandelt hat.

Rembrandt, Mann mit Kette, Radierung 1641

1. Die Seidenstraße

Untersucht man die Geschichte der Seidenstraße, die seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert einen wichtigen Kommunikationsweg zwischen China, Indien und dem Vorderen Orient darstellte, so kann man sich vorstellen, wie die Karawansereien entlang der Handelsroute nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten boten, sondern abends den Besuchern die Gelegenheit zum regen Austausch. Religiöser Fanatismus wĂ€re hier fehl am Platz gewesen, denn der hin- und herströmende Kulturaustausch beruhte gerade darauf, dass man fĂŒr alle Denk- und Glaubensrichtungen offen war. So hatten sich der Konfuzianismus wie der Taoismus ebenso auf den Weg gemacht wie der Buddhismus und in umgekehrter Richtung der ManichĂ€ismus, von dem die bedeutendsten Reste im Westen Chinas gefunden wurden. Das Ende der Seidenstraße mĂŒndete in Palmyra, im heutigen Syrien, einem der wichtigsten Verteilerzentren der mittelalterlichen Welt.

2. Persische Überlieferungen

Persien war die Heimat des großen Zarathustra der persischen Kulturepoche. Dieser sei nicht zu verwechseln mit dem historischen Zarathas, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bildete die zarathustrische Licht-Finsternis-Lehre den religiösen Kern des Sassanidenreiches, bis sie von den islamischen Eroberern abgelöst wurden.

Der Islam trat seinen Siegeszug im 7. Jahrhundert an, aber unmittelbar nach Mohammeds Tod im Jahr 632 spaltete sich der Islam in zwei Richtungen, in die mehr esoterisch geneigten Schiiten und die mehr weltlich ausgerichteten Sunniten. Die Schiiten hielten sich an einen Imam als Vermittler zum Göttlichen. Aus der Imam-Verehrung gingen die Ismaeliten hervor, die sich ab dem 9./10. Jahrhundert in Nordafrika und Ägypten niederließen und das Fatamidenreich grĂŒndeten. Andererseits gab es seit dem 9. Jahrhundert Ismaeliten, die sich fĂŒr anderthalb Jahrhunderte â€čzurĂŒckzogenâ€ș, um alles zu sammeln, was die Welt an WeisheitsĂŒberlieferungen hervorgebracht hatte. Diese Sammlung bildete eine Art EnzyklopĂ€die namens â€čIkhwan al Safaâ€ș.

Im heutigen SĂŒdanatolien oder Syrien gab es Zentren wie Edessa und Harran, die zwar unter dem Schirm des Islams lebten, in denen aber solche Formen der alten Überlieferungen gepflegt wurden. Bei nĂ€herer Untersuchung spĂŒrt man, wie die alten, vor allem persisch geprĂ€gten Traditionen wieder erblĂŒhten. Aber sie wurden ergĂ€nzt durch den Neuplatonismus und die jĂŒdische Mystik. So entstand hier ein Ort, wo man die Wege, die zurĂŒck ins Göttliche fĂŒhrten, erarbeiten konnte. Die Details dieses Weges zu ĂŒbersinnlichen Erfahrungen kann man in den Schriften des Philosophen Suhrawardi[note]Siehe Henri Corbin, En Islam Iranien. Aspects spirituels et philosophiques. Sohrawardi et les Platoniciens de Perse. Paris 1971.[/note] studieren.

Durch die mongolischen Eroberungen im 12. und 13. Jahrhundert wurden solche Zentren zerstört und das spirituelle Leben ins Exil vertrieben. Wo hÀtten sie hingehen sollen? Es gab nur ein von ewigen Kriegen freies Land, das war Arabia Felix. Dhamar lag auf der Hand.

3. Gondi Shapur

Es wurde schon erwĂ€hnt, wie die Exilgriechen nach Syrien ins Exil gingen, denn ĂŒberall im Morgenland gab es freiere christliche Gemeinden, also solche, die weder orthodox noch an Rom gebunden waren, wo sie Aufnahme fanden. Es waren vor allem die Aristoteliker und Wissenschaftler, die von der im 3. Jahrhundert gegrĂŒndeten Akademie von Gondi Shapur angezogen wurden. Hier hatte sich ein Weisheitszentrum gebildet, wo die alte Mysterienmedizin und ihre medizinischen Kenntnisse in eine medizinische Praxis mit HospitĂ€lern umgewandelt wurde. Daraus entwickelte sich zur Zeit der Abbassiden-Kalifen die hohe Kunst der Chirurgie und das Gesundheitssystem der KrankenhĂ€user mit ihrer gesundheitlichen FĂŒrsorge. Mit der gleichen umsichtigen Zuwendung zur sinnlichen Handhabung ergaben sich auch andere Bereiche, wie die Pharmazie und die Agrikultur. Mathematik und Astronomie unterstĂŒtzten das wissenschaftliche Bestreben.

4. Die Alchemie

Die Wandlung von der Ă€gyptischen Mysterienweisheit in die Alchemie kann ich hier nur streifen. Die Kenntnis der vielen Praktiken des Totenkultes deutet schon auf die praktische Interpretation der Handhabung im Einklang mit den Mysterien. Magie gehörte ebenso dazu wie ausgebreitete Kenntnisse der Geheimnisse der Leibbildung, die in dem Bau der Pyramiden und in den Tempeln zum Ausdruck kommt. Der spirituelle Inhalt ging aber im Lauf der Jahrhunderte verloren und es gab nur noch die Überlieferungen der Praktiken. Aus diesen ergibt sich die Alchemie.

Christian Rosenkreuz in Dhamar (Damcar)

Diese vier Ströme trafen in Dhamar zusam­men. So begegnete Christian Rosenkreuz die gesamte ÜberlieferungsfĂŒlle des Orients, die von den Weisen an diesem Ort gepflegt wurde.

Innerhalb kurzer Zeit erlernte Christian Rosenkreuz die arabische Sprache, sodass er das Buch â€čLiber Mâ€ș ins Lateinische ĂŒbersetzen konnte. Die â€čFamaâ€ș erzĂ€hlt weiter, dass dies auch der Ort war, an dem er sich in die Physik und die Mathematik einarbeitete. Mit diesen zwei Begriffen kann man zunĂ€chst nicht viel anfangen, aber der Hinweis auf das Buch â€čLiber Mundiâ€ș (das Buch der Welt) bedeutet etwas ganz Bestimmtes. Dazu sagte Rudolf Steiner: «Die Ă€ußere Arbeit hatte den Zweck, das, was hinter der Maja der Materie liegt, zu ergrĂŒnden. Man wollte die Maja der Materie untersuchen. Dem gesamten Makrokosmos liegt ebenso ein Äther-Makrokosmos, ein Ätherleib zugrunde, wie der Mensch einen Ätherleib hat. Es gibt einen gewissen GrenzĂŒbergang von der gröberen zur feineren Substanz. Richten wir unsern Blick auf die Grenze zwischen physischer und Ă€therischer Substanz.»[note]Rudolf Steiner, GA 130, S. 65.[/note]

Hier wird mit wenigen Worten auf eine Erneuerung der Naturwissenschaft hingewiesen, denn dadurch, dass Christian Rosenkreuz die unmittelbare Begegnung mit der Christuswesenheit vor Damaskus gehabt hatte, bedeutete dies nicht Physik im heutigen Sinn, sondern die ganze ĂŒberlieferte Kenntnis der im Physischen wirkenden GesetzmĂ€ĂŸigkeiten. Die Mathematik war nicht Mathematik im heutigen Sinn, sondern die ganze Welt der Zahlengeheimnisse, die unter anderem von den Sternen abgelesen worden waren. Von hier aus ist der Weg nicht weit zum VerstĂ€ndnis dessen, was mit dem Wort Alchemie gemeint war.

Diese Alchemie wurde als Erbe der Ă€gyptischen Mysterien gerne von den arabischen Gelehrten aufgegriffen und erweitert, weil sie fĂŒr das praktische Leben anwendbar war. Durch Christian Rosenkreuz bekam die Alchemie aber eine verĂ€nderte Bedeutung. Sie wurde als Instrument aufgefasst, woran man sich schulen konnte, um â€čim Buche der Naturâ€ș lesen zu lernen. Es war das Mittel, um Erkenntnisse ĂŒber die Wirksamkeit des Göttlichen zu gewinnen, indem man die Ă€ußere Erscheinung an den Anfang setzte und nicht die Weiterentwicklung der Überlieferung. Deshalb wurde die Alchemie in der â€čFamaâ€ș so eindeutig von den falschen Alchemisten und Goldmachern abgegrenzt. Die PrĂ€gung, die Christian Rosenkreuz der Alchemie gab, wird in der â€čConfessioâ€ș beschrieben. Rudolf Steiner hat diese VerĂ€nderung folgendermaßen dargestellt: «Diese Substanz hellseherisch anzuschauen, war das Bestreben der Rosenkreuzer. Sie sahen die Vorbereitung, die Ausbildung eines solchen Schauens in einer erhöhten Wirksamkeit der moralischen KrĂ€fte der Seele, die dann diese Substanz sichtbar machte. In den moralischen KrĂ€ften der Seele erblickten sie die Kraft zu diesem Schauen. Diese Substanz ist von den Rosenkreuzern wirklich geschaut und entdeckt worden. Sie fanden, dass diese Substanz in einer bestimmten Form in der Welt lebt, im Makrokosmos wie auch im Menschen. Draußen in der Welt, außerhalb des Menschen, verehrten sie sie als das große Gewand, als das Kleid des Makrokosmos.»[note]A. a. O.[/note]

Die SabÀische Kultur im 14./15. Jahrhundert

Schauen wir aber auf Dhamar von der anderen Seite, dann hatten die schiitisch ismailitisch geprĂ€gten SabĂ€er[note]SabbĂ€er wurden auch die Menschen um Harran genannt. Hier sind die Jemeniten aus dem Lande Saba gemeint.[/note] zur Zeit von Christian Rosenkreuz’ Aufenthalt in Damcar eine blĂŒhende Wirtschaft zuwege gebracht. Nicht nur waren sie Meister in den angewandten Wissenschaften geworden, denn sie waren bekannt, als Chemiker, Metallurgen, Ärzte, Ingenieure und Konstrukteure höchst raffinierter Maschinen.[note]Sigismund von Gleich, a. a. O., S. 146. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Rasuliden und https://de.wikipedia.org/wiki/Zaiditen.[/note] Sie profilierten sich ebenso mit einer hoch entwickelten Baukunst wie einer umsichtig angelegten Agrikultur. Ihre FĂ€higkeiten bezĂŒglich der Pferdezucht waren weithin berĂŒhmt. Man kann darin eine deutliche Zuwendung zu der Ă€ußeren Seite des Lebens sehen. Die Errungenschaften von Gondi Shapur konnten sie einbeziehen, aber diese wurden durch die anderen Traditionen ergĂ€nzt.

Offensichtlich nimmt Christian Rosenkreuz auch diese Seite der Kultur auf. Die FĂŒlle seiner Erlebnisse in Dhamar verwandelt er durch seine â€čChristus-Erfahrungâ€ș. Der erkennende Mensch wandelt sich, indem er sich erkennend in die Weltengeheimnisse einlebt. Er schult sich, um sich zum Instrument der Forschung umzugestalten, und dadurch nimmt er den Christusimpuls in sich auf. Eine Vorahnung hatte Zosimos von Panopolis im 3. Jahrhundert. In einem Brief schreibt Zosimos: «Wer sich dem großen Werke widmen will, muss sich vor allem der unentbehrlichen Gnade Gottes wĂŒrdig erweisen, er muss erfĂŒllt sein von Frömmigkeit und guter Gesinnung, muss frei sein von Eigennutz und Habgier, muss stets geneigt sein zu Gebeten und Opfern nach salomonischer Weisheit. Wichtiger noch: Der Alchimist muss fĂ€hig sein zu tiefster seelischer Versenkung, und nur um ihrer Göttlichkeit willen darf er die göttliche Kunst betreiben.»[note]Aus dem Brief des Zosimos, zit. auf S. 77. Hans Werner SchĂŒtt, Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Geschichte der Alchemie. MĂŒnchen 2000.[/note] Dies ist die Haltung, die Paracelsus und auch Goethe einnehmen bei ihren naturwissenschaftlichen Arbeiten, aber auch Rudolf Steiner, wenn er von der Überwindung der empirisch nur auf die Sinneswahrnehmung sich beziehenden naturwissenschaftlichen Denkweise spricht.

Die zweite große Etappe der Reise, Fez

Die Essenz des Rosenkreuzertums arbeitete Christian Rosenkreuz in Dhamar aus. Dann machte er drei Jahre spĂ€ter seinen Weg ĂŒber Ägypten nach Fez im heutigen Marokko. In Fez gab es die Ă€lteste UniversitĂ€t der Welt. Sie wurde im 9. Jahrhundert in Zusammenhang mit der Moschee gegrĂŒndet und heißt heute â€čAl Qarawiyyin Universityâ€ș. Auch hier war ein Sammlungspunkt der Wissenschaften. Nachdem die Christen Al Andalus bis auf Granada erobert hatten, floh die Wissenschaft nach Fez. Hier lehrten nicht nur berĂŒhmte Mystiker und Sufimeister, sondern Fez war auch der Ort, an dem die Wissenschaftler aus der gesamten afrikanischen und islamischen Welt regelmĂ€ĂŸig zusammenkamen, um sich ĂŒber die neuesten Errungenschaften ihrer Forschungen auszutauschen. Es war verpönt, sein Wissen fĂŒr sich zu behalten, denn der wahre Philosoph betrachtete die Philosophie als Wissenschaft vom Geiste, dem er sich auf Übungswegen nĂ€herte. Je mehr Menschen das Wissen um das Göttliche in das Bewusstsein hereinholten, umso fruchtbarer konnte das Leben der Menschen werden.

Die Lehre

Christian Rosenkreuz folgte mit seinem â€čChristus-Erlebnisâ€ș in der Seele dem Schulungsweg, wie er in Fez gelehrt wurde: aufsteigend vom Lesen und dann dem Rezitieren des Korans (denn er war Mohammed in der Sprache Allahs diktiert worden) zum disputierenden VerstĂ€ndnis dessen, was die Meister interpretiert hatten. So stieg man auf zur eigenen Erfahrung, zunĂ€chst unter der Leitung eines erfahrenen Meisters, und dann, nach vielen Jahren, wurde man in die SelbstĂ€ndigkeit entlassen und es wurde einem die MeisterwĂŒrde verliehen.

Erst in den höheren Stufen wurden die anderen FÀcher wie Medizin, Astronomie, Physik und Mathematik gelehrt, indem sie auf die islamische Theologie als Erfahrungswissenschaft aufbauten.

ZurĂŒck nach Deutschland

Nach zwei Jahren in Fez kehrte Christian Rosenkreuz ĂŒber Al Andalus nach Europa zurĂŒck. Diese RĂŒckreise war aber mit bitteren EnttĂ€uschungen gepflastert, denn er versuchte den Gelehrten seine Errungenschaften zu vermitteln, aber meistens verteidigten sie die kleinen Königreiche ihrer persönlichen Errungenschaften.

Christian Rosenkreuz machte Ă€hnliche Erfahrungen in Frankreich und nahm so seinen Weg zurĂŒck nach Deutschland. Dort angekommen, zog er sich fĂŒnf Jahre lang in die Einsamkeit zurĂŒck. Er gab sich «arbeitsam, hurtig und unverdrossen» seinen Kontemplationen und alchemistischen Experimenten hin. Dann besann er sich seiner Mission, schickte nach seinem ehemaligen, heimatlichen Kloster und bat drei seiner MitbrĂŒder darum, sich zu ihm zu gesellen.

Damit wurde die Keimzelle der Bruderschaft gegrĂŒndet. Viele Jahre lang wurden seine MitbrĂŒder ausgebildet. Es kamen wenige neue hinzu, und als die Zeit reif war, schickte Christian Rosenkreuz sie in die Welt, um als Ärzte tĂ€tig zu sein. Nur zwei BrĂŒder blieben bei ihm, sein Schreiber und sein Zeichner.

Zusammenschau

Christian Rosenkreuz wurde 1378 geboren. Mit fĂŒnf Jahren gaben ihn seine Eltern in ein Kloster, wo er wohlwollend aufgenommen wurde. Von den Eltern ist nachher nicht mehr die Rede, außer dass er aus einem verarmten deutschen Adelsgeschlecht stammte. Die Reise ins Heilige Land machte er mit einem Ă€lteren Klosterbruder. Nachdem dieser auf Zypern gestorben war, setzte er seine Reise allein fort. In der â€čFamaâ€ș heißt es, dass er mit 16 auf Reisen ging, also etwa 1394. Rudolf Steiner zufolge war er 28 Jahre alt, als er auf Reisen ging, also etwa im Jahr 1406. Die Zeiten der Reisen großzĂŒgig mit berechnet, war er bis ca. 1398 (bzw. 1410) in Dhamcar, bis ca. 1401 (1413) in Fez und dann nach weiteren fĂŒnf Jahren ca. 1406 (1418) zurĂŒck in Deutschland. Kurz danach wurde die Perspektive entdeckt (1427) und Christian Rosenkreuz erlebte seine chymische Hochzeit 1459, zur gleichen Zeit, als in Florenz die platonische Akademie blĂŒhte und Marsilio Ficino das â€čCorpus Hermeticumâ€ș auf Anregung von Cosimo de Medici aus dem Griechischen ins Lateinische ĂŒbersetzte (1463). Christian Rosenkreuz starb 1484 und sein Grab durfte erst 120 Jahre danach geöffnet werden, also 1620. Dort fand man sein â€čItinerarium und Vitamâ€ș, die Grundlagen seiner Lebensbeschreibung, so wie sie in der â€čFamaâ€ș mitgeteilt wurden.

  1. Man liest immer wieder, dass es ein Damcar nicht gebe. Dies ist nicht richtig.
    Damcar, die Stadt der Weisen aus Arabien, in der sich
    Christian Rosenkreuz, laut der Fatna, drei Jahre lang aufhielt,
    die arabische Sprache lernte und den ‚Liber Mundi‘
    ins Lateinische ĂŒbersetzre, ist in der R.C.-Literatur oft mit
    der legendÀren Stadt der Königin von Saba identifiziert
    worden. Moderne Forscher haben festgestellt, dass der geographische
    Name Damcar in den Karten von Ortelius und
    Mercator vorkommt. Nur Kienast nahm sich die MĂŒhe,
    einen Orientalisten nach dem Namen zu fragen, und so
    bekam er die Antwort, die Andreae 300 Jahre zsvor ganz
    allein gefunden hatte. Bei Damcar handelt es sich um einen
    Lesefehler fĂŒr Damar, eine Stadt in Yemen sĂŒdlich von Sana.
    Der Name Damcar, den die gesamte Reiseliteratur des 16.
    Jahrhunderts nicht kannte und der von den italienischen
    Kartographen nie verwendet wurde, erschien hingegen,
    manchmal sogar ais einziger Ort der Arabia felix, bei allen
    deutschen und niederlÀndischen Kartographen bis ins 12.
    Jahrhundert. Der Fehler geht auf die berĂŒhmte Carta Marina
    von Martin §flaldseemĂŒller (Strassburg 1516) zurĂŒck,
    Damcar oder Utopia?
    wo das Wort Damar zwar richtig geschrieben stand, das
    zweite ‚a‘ jedoch auch als ‚ca‘ gelesen werden konnte und in
    der Tat auch so gelesen wurde. Die Stadt ‚Damcar‘ hat also
    nur auf den Welt- und Arabienkarten der zentraleuropÀischen
    Kartographen existiert und es ist eigentlich verwunderlich,
    dass auch der Orientalist Guillaume Postel in seiner
    grossartigen’ĂŒTeltkarte mit Polarprojektion, Polo aptata
    noaa Charta Uniaersi (Paris 1581 rnd 1621), den Namen
    ‚Damcar‘ statt Damar verwendet hat.
    Andreae seinerseits hatte eine grosse Anzahl von Entdeckungsreise-
    und KosmographiebĂŒchern gelesen und
    konnte die bei der LektĂŒre entstandenen Probleme mit dem
    BuchhÀndler und Privatgelehrten Johann van der Linde,
    weicher in Fragen der Geographie besonders bewandert
    war, ausfĂŒhrlich diskutieren. So fand er sehr bald herans,
    dass ‚Damcar‘ bloss ein Druckfehler war. Er brauchte also
    hier (anders als bei der Insel Kaphar Salama der Christianopoli)
    keinen neuen Namen fĂŒr Rosenkreuz‘ uropische Stadt
    der Weisen Magier zu erfinden, denn diesen harten ihm die
    Kartographen lrmsonst geliefert.
    Arabien. nach der Carta Marina von M. WaldseemĂŒller. 1516

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