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Bin auch ich Transhumanist?

Die zweite Kulturtagung am Goetheanum zum Transhumanismus, â€čDas Ende des Menschen?â€ș(1), zeigte, dass die heutige Kultur lĂ€ngst in einer Symbiose mit Technik lebt, sodass es um einen Umgang und nicht um eine Ablehnung geht. Dieser Umgang gelingt durch kulturelle SouverĂ€nitĂ€t, sodass der Transhumanismus dazu auffordert, das unverwechselbar Menschliche des Menschen hervorzukehren. Zehn VortrĂ€ge und mehrere Podien an zwei Tagen bedeuteten dabei eine inhaltliche FĂŒlle, die hier zugunsten persönlicher EindrĂŒcke im Hintergrund bleibt.


Transhumanismus und Anthroposophie haben in einem gewissen Sinne gemeinsame Ideale: Verbesserung des Menschen, Erweiterung der Autonomie, Selbstschöpfer werden, sich von dem begrenzenden Körper lösen und den Tod ĂŒberwinden. FĂŒr beide Richtungen ist der Mensch so, wie er gegenwĂ€rtig ist, ein MĂ€ngelwesen. Der grundlegende Unterschied liegt weniger im â€čWasâ€ș denn im â€čWieâ€ș.

Dahinter die Angst vor dem Tod?

Der Transhumanist will diese Ziele durch Ă€ußere technische Mittel erreichen, von der Prothese einer Brille ĂŒber den ins Gehirn eingepflanzten Chip bis hin zur Verpflanzung des heute noch an das Gehirn gebundenen Bewusstseins auf eine Maschine, die sich mit anderen solchen Maschinen zu einem selbstlernenden System vernetzt. Damit wĂ€re die Unsterblichkeit erreicht â€“ vorausgesetzt, dass eine immerwĂ€hrende Energiezufuhr gewĂ€hrleistet ist. Die sonnenbeschienene, von einer LufthĂŒlle umgebene Erde mit ihren Pflanzen und Tieren, aus denen der Mensch als körperliches Wesen einst hervorgegangen ist, wĂŒrde keine Rolle mehr spielen (abgesehen von den Stoffen, aus denen die Maschinen und Prozessoren bestehen, und der Sonne als Energielieferant), und so gĂ€be es dann fĂŒr den Übermenschen auch keine Umweltprobleme mehr.

So absurd das klingen mag: Diese Ideale prĂ€gen schon heute unser Leben. In der PĂ€dagogik geht es bereits im frĂŒhen Kindesalter darum, digitale Techniken einzuĂŒben, oder um Gesichtserkennung, die die Konzentration der SchĂŒler dokumentiert. Im Gesundheitswesen werden der fehlbar diagnostizierende Arzt und die Pflegekraft, die wegen ihrer Dokumentationspflichten keine Zeit mehr fĂŒr die Patienten haben, durch Roboter ersetzt. Intelligente Prothesen erkennen die Impulse im Gehirn und ĂŒbertragen sie auf bewegliche oder sprechende Maschinen. Die Gesundheitsdaten werden direkt aus dem Körper an Versicherer ĂŒbermittelt. Im Sinne dieser Techniken geschieht die Kommunikation immer weniger durch Zuhören und Sprechen, durch Blickkontakte oder BerĂŒhrungen, sondern durch den bloßen Austausch von Informationen in sich vernetzenden Systemen.

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Ist der eigentliche Antrieb fĂŒr den Transhumanisten die Angst vor dem eigenen Tod?

Doch nicht erst die Techniken, sondern bereits die ihnen zugrunde liegenden, im 19. Jahrhundert wurzelnden Denkweisen, die den menschlichen Organismus als eine komplizierte Maschine vorstellen, verĂ€ndern das Zusammenleben grundlegend, auch dort, wo man es nicht vermutet. So geht es in der Nachhaltigkeitsdebatte angesichts des Klimawandels oftmals um die Konditionierung der menschlichen Psyche im Dienste eines â€čumweltvertrĂ€glichen Wirtschaftswachstumsâ€ș. (2) Da der Transhumanist aus seinem Maschinenbild vom Menschen heraus das Gehirn in elektronischer Hinsicht zu optimieren sucht, ist es fĂŒr ihn kein Widerspruch, dass auf einer anderen, von ihm ausgeblendeten Erfahrungsebene das angestrebte Mehr an Autonomie lĂ€ngst ins Gegenteil umgeschlagen ist. Insofern irritiert ihn vermutlich kaum, dass er selbst die von ihm entwickelte Technik immer weniger durchschaut. Es kommt ihm auf das Ergebnis an.

Solche Fakten und die damit verbundenen Fragen wurden auf der Tagung sachkundig und abwiegend dargestellt. Besonders eine Frage trieb die Teilnehmenden um: Ist der eigentliche Antrieb fĂŒr den Transhumanisten die Angst vor dem eigenen Tod?

Der Anthroposoph nun â€“ als â€čeinâ€ș Vertreter derjenigen, die sich ihres Menschentums bewusst sind â€“ sieht es als eine Chance, MĂ€ngelwesen zu sein. Als solches ist er nicht in einer Richtung festgelegt, sondern trĂ€gt in sich das Potenzial, sich selbstbestimmt zu entwickeln â€“ durch Selbsterziehung, Verwandlung von innen her. Voraussetzung ist, dass wĂ€hrend der Kindheit das physische Gehirn zu einem Beziehungsorgan ausreifen und sich ein reiches GefĂŒhlsleben ausbilden kann; dass der zunĂ€chst an den Leib gebundene Wille das Denken verlebendigt. Zu einem autonomen Wesen entwickelt, nimmt der Mensch auch den anderen Menschen als ein solches wahr, und so kann ein auf Vertrauen grĂŒndendes Gemeinwesen entstehen, auch eine an den tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnissen orientierte Wirtschaft. Der Mensch wird schließlich als Mikrokosmos erfahrbar, der aus dem Makrokosmos hervorgegangen ist und durch die Auseinandersetzung mit Materialismus und Tod aus innerer Freiheit heraus wieder in Verbindung mit dem Kosmos treten und so seinen ewigen Wesenskern erfahren kann, der nicht nur an den gegenwĂ€rtigen Leib gebunden ist.

Auch diese Ideale sind in der Welt wirksam. Sie machen die den Menschen umgebende Natur, die Erde und die AtmosphĂ€re nicht ĂŒberflĂŒssig, sondern geben ihnen als Wesen ihre WĂŒrde zurĂŒck, beziehen sie in die eigene Entwicklung mit ein und fĂŒhren sie so vielleicht auch ĂŒber sich selbst hinaus. â€“  Das wurde in vielen der BeitrĂ€ge eindrucksvoll deutlich.

FĂŒnf Schritte durch die Krankheit

NatĂŒrlich ist eine solche GegenĂŒberstellung, die die Welt in Gut und Böse einteilt und eindeutige Zugehörigkeiten impliziert, gefĂ€hrlich. Auf der Tagung war zu erleben, dass es durchaus technikbegeisterte Anthroposophen gibt â€“ nicht nur daran, dass der (stumme) Gebrauch des Smartphones selbst wĂ€hrend der VortrĂ€ge allgegenwĂ€rtig war. Gemeinsames Anliegen war es jedoch, besonders die frĂŒhe Kindheit zu schĂŒtzen und die Technik mit verstehendem Bewusstsein zu durchdringen. Doch schon die Frage, welche Rolle die intelligente Technik in der Zukunft spielen sollte und wird, wurde unterschiedlich angegangen. Muss sie als eine unaufhaltsame Kraft begriffen werden, die bei sie ĂŒberholender Ausbildung moralischer KrĂ€fte auch durchaus sinnvoll zu nutzen ist? Gibt es ĂŒberzeugende AnsĂ€tze, eine in der Moral grĂŒndende neuartige Technik zu entwickeln?

Sehr eindrĂŒcklich hat Matthias Girke, Arzt und Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, die Notwendigkeiten und Möglichkeiten in der Entwicklung der therapeutischen Beziehung angesichts einer technisierten Medizin dargestellt. Er will medizinische Techniken nicht prinzipiell ablehnen, seien es bildgebende diagnostische Verfahren oder intelligente Substitute wie Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate oder den Insulinhaushalt steuernde Systeme. Letztere können vom Individuum so integriert werden, dass sie ihm dienen und neue Möglichkeiten erschließen.

Das eigentliche Problem liegt darin, wie die therapeutische Begegnung gestaltet wird. Die technischen Möglichkeiten und technikbasierten Dokumentationen nehmen zu und lassen die EmpathiefĂ€higkeit schwinden â€“ auch die FĂ€higkeit, mit den existenziellen Fragen von Leben und Tod umzugehen. Neben der extremen Arbeitsbelastung fĂŒhrt auch dies bei den therapeutisch TĂ€tigen zu Depressionen und erhöhten Suizidraten. Der Patient spĂŒrt: Werde ich von einem Menschen als ganzer Mensch wahrgenommen oder zĂ€hlen nur die virtuellen Diagnosen? Davon hĂ€ngt sein Gesundungswille ab. Girke deutete fĂŒnf Übungsschritte an, um den Patienten in dieser Situation durch seine Krankheit begleiten zu können: einen gemeinsamen Aufmerksamkeitsraum schaffen, in dem Neues als «Gnade» eintreten kann; einen Heilerwillen entwickeln, der im Patienten zum Gesundungswillen wird; das FĂŒhlen zur Ahnung steigern und so mit dem Herzen sehen lernen; nicht nur auf das, was schlechter wird, sondern auf das, was werden will, schauen; am anderen Menschen lernen. In der sich auf diesem Wege ausbildenden, die Isolation des Patienten auflösenden WĂ€rmehĂŒlle kann jederzeit ein neuer Entwicklungsort entstehen.

 


Bild: Michael Hauskeller, Philosoph aus Liverpool, beim PodiumsgesprÀch Foto: W. Held

Bild: Michael Hauskeller, Philosoph aus Liverpool, beim PodiumsgesprÀch Foto: W. Held

 

Scheu der analog aufgewachsen Generation

Ohne die Notwendigkeit des Schutzes der frĂŒhen Kindheit relativieren zu wollen, entsteht fĂŒr mich bei der Behandlung der digitalen Medien die Frage, ob da nicht gelegentlich Projektionen der Ă€lteren Generation, die noch nicht als «Digital Natives» aufgewachsen sind, eine Rolle spielen. Gehen Jugendliche ab der PubertĂ€t nicht oft ganz anders damit um als unsereins â€“ mit einer grĂ¶ĂŸeren Leichtigkeit und Freiheit, die die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch gar nicht behindert? Im Saal stieg die Spannung, als der Philosoph und Transhumanismusforscher Michael Hauskeller (UniversitĂ€t Liverpool) der großen Sorge Michaela Glöcklers, KinderĂ€rztin und ĂŒber fast 30 Jahre Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, mit einem Bericht von den tiefen GesprĂ€chen entgegentrat, die er mit seinem zwölfjĂ€hrigen Sohn fĂŒhre, der viele Stunden am Tag mit Computerspielen verbringe und dabei viel lerne. Vielleicht trifft dies ja vor allem dann zu, wenn wĂ€hrend der frĂŒhen Kindheit andere QualitĂ€ten prĂ€gend waren. Auf alle FĂ€lle bedarf es eines genauen und differenzierenden Blickes auf das, was geschieht, und auch wie es geschieht. Und wie in der Medizin gilt auch hier: ein Blick nicht nur auf das, was immer schlechter wird, sondern ebenso auf das, was an Neuem entstehen will.

Zu den Mitgestaltern der Tagung gehörten auch zwei im anthroposophischen Kontext nicht beheimatete â€čGĂ€steâ€ș: der erwĂ€hnte Michael Hauskeller sowie die Dichterin und Schriftstellerin Marica BodroĆŸić aus Berlin. Letztere sagte im abschließenden PodiumsgesprĂ€ch von sich: «Ich spreche als jemand, der zu niemandem gehört.» Dieses ohne jegliche AnzĂŒglichkeit vorgebrachte Votum hat mich sehr betroffen gemacht.

Ein eigenes Menschenbild oder nur dessen Idee?

Von ihrem Standpunkt aus wurde deutlich: Die anthroposophischen Rednerinnen und Redner haben nicht nur mehr oder weniger ausdrĂŒcklich fĂŒr Insider gesprochen, manchmal mit gut gemeinten Hinweisen, wo man das nur höchst aphoristisch Angedeutete nachlesen könne, sondern meist auch so, als ob Rudolf Steiner das einzig maßgebliche GerĂŒst gebe, auf das man sich in seinen AusfĂŒhrungen beziehe, inhaltlich wie methodisch. Das vielfach beschworene Individuum trat darĂŒber manchmal zurĂŒck â€“ zugunsten einer selbstverstĂ€ndlichen â€čZugehörigkeitâ€ș. Diese Haltung zeigte sich auch unter den Teilnehmenden. So wurde aus dem Publikum heraus Michael Hauskeller, der einleitend nicht nur die Positionen des Transhumanismus sachlich dargestellt, sondern auch von deren Überwindung durch das WĂŒrde verleihende Wort «Mensch» gesprochen hatte â€“ allerdings ohne auf Steiner Bezug zu nehmen –, selbstverstĂ€ndlich als Transhumanist bezeichnet.

Ich erlebe diese Problematik an mir selbst: Steiner â€čistâ€ș mein â€čLehrerâ€ș, ihm verdanke ich viele Inhalte und Methoden. Manches habe ich mir zu eigen gemacht. Durch seine Anthroposophie kann ich die Welt anders verstehen. Auf diesem Wege komme ich durchaus zu eigenstĂ€ndigen Gedanken und eigenen Denk- und Empfindungserfahrungen, die mich an die Schwelle des Geistigen fĂŒhren. Da heraus scheint es nur ehrlich zu sein, mich auf Steiner zu beziehen. Es ist dies auch ein Ausdruck von Dankbarkeit. Zugleich gebe ich aber auch Verantwortung an den â€čMeisterâ€ș ab, stelle mich nicht vollstĂ€ndig auf die Spitze meiner Persönlichkeit. Ich lasse meine Gedanken und inneren Erfahrungen nicht einfach fĂŒr sich sprechen, sondern beleuchte sie durch Steiner â€“ und gebe ihnen dadurch ein â€čobjektivesâ€ș Gewicht. Ohne es zu wollen, benutze ich ihn. Ist dies nicht auch Ausdruck eines mangelnden Selbstvertrauens, selbst wenn ich davon ausgehe, Steiner â€čwirklichâ€ș verstanden zu haben?

Gleichzeitig ĂŒberspiele ich dabei meine eigene Ohnmacht angesichts der vom â€čhartenâ€ș Transhumanisten ausgeblendeten geistigen Ebene, ohne die eine wirkliche Autonomieerfahrung als Ich-Erfahrung nicht möglich ist. Durch das inzwischen fast vollstĂ€ndig veröffentlichte, auch elektronisch zugĂ€ngliche gewaltige (Vortrags-)Werk Steiners bin ich voller anregender Ideen von dem, was hinter der Ohnmacht möglich ist, die ich ebenso wie technische Implantate erst aktiv in mein Eigensein integrieren muss. (3)

In der Abschlussrunde der Tagung kam auch ein junger Mann zu Wort, der als Webdesigner in einem der großen Konzerne im Silicon Valley arbeitet. Er schilderte eindrĂŒcklich, wie er darum ringt, sein Anthroposoph-Sein mit dieser Arbeit zu verbinden. Aus diesem Ringen heraus formulierte er eine mir wichtige Frage: Habe ich ein Menschenbild, das existiert, oder nur viele Ideen zu einem Menschenbild, die z. B. von Rudolf Steiner stammen?

Mir scheint, dass sich am Umgang mit dieser Frage entscheidet, ob ich ganz aus mir spreche/schreibe oder aus einer Zugehörigkeit. Anders formuliert: ob ich ganz «Mensch fĂŒr mich» (4) bin oder doch auch ein wenig Transhumanist. Denn auch der Transhumanist strebt ja, wie bemerkt, eine Erweiterung der Autonomie an, aber eben nicht von innen heraus, sondern durch etwas Äußeres, und das lĂ€sst ihn nie vollstĂ€ndig autonom werden. So fĂŒhrt mich die Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus als Anthroposophen auf dieser Tagung in eine grundsĂ€tzliche SelbstprĂŒfung, und dafĂŒr bin ich dankbar.

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Spreche ich aus mir oder aus einer Zugehörigkeit? Die Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus fĂŒhrte mich als Anthroposophen auf der Tagung in eine grundsĂ€tzliche SelbstprĂŒfung.

Nach dem Frost

Der Samstagabend war der Sprache als BrĂŒcke zum Kosmos gewidmet â€“ eine Sternstunde! Marica BodroĆŸić hielt keinen Vortrag im ĂŒblichen Sinne; sie las ihn auch nicht einfach ab, sondern sprach einen dichten, poetisch-erzĂ€hlerischen Text, den sie «Maulbeeren der Schönheit» nennt. Die zum Textkörper geronnenen Gedanken verlebendigte sie mittels der aus dem Leib sich herausbildenden Sprache. Innere und Ă€ußere Gestaltungskraft wurden so als Einheit erlebbar â€“ ein Ereignis, wie es keine Maschine erzeugen kann. Wie ihre Sprache trĂ€gt, zeigte sich auch in der anschließenden Eurythmie, in der die zuvor von ihr ebenfalls lesend gesprochenen Eingangspassagen aus ihrem Roman â€čDas Wasser unserer TrĂ€umeâ€ș (5) sowie eins ihrer Gedichte dargestellt wurden â€“ nun zur Stimme von Barbara Stuten, die sich mit dieser inmitten der die Sprache sichtbar machenden Eurythmistinnen und Eurythmisten ruhevoll bewegte.

Das Transhumanismus-Thema ging BodroĆŸić zunĂ€chst von einer ganz anderen Seite an â€“ der inneren und Ă€ußeren Ausgesetztheit: Der Übermenschenwahn der Diktatoren des 20. Jahrhunderts zerbrach in seinem Streben nach einem unsterblichen Volkskörper die angreifbaren Körper Andersdenkender in Lagern und auf TodesmĂ€rschen. Dass der einzelne Mensch auch dann noch seine innere Lebendigkeit bewahren kann, machte sie an dem ĂŒberlebenden RĂ©sistance-KĂ€mpfer und Schriftsteller Robert Antelme (1917–1990) deutlich, der beschreibt, wie er fĂŒr Augenblicke die «Macht» hatte, wĂ€hrend der vielen den Tod bringenden MĂ€rsche in der Kolonne nur die Blumen zu sehen oder den Duft der feuchten BlĂ€tter zu riechen. (6)

Dem WĂŒten kollektiver Unsterblichkeitsfantasien ist die Autorin selbst in ihrem Herkunftsland, dem zerfallenden Jugoslawien, nachgegangen. (7) FĂŒr sie ist der Mensch im Sinne des von ihr offenbar verehrten jugoslawischen Schriftstellers Danilo KiĆĄ (1935–1989) eine «ethnografische RaritĂ€t», deren «beunruhigende Differenz» zum Inspirationsquell werden kann. (8) Mensch zu bleiben jenseits des Kollektivs, das gelingt nur im Wissen um die Ă€ußerste und zugleich innerste Grenze des Todes, durch die Erfahrung der FragilitĂ€t des eigenen Körpers als Instrument autonomen Seins. Doch das Bewusstsein davon, so heißt es in dem unter einem eigenen Titel â€“ â€čEine Betrachtung zur Mathematik der VerfĂŒhrungâ€ș â€“ stehenden Schluss ihres Vortrages, will das «Böse» unterlaufen, denn es rechnet damit, dass wir an sein Vorhandensein nicht glauben. Genau dadurch kann es tun und lassen, was es will, kann sich in uns als «Hausherr» einnisten und zur Flucht ins Absolute verfĂŒhren, und darĂŒber auch zum Schweigen ĂŒber das, was konkret um uns herum passiert. Es will uns zu kalten Maschinen ohne Gewissen machen.

Nun wird auch der Titel ihres Vortrags verstĂ€ndlich, der sich auf ein Zitat von Plinius dem Älteren (ca. 23–79 n. Chr.) bezieht: Erst nach «Ende der spĂ€teren Fröste», also im Durchgang durch die Krise, kommt uns unversehens die Kraft zu, wie der Maulbeerbaum «in einer einzigen Nacht» auszuschlagen und zu einem neuen Leben zu erwachen. Damit berĂŒhrt Marica BodroĆŸić essenziell das Tagungsthema, das nach dem Ende des Menschen fragt. Es geht ihr nicht darum, zu retten, was zu retten ist, sondern um das, was werden kann, wenn wir uns aussetzen â€“ auch in uns selbst.

Das Erwachen zu neuem Leben ist auch Thema des Romans â€čDas Wasser unserer TrĂ€umeâ€ș, der im Innenblick ein allmĂ€hliches Auftauchen aus dem Koma beschreibt, wobei die BerĂŒhrungen, Worte und Zuversichtlichkeiten der umgebenden Menschen eine entscheidende Rolle spielen â€“ so wie die Autorin in ihren essayistischen Texten vielfach ihr zugekommene, sie berĂŒhrende Worte anderer «ethnografische[r] RaritĂ€ten» aufgreift, die sie beleben, ohne sie einzuengen. Dadurch entsteht das Bild einer Gemeinschaft Wahlverwandter jenseits aller KollektivitĂ€t â€“ als wirkliches Gegenbild zu den sich elektronisch vernetzenden Systemen der Transhumanisten.


(1) Mitwirkende: Marica BodroĆŸić, Ariane Eichenberg, Matthias Girke, Michaela Glöckler, Stefan Hasler, Michael Hauskeller, Edwin HĂŒbner, Johannes KĂŒhl, Sebastian Lorenz, RenĂ© Madeleyn, Claus-Peter Röh. Die Moderation lag bei Ariane Eichenberg, Christiane Haid war erkrankt.
(2) Vgl. meinen Artikel â€čVon der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung: Wie kommt Neues in die Welt? â€“ Aus Liebe zur Handlungâ€ș, in â€čdie Dreiâ€ș 11+12/2019.
(3) Das gilt natĂŒrlich auch gegenĂŒber der â€čĂŒblichenâ€ș Wissenschaft, die in ihrer nicht mehr ĂŒberschaubaren KomplexitĂ€t ebenso vielfach als GerĂŒst herhalten muss. Auch mit dieser gehen viele Anthroposophen oft speziell um: Einerseits betonen sie ihre Einseitigkeit, die zu falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit fĂŒhren kann. Andererseits benutzen sie sie, um die Richtigkeit von Feststellungen der Geisteswissenschaft zu beweisen, ohne die Verbindung zwischen beiden AnsĂ€tzen authentisch herstellen zu können.
(4) Unter dem Titel â€čIch bin ein Mensch fĂŒr mich. Aus einem unbequemen Lebenâ€ș hat Renate Riemeck, die sich als Anthroposophin ins öffentliche Leben gestellt hat, ihre Autobiografie veröffentlicht (Stuttgart 1992)
(5) MĂŒnchen 2016.
(6) In: â€čDas Menschengeschlechtâ€ș, MĂŒnchen 1987.
(7) Vgl. â€čMein weißer Friedenâ€ș, MĂŒnchen 2014.
(8) Danilo KiĆĄ in â€čGeburtsurkundeâ€ș, 1983, abgedruckt in: Mark Thompsen, â€čGeburtsurkunde. Die Geschichte von Danilo KiĆĄâ€ș, MĂŒnchen 2015. â€“ In seiner â€čTheosophieâ€ș (1904, 1918; GA 9) schreibt Rudolf Steiner entsprechend, «dass in geistiger Beziehung jeder Mensch eine Gattung fĂŒr sich ist» (Dornach 1961, S. 71). (9) Zuletzt: â€čPoetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffeâ€ș, Berlin 2019.

Titelbild von links: Matthias Girke, René Madeleyn, Ariane Eichenberg, Michael Hauskeller, Sebastian Lorenz. Foto: W. Held

  1. Transhumanismus: Jenseits des Menschen ist der Tod. Es geht dem Transhumanismus nicht um die Überwindung des Todes aus Angst, sondern darum, den Tod zu erleben. Deshalb gibt es diese Philosophie jenseits und ohne den Menschen. Deshalb suchen viele ihn. Deshalb kann er zu einer beherrschenden Weltanschauung werden. Bediente sich die Menschheit einst der luziden Metapher sinnlich-paradiesischer Freuden oder kontrastgebend dem Brand in der Hölle, um Sehnsucht und Schrecken vor dem Ende zu vereinen, so heute die schmerz- und genussfreie reine Welt des Scheins, der virtuellen Körper, die ihre ekstatische Existenz als reine Gedanken angstvoll verdichten gegen die unendliche Einsamkeit des Vergessenseins.
    Die Frage ist doch: Hat unsere fragile Leiblichkeit eine Zukunft? Bleibt sie TrĂ€ger der Entwicklung der Menschheit oder verlassen wir diesen Planeten, das SĂ€ugetier Mensch zurĂŒcklassend in Richtung Geist- Welcher Geist? Werden wir als leibfreie Ich-Splitter- eine Schrottladung Richtung Mars begleiten?
    Wie viel Poesie braucht es um Hirn und Leber vom kalten Stahl zu befreien und von den elektromagnetischen KurzschlĂŒssen? Wie viel Mut braucht es, fĂŒr die Menschenart, ein Leben mit anderen – menschlichen und nicht menschlichen Geistwesen einzuĂŒben, hier im Fleisch: „…et incarnatus est“?

    Rolf Heine, Filderstadt

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