Beistand und Analyse

Versuch, den Ukraine-Konflikt anthroposophisch zu lesen

Angesichts des mutigen Abwehrkampfes gegen die Invasion der russischen Armee fliegen der ukrainischen Seite die Herzen zu. Durch viele Länder – auch durch die anthroposophische Szene – geht eine Welle der Solidarität.


Selten in der Geschichte war so klar, wer Täter und Opfer sind. Nur vereinzelt sind Stimmen zu hören, die das Bild nicht so eindeutig finden. Darunter manche, die seit Langem offen oder unterschwellig mit der autoritären Putin-Herrschaft sympathisieren, also im Grunde politisch Rechte. Außerdem Stimmen, die Putins Überfall verurteilen, aber trotzdem meinen, dass auch der Westen eine Mitverantwortung für die entsetzliche Entwicklung trägt, insbesondere dadurch, dass die NATO die Schwäche Russlands nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einer Ausdehnung ihres Gebietes nutzte, die aus Sicht der russischen Regierung kaum akzeptabel war.

Im anthroposophischen Kontext wird die Meinungsbildung noch aus einer tieferen Schicht beeinflusst: aus dem Gedanken, dass es menschheitlich wichtig wäre, dass Mitteleuropa und der europäische Osten in eine gute Verbindung kommen, in der Russland eine tragende Rolle zufallen würde; schon Rudolf Steiner hat dies in vielen Variationen erläutert.1 In diesem Lichte muss die jetzige Konfrontation zwischen einer scharf ‹westlich› definierten Ukraine und einem isolierten, politisch quasi abgeschriebenen Russland als tragischer Riss erscheinen.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die anthroposophische Szene, einmal mehr, vielstimmig erscheint. Da ist jene Ukraine-Sympathie, die dergleichen Reflexionen wenig Gewicht zu geben scheint. Da sind, entgegengesetzt, gleichsam die Spezialisten des Hintergrunds, aus deren Sicht nur das Erwartbare geschieht und die Putin nur eine Rolle in einem Drehbuch zuschreiben, das irgendwo im Westen geschrieben wurde, um eben jenen Riss zu vertiefen. Und schließlich sind da – wohl die Mehrheit – all jene, die fassungslos den russischen Angriff verfolgen und das Leid der Menschen sehen und die trotzdem ein Unbehagen empfinden, wenn erneut die Welt in Gut und Böse eingeteilt scheint. In diesem Schwarz-Weiß fehlten die Grautöne, sagen manche.

Versucht man, die Dinge ein wenig zu sortieren, ist zunächst festzuhalten: Bei dem, was sich seit dem 24. Februar vor aller Augen abspielt, gibt es nicht viele Grautöne. Hier hat die eine Seite riesige Armeen an den Grenzen zum Nachbarn versammelt und hat dann von mehreren Seiten angegriffen. Eindeutiger geht es nicht. Trotzdem bleibt die Frage, wie es dazu ‹kam›. Welche politischen Voraussetzungen haben zu dieser Eskalation geführt? Diese Frage ist – während die russische Armee Städte bombardiert, Menschen sterben und Millionen fliehen – nicht leicht zu besprechen. Dennoch würde es, selbst bei einer russischen Niederlage oder einem erzwungenen Rückzug, keine dauerhafte Befriedung geben, wenn nicht das ganze Bild gesehen wird. Zu diesem Bild gehört die erwähnte Ausdehnung des NATO-Gebietes. Die Ostgrenze der NATO, die über Jahrzehnte durch Deutschland verlief, ist heute kurz vor St. Petersburg. In der Gesamtbilanz der letzten drei Jahrzehnte hat nicht Russland expandiert, sondern die NATO. Das westliche Argument, dies entspreche dem Wunsch der betreffenden Bevölkerungen, vom Baltikum bis Rumänien, könnte man respektieren, würden solche Wünsche und Bestrebungen nicht anderenorts so rücksichtslos missachtet; teilweise durch eigene militärische Interventionen (vom Vietnam- bis zum Irakkrieg), teilweise mit subtileren wirtschaftlichen Mitteln (über Jahrzehnte in Südamerika). Berechtigte Ideale werden, man muss es so kalt sagen, nach Bedarf instrumentalisiert.

Bild: Ulyanoskaya Oblast; Foto: Lixa px

Nichts davon entschuldigt Putins Angriffskrieg. Das ist eben die Herausforderung, vor der alle stehen, besonders diejenigen, die nicht im Betroffenheitsmodus stehen bleiben, sondern ihrem Erkenntnisanspruch gerecht werden wollen: Es ist beides zu leisten; zum einen Stellung zu beziehen, den Opfern des russischen Angriffs zu helfen; zum anderen einen klaren Blick zu behalten und jener Verengung der Sichtweisen zu widersprechen, die jetzt die Kommentarspalten kennzeichnet. Allenthalben wird etwa darauf verwiesen, man habe nur Putins Rhetorik der letzten Jahre ernst nehmen müssen, um zu wissen, was droht. Tatsächlich hatte Putin immer schärfer politisch rechte, großrussisch-imperiale Vordenker wie Iwan Iljin zitiert. Aber hatte er nicht 2005 noch Kant zitiert, den Menschheitsdenker, und von friedlicher Verständigung gesprochen? War das nur ein Trick des KGB-Mannes, der – wie jetzt suggeriert wird – vom Mutterleib an böse war und nie etwas anderes im Schilde führte als diesen Krieg?

Schwer zu sagen. Sicher ist, dass die naheliegende Option, den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten den Zugang zur EU zu öffnen, sie aber nicht ins westliche Militärbündnis einzugliedern, nie ernsthaft angestrebt wurde. Dabei hätte dieses Modell – EU ohne NATO –, mit dem Schweden, Finnland und Österreich sehr gut leben, stabile europäische Perspektiven geöffnet. Es gibt kein Anrecht auf einen NATO-Beitritt, sondern es handelt sich hier um politische Entscheidungen, die einem Sinn für Ausgleich und für tragfähige Lösungen folgen können oder – wie es wirklich geschah – einer Logik der Dominanz. Letzteres wird auf der anderen Seite zwangsläufig als Demütigung erfahren werden, und es wird dort mit einiger Wahrscheinlichkeit politische Figuren nach oben bringen, die wenigstens eine Suggestion alter Stärke vermitteln; oder es wird – falls es bei einem Mann wie Putin Entwicklungsmöglichkeiten gegeben haben sollte – die übelste zur Ausprägung bringen. Damit hätte man den Aggressor selbst mit hervorgebracht.

Finstere Gedanken zweifellos. Aber falsche Gedanken, nur weil jetzt Europa mitten in dem furchtbaren Geschehen steht?

Wolfgang Müller; Foto: Jens Heisterkamp

Wiederum, es geht um beides: Beistand für die Ukraine, flankiert durch diplomatische Friedensarbeit; aber auch eine gewisse Nervenstärke beim Blick auf die Faktoren, die zu diesem Krieg führten. Damit wird man nicht nur Beifall finden. Anthroposophie fordert, wie Steiner mal sagte, «ein klares, sicheres Urteil über die Begebenheiten des Lebens, über die Verschlingungen der Tatsachen»2. Das heißt aber auch: Es reicht nicht, Steiners Hinweise zu kulturellen und weltpolitischen Konstellationen unreflektiert auf die Gegenwart zu übertragen. Und es reicht schon gar nicht, aus Steiners Voraussage, dem russischen «Kulturkeim» werde einst eine bedeutende Rolle in der Menschheitsentwicklung zukommen, eine diffuse Sympathie für alles Russische oder gar für den trostlosen heutigen Zustand des Landes abzuleiten. Gewiss lassen etwa die große russische Literatur und Musik und auch Züge des Alltagslebens ahnen, was dieser kulturelle Raum der Menschheit geben könnte, im weitesten Sinn den notwendigen Gegenpol zu den materialistischen Fixierungen des Westens. Diese tieferen Qualitäten aber werden nicht durch ein Gewaltregime wie das Putins verkörpert, sondern werden sich gegen solche politischen Formen durchsetzen müssen.

Ist vielleicht der anthroposophische Sehnsuchtsblick nach Russland eine Art Ausweichen vor dem, was hier zu leisten wäre? So als ob man, wie bis jetzt russisches Gas, irgendwann russischen Geist importieren könne.Vermutlich gilt auch hier, was Steiner in Bezug auf den ferneren, asiatischen Osten sagte: «Erst dann aber, wenn man […], aus europäischem und amerikanischem Geist zusammen, selber ein Geistiges in der Weltanschauung erzeugt, erst dann wird die Brücke auch zum Orient hinüber geschlagen werden.»3

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Fußnoten

  1. Zum Beispiel: Rudolf Steiner, Mitteleuropa zwischen Ost und West (GA 174a). Vortrag 18. März 1916
  2. Ebd., S. 104
  3. R. Steiner, Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit (GA 83). Dornach 1981, S. 276
  1. Soll ich es überspitzt formulieren? Das Goetheanum als Plattform für Impfgegner (die sich hinter anderen Formulierungen verstecken) und für Putin-Versteher? Aber das Goetheanum steht damit nicht allein in der Anthro-Szene. Bei meinem letzten Besuch in Dornach habe ich ausschließlich Putin-Versteher getroffen; das mag anekdotisch sein, aber stimmt mit den Erfahrungen hier am Bodensee überein.
    Diese ständig wiederholte Klage über die Nato-Osterweiterung ist einfach daneben. Wie wärs denn damit:
    2003 haben der deutsche Kanzler Schröder und Putin gegen den Irakkrieg laut protestiert. Aber n i c h t gegen die Nato-Osterweiterung! Der deutsche Kanzler trieb sie voran, und Putin ließ es geschehen.
    Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 2. April 2004, 3 Tage nach dem Beitritt Estlands, Lettlands und Litauens, stand Putin lächelnd neben Schröder und lobte, dass sich die Beziehungen Russlands zur Nato „positiv entwickeln“. Und er fuhr fort: „Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation“. Als der Nato-Generalsekretär wenig später nach Moskau kam, sagte Putin, jedes Land habe „das Recht, seine eigene Form der Sicherheit zu wählen“. Kein Wort von gebrochenen Versprechen oder einer Gefährdung Russlands!! 
    Was ist mit dem Budapester Memorandum von 1994, als die Ukraine seine Atomwaffen, die es als Erbschaft aus der zerfallenen Sowjetunion hatte, aufgab gegen die Zusicherung der territorialen Integrität?
    Übrigens, die USA wollten der Ukraine eine Nato-Beitrittsperspektive geben, aber Merkel und Sarkosy wandte sich strikt dagegen. Deshalb (und wegen Nordstream2) war Merkel in der Ukraine sehr schlecht angesehen. Das konnte nur ein wenig geglättet werden durch die Millarden €, die die Ukraine von Deutschland erhielt.
    2007 oder 2008 hat Putin dann in einer Rede bei der Münchener Sicherheitskonferenz sich plötzlich gegen die Nato-Erweiterung gewandt und seither erzählt der das Märchen von gebrochenen Versprechen. Woher dieser Umschwung kam ist nicht geklärt; jedenfalls hat es mir bisher niemand erklären können. Waren es Gespräche mit Dugin? Oder was war es? An dieser Stelle wünsche ich mir einen Erkenntnisfortschritt! (mit ähnlichem Wortlaut auch schon an anderer Stelle gepostet)

    Und dann die Illusionen von einer unabhängigen Mitte; davon konnte man vielleicht noch zu Steiners Zeiten sprechen, seit 1945 ist Deutschland Teil der Pax Americana, das muss doch heute der Ausgangspunkt sein.
    Ich leide sehr unter dem offenen oder verschwurbelten Verschwörungsgeraune in Bezug auf Corona und jetzt der Ukraine und den fehlenden Bezug zu den heutigen Realitäten. Wünschen kann man sich ja viel.

  2. Ich möchte dem Kommentator Ottmar für die klaren Worte und die Hinweise auf historische Zusammenhänge herzlich danken. Auch die Zuschrift von Detlef Hardorp „Zur Wortbrüchigkeitslegende“ in der Ausgabe 10/2022 sollten sich die „Putinversteher“ zu Gemüte führen. Wer das Vorgehen Russlands beobachtete wird leicht erkennen, dass dieser Angriffskrieg mit dem Ziel die Ukraine „heim ins Reich zu holen“ schon seit Jahren geplant war – die Entrüstung über die Nato-Osterweiterung und Ähnliches war reine Propaganda, welche, wie wir nun sehen, selbst bei kritisch denkenden Menschen bis tief in den Westen hinein erfolgreich war.
    Steiner wies im historischen Kontext vor über 100 Jahren mit Recht auf folgendes hin: „Im Bereich des russischen Territoriums liegt eine im Sinne der Zukunft unorganisierte Menschenansammlung, die der Keim einer sozialistischen Organisation in sich trägt“. Diese und ähnliche Äusserungen von Steiner bestärken offensichtlich den Glauben vieler Menschen des anthroposophischen Umfelds, dass Putins Machtapparat irgendwo noch ein „Keim einer sozialistischen Organisation in sich trägt“.
    Heute kann man aber leicht feststellen, dass dieser „Keim einer sozialistischen Organisation“ in Westeuropa und auch in der Ukraine weit besser gedieh als in Russland selbst. Ich will die höchst problematischen Wirkungen des grassierenden Kapitalismus nicht beschönigen – aber das russische System, in dem wenige Personen aus dem KGB-Milieu das Geschehen diktieren und Oppositionelle mit brutalsten Mitteln zum Schweigen gebracht werden, ist nun wirklich nicht der Keim, von dem Steiner sprach!
    In der Ukraine hingegen fand in den letzten Jahren eine unglaubliche Öffnung statt. Erinnern wir uns an die demokratischen Wahlen wie es sie im autoritären Regime Russland noch nie gab. Im ganzen Land, und insbesondere bei jungen Leuten, ist der Wille, die postsowjetischen Strukturen zu überwinden, ein grosses und allgegenwärtiges Thema.

    Einige Kommentatoren, welche die politische Ost-West-Situation beobachteten, haben sich angesichts dieses Angriffskrieges im Sinne „ich habe mich geirrt“ geäussert. Ich bewundere solche Offenheit und hoffe, dass auch einige der Anthroposophie Nahestehende eine solchen Erkenntnis erfahren können und dann auch den Mut haben, dies öffentlich einzugestehen.

  3. „Wer im Feind den Menschen ignoriert, der ist des Menschen Feind“! (Verf.unbekannt)

    ….“aus dem Gedanken, dass es menschheitlich wichtig wäre, dass Mitteleuropa und der europäische Osten in eine gute Verbindung kommen, in der Russland eine tragende Rolle zufallen würde“; schon Rudolf Steiner hat dies in vielen Variationen erläutert.
    Eine wohlweislich vorausgeschaut weitreichende Perspektive in Aussicht auf friedliche Koexistenz auf dem Kontinent.
    Wer sich glauben lässt, das Aufrüstung den Frieden sichert, setzt militärische Maxime vor zivilisierte Maxime, si vis pacem, para pacem ! Frieden denken-Frieden und Zivilisation verbinden

  4. Rückläufig von der Conclusion „Damit hätte man den Aggressor selbst mit hervorgebracht“ ist die Ursache „zwangsläufig als Demütigung erfahren“ daß „in der letzten drei Jahrzehnte nicht Russland expandiert hat, sondern die NATO“. Also kein Crimea, Georgien, Chechnya? Wer im Westen weiß wie jetzt die Russische Terror in die Crimea ist? Hauptstadt Grozny platt bombardiert? Das vergleichen wir mit friedliche Ausbreitung der NATO?
    Demütigung war viel größer als die Sovjetbürger ein ganzen Tag lang in der Schlange gestanden sind wenn es mal Seife gab in einen Laden. Und die Parteibaronnen sind nur reicher geworden bei dem rücksichtslosen Kapitalismus das folgte, und das Volk noch armer.
    Wer glaubte noch an das Sovjet-imperium, bis Putin es für sein Innenpolitik brauchte?
    Die Letten wurden 50 Jahre von Kommunisten okkupiert auf schrecklicher Weise. Daß das so lange war, kann die Imperialisten die Überzeugung gegeben haben, daß Lettland nicht ein viel alterer Kultur und Sprache hat als die Russische, und daß Lettland eigentlich wieder ein Sovjetrepublik sein sollte. Aber die Letten kennen die Geschichte, und vertrauen die Russen keine Millimeter. So bald sie konnten, beteten sie um Beitritt bei NATO. Und noch immer haben sie große Angst für Putin, jetzt nicht anders als vor 5 Jahre, vor 10 Jahre, vor 15 Jahre. Das zu ignorieren, damit hätte man den Aggressor selbst mit hervorgebracht.

    1. Diese Gedanken sind die logische Folge von dem Ganserschen Medienavigator, der in den Köpfen vieler Anthropsophen installiert wurde und zu einem Glaubens Korsett und zu Denkmustern über die letzten Jahre gefuehrt hat, die ein eigenständiges Denken, wie es Steiner in der „Philosophie der Freiheit“ ( man lese die Stelle mit dem Rebhuhn) gefordert hat, völlig ausser Kraft gesetzt hat. Es ist Zeit etwas Neues zu installieren, sonst erleben wir die Morgenröte des 6. Nachatlantischen Zeitalters vielleicht nie, so wie es der Weltengeist für die Anthroposophie in Peto hatte.

  5. „…falsche Gedanken, nur weil jetzt Europa mitten in dem furchtbaren Geschehen steckt…?“

    Ja, ich finde, das sind sogar äußerst „falsche Gedanken“. Nicht Europa steckt in dem furchtbaren Geschehen, die Ukraine tut es. In Deutschland macht man sich eher Sorgen um die Heizkosten. Die Ukraine wird durch Putins Angriffskrieg vollständig zerstört, von einem Tag zum anderen haben 44 Millionen Menschen alles verloren, was ihr Leben ausmacht und was sie lieben.

    Dass es eine Vorgeschichte zu diesem Krieg gab, ist bekannt. Dass aber sehr viele anthroposophisch orientierte Menschen in diesen Wochen in den sozialen Netzwerken unisono auf die „Hauptschuld“ der NATO verweisen, erlebe ich als unerträglich; ähnlich macht es der Autor des obigen Beitrages.

    „Dabei hätte dieses Modell – EU ohne NATO –, mit dem Schweden, Finnland und Österreich sehr gut leben, stabile europäische Perspektiven geöffnet“.

    In welcher rein ideellen Welt lebt der Autor? Wären etwa die baltischen Länder nicht in der NATO, wäre Putin dort längst einmarschiert. Finnland und Schweden sind gut beraten, wenn sie den NATO Beitritt schleunigst nachholen.

    Putin kann es nicht ertragen, dass sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft eine gut funktionierende Demokratie ausbildet. Vielleicht sollten wir in unserem reichen und sicheren Deutschland (oder entsprechend Schweiz) uns einfach mal bewusst machen, dass die Menschen in der Ukraine verzweifelt um das kämpfen, was uns selbstverständlich ist: Freiheit und Demokratie.

    „Das ist eben die Herausforderung, vor der alle stehen, besonders diejenigen, die nicht im Betroffenheitsmodus stehen bleiben, sondern ihrem Erkenntnisanspruch gerecht werden wollen“.

    Ich finde solche Aussagen angesichts der Bilder aus Mariupol arrogant und zynisch.

  6. Viele Menschen, die in diesen Wochen „Verständnis“ für die russische Seite erzeugen wollen (W.Müller gehört dazu) listen die Namen jener Länder auf, in denen die USA und ihre Verbündeten in den vergangenen Jahren Krieg geführt haben: Serbien, Afghanistan, Irak, Libyen, IS. Und um die Liste noch länger zu machen, fangen viele schon bei Korea an. Dagegen sei doch Russland eine friedliebende Nation.

    Das liest man so oft, dass es einem langsam zum Hals rauskommt. Russlands Kriege beschränkten sich nicht nur auf die blutige Verbreitung der „Weltrevolution“ in jeden Winkel der Erde – von Angola bis in die Anden, von Peru bis nach Palästina, von Vietnam bis nach Venezuela.

    Die Sowjetunion war außerdem ein einziger Krieg gegen die eigene Bevölkerung mit vielen Millionen von Toten, siehe Holodomor. Diesen Weg setzt Russland konsequent fort.

    Das Wichtigste aber: Warum liefern diese Putin-Versteher keine Antwort auf die Frage, warum die USA und ihre Verbündeten in den letzten Jahren immer nur Kriege gegen (!) Diktaturen geführt haben, während Putin immer nur Kriege für (!) Diktaturen führt. Der syrische Diktator Assad wäre längst besiegt ohne die Unterstützung Putins.

    Letztendlich sind nicht die Kriege das Entscheidende, sondern die Frage, auf welcher Seite man steht – auf der Seite der Demokratie oder auf der Seite der Diktatur.

    (Selbstverständlich hatten auch die USA eine Phase des Interventionismus, den man als äußerst demokratiefeindlich bezeichnen kann, Pinochet gehört dazu).

    Ja, Putin hatte 2005 im deutschen Bundestag den „Menschheitsversteher Kant zitiert“ und bekam dafür stehende Ovationen. Alle hatten ausgeblendet, dass er bereits Ende der 90er den Tod von tausenden Menschen aus Tschetschenien zu verantworten hatte.

    Viele in der deutschen Politik und Wirtschaft, sowie etliche intellektuelle Autoren, haben 2 Jahrzehnte lang dem Prinzip des „Wandel durch Handel“ gehuldigt und sich die Verbrechen dieses Diktators schöngeredet. In diesen Wochen haben etliche den Mut, zuzugeben, dass sie sich geirrt haben (W.Schäuble, G.Krone-Schmalz, B.Reitschuster, K. von Dohnany uva). Warum schaffen das die Anthroposophen nicht und halten weiter an ihrem idealisierten Russlandbild fest?

    1. @Rainer Herzog „Warum schaffen das die Anthroposophen nicht und halten weiter an ihrem idealisierten Russlandbild fest?“
      Vielleicht weil wir unser Ego gebaut haben auf Speziell sein und Besserwissen, und deshalb Angst haben mal mit der Mainstream mit zu bewegen wenn das berechtigt ist.

      1. Danke für Ihre Antwort, der ich voll zustimmen kann. In der anthroposophischen Szene auf Facebook gibt es tatsächlich sehr viele Menschen, die sich um ein vermehrtes Verständnis, ansatzweise sogar etwas Symphatie für Putins Vernichtungskrieg bemühen. Viele (vor allem aus dem Hamburger Raum) betonen in diesen Wochen, dass man den „Mainstreammedien“ beim Zeigen der TV-Bilder natürlich nicht trauen kann, andere übernehmen Putins Narrative von den Neonazis in der Ukraine.

        Es ist unerträglich, ich hätte so etwas nach 34 Jahren Verbundenheit mit der Anthroposophie nicht für möglich gehalten.

        In einer größeren Facebook Gruppe wird der Text von WM in diesen Tagen intensiv diskutiert, hier 2 Auszüge:

        „Auch wenn man manche Argumente teilen mag, bleibt der Beigeschmack der spezifisch anthroposophischen Superioritäts– Empfindung, tiefer zu blicken, weiter und „menschheitlicher“ als Politik, Durchschnittsbürger und Mainstreampresse: „Das ist eben die Herausforderung, vor der alle stehen, besonders diejenigen, die nicht im Betroffenheitsmodus stehen bleiben, sondern ihrem Erkenntnisanspruch gerecht werden wollen“. „Betroffenheitsmodus“ ist aber womöglich nur der beleidigende Begriff der empathielosen Rechthaber“

        „Gut, den Kulturkeim und die Hymne auf die sechste nachatlantische Kulturepoche hat der Autor erfolgreich umschifft, aber dafür sind ihm der rigorose Imperialismus des russischen Regimes, der zynische Terror, Massenmord und die chronische Vertragsbrüchigkeit irgendwie entgangen. Natürlich haben das im Land von Mutti Merkel in der klassischen Manier des politischen Schlafwandlertums viele übersehen, solange der Rubel rollte. So gesehen ist die Invasion der Russen auch ein spätes Erwachen aus einer betäubten Ära. Dieselben Narrative wie in der Corona- Zeit, im Chor von anthroposophischen Weltenerkennern vorgetragen, braucht da kein Mensch mehr“.

        1. Danke! Es tut mir gut daß es auch noch richtige Urteilskraft gibt in unsere Kreise. Die Überheblichkeit in der Phrase „Betroffenheitsmodus“ zeigt wie man da inspiriert war.

  7. Sorry, noch einen (versprochen!) letzten Kommentar. Bei diesem komplexen Thema ist es natürlich sehr wichtig, die exakten politischen Hintergründe mindestens zu kennen, vor allem wenn man, wie WM richtig schreibt „dem Erkenntnisanspruch gerecht werden will“. Anbei ein guter Beitrag zu den Missverständnissen bezüglich der NATO Osterweiterung

    https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/gab-es-zusagen-an-moskau-die-nato-nicht-nach-osten-zu-erweitern-100.html

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