Ausgraben will ich meiner Seele Schacht

In Christian Morgensterns Aphorismen, Tagebuch­aufzeichnungen und Gedichten finden sich die Spuren seiner inneren Entwicklung, einem Weg durch Leid, Krankheit und Kampf bis zum geistigen Schauen der Freiheit. Dem Dichter zum 150. Geburtstag.


Die Wechselwirkung von Persönlichem und zugleich Überpersönlichem ist ein besonderes Kennzeichen des Werkes von Christan Morgenstern. FrĂŒh fasste er den Plan, einen großen Roman zu schreiben. Es sollte sein â€čLebensbuchâ€ș aus Tagebuchaufzeichnungen, Gedichten und Aphorismen werden, doch konnte er dies zeitlebens nicht realisieren. Einige BruchstĂŒcke aus dem ungeschriebenen Roman sollen hier als Zeugnisse von Morgensterns innerem Weg dargelegt werden. Biografische Schlaglichter dienen dabei als HintergrĂŒnde und erhellen eine Landschaft, die die Verflechtung von Leben und Schreiben sichtbar macht.

Christian Morgenstern, Bleistiftzeichnung von B. F. Dolbin; Deutsches Literaturarchiv Marbach.

Heimatlosigkeit

Als einziges Kind und Sohn eines Landschaftsmalers wird Christian Morgenstern am 6. Mai 1871 in MĂŒnchen geboren. Er verlebt eine glĂŒckliche Kindheit in einem schönen Haus. HĂ€ufige Reisen in die lĂ€ndliche Umgebung lassen ihn eine tiefe Beziehung zur Natur knĂŒpfen, in der er «zeitweilig ganz aufgehen kann». Als Morgenstern zehnjĂ€hrig ist, stirbt seine geliebte Mutter an einem Lungenleiden. Die Verbindung zu ihr bleibt dennoch ĂŒber die Grenze des Todes hinaus zeitlebens eine tiefe und lebensprĂ€gende: «Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete.»[note] Michael Bauer, Christian Morgensterns Leben und Werk. Zweite, neu bearbeitete und ergĂ€nzte Ausgabe, MĂŒnchen 1937, S. 10.  [/note] Wechselnde Schulbesuche quĂ€len ihn in seinen Jugendjahren, rĂŒckblickend heißt es: «Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen Privatpersonen und dem Zufall.»\[note] Ebd., S. 18. [/note] Die Sehnsucht, durch Eltern oder Lehrer geformt und weitergebildet zu werden, wird nicht im ersehnten Maße erfĂŒllt. DafĂŒr sucht er sich in Philosophen und Dichtern seine imaginĂ€ren GesprĂ€chspartner.

Denken und Dichten

Mit rund 16 Jahren beginnt Morgenstern, Gedichte und erste Aphorismen zu schreiben, die seinen intensiven Prozess der Selbsterkenntnis zum Ausdruck bringen. So schreibt er 21-jĂ€hrig: «Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung!»[note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. STA Bd. V, S. 13. [/note] Und in einem Brief an seinen engsten Freund Fritz Kayssler findet sich ein Gedicht, das Morgensterns Entdeckung des Ich als eine ĂŒber die physisch-sinnliche Erscheinung hinausgehende Instanz in Worte bringt:

Ich schritt zur Nachtzeit durch’s Gemach
Und sah im Spiegel mein Gesicht,
Doch meine stolze Seele sprach:
Das bin ich nicht! Das bin ich nicht!

Ich sann mir in die Augen tief
Und hob empor das Kerzenlicht,
Doch meine Seele sprach und rief:
Das bin ich nicht! Das bin ich nicht!

War’s, dass der Arm des Amts vergaß?
War’s, dass der Docht vergaß das Licht?
Je mehr ich sah in’s dunkle Glas,
Je mehr zerfloss mein Bild ins Nichts.

Ich aber sank in mich und sann,
Bis klarem Ernst mein Schauder wich:
Was hier im Spiegelgrund zerrann,
War nur mein Bild, war nicht mein Ich![note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. STA Bd. VII, S. 207. [/note]

Durch sein Spiegelbild erwacht das lyrische Ich fĂŒr sein höheres Wesen. Diese Erfahrung intensiviert sich fĂŒr Morgenstern, indem er 1893 gemĂ€ss einer Tagebuchaufzeichnung im Blick auf seinen im Bett liegenden Körper fĂŒr den Zusammenhang des Denkens mit dem Weltengeist erwacht: «Wie ich gestern Abend zu Bett gegangen war und das Licht ausgelöscht hatte, ĂŒberkam mich plötzlich, wĂ€hrend mein Geist an dies und jenes dachte, eine aufs Höchste beĂ€ngstigende Verwunderung ĂŒber mich selber. Das wunderbare Geheimnis des Denkens bedrĂŒckte mich. Ich erhob mich ĂŒber mich selber, ich sah meinen Körper im Bett liegen, mit geschlossenen Augen, im dunkeln Zimmer. Und ich sagt mir: In diesem Kopfe denkt es […]. Mein Kopf erschien mir wie ein Kaleidoskop. Ich sah hinein, wie ein Kind in sein Spielzeug, und schĂŒttelte es, dass die bunten Glassplitter sich zu tausenderlei merkwĂŒrdigen Kombinationen zusammenfĂŒgten. Und endlich war es so: Ich dĂŒnkte mich der unendliche Weltgeist und mein Körper, der unter mir lag, spiegelte sich in mir. Er erschien mir wie ein StĂŒck Natur, und ich fasste ihn auf. An sich schien er mir nichts; durch mich nur, in Beziehung auf mich. Ich war die geistige Luft, in der die Gedanken, die er gebar, schwingen und Ton werden konnten. Ich war aber auch zugleich das Ohr, das sie vernahm, und der Mund, der sie zurĂŒckgab. Ist der Mensch ein ZwiegesprĂ€ch zwischen dem Weltgeist und der Materie?»[note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Aphorismus Nr. 7. STA Bd. V, S. 14/1. [/note]

Krankheit

Ein Jahr zuvor hat Morgenstern in MĂŒnchen das Studium der Nationalökonomie begonnen, doch dann ereilt ihn das Lungenleiden, das seine Mutter hinweggerafft hatte. Sein Vater, der sich neu verheiratet hat, will die Kosten fĂŒr Morgensterns weitere Ausbildung nicht tragen. Ab 1894 lebt Morgenstern in Berlin und muss sich als freier Schriftsteller seinen Lebensunterhalt verdienen. Das plötzliche Auf-sich-gestellt-Sein bringt einen kreativen Schub mit sich. 1895 erscheint der erste Gedichtband â€čIn Phantas Schlossâ€ș. Noch ganz von seiner Nietzsche-Begeisterung durchglĂŒht, spĂŒrt man den schwungvollen Atem Zarathustras. Die Muse und Göttin â€čPhantaâ€ș, die Fantasie, ist Morgensterns FĂŒhrerin ins Reich der Poesie.

Handschrift von Christian Morgenstern des Gedichtes â€čDunkler Tropfeâ€ș, Deutsches Literaturarchiv Marbach.

Seit dem Beginn der Krankheit lebt Morgenstern bewusst damit, dass sein Leben zeitlich begrenzt ist. Die Krankheit lernt er zunehmend als ein Mittel der Verlangsamung verstehen und akzeptieren. In der existenziell bedrohlichen Situation fĂŒhlt er sich einerseits durch eine ungebrochene Beziehung zur göttlich-geistigen Welt oftmals erhoben und beglĂŒckt: «Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein Weg oft an der Hecke des Paradieses vorbei. Dann streift mich warmer Hauch, dann meint ich, Rosen zu sehn und zu atmen, ein sĂŒĂŸer Ton rĂŒhrt mich zu TrĂ€nen, auf der Stirn liegt es mir wie eine liebe, friedegebende Hand â€“ sekundenlang. So streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses […].»[note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Aphorismus 19. STA Bd. V, S. 17. [/note] Das körperliche Leiden, verbunden mit langen Krankheitsphasen, die ihn an Sanatorien und ein sehr eingeschrĂ€nktes Leben binden, ermöglichen eine starke Verinnerlichung. So Ă€ußert er einmal in einem Aphorismus: «Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.»[note] Ebd., Aphorismus 31. S. 18.  [/note]

Sein Leben ist zeitweise auch von Momenten des Zweifels und der Depression geprĂ€gt: «Jedes Jahr habe ich mindestens eine Periode fĂŒrchterlichsten Zweifels an mir selbst. Dann lebe ich mit bestĂ€ndigen Todesgedanken.»[note] Ebd., Aphorismus 39. S. 19. [/note] Ende der 1890er-Jahre nimmt Morgenstern eine umfangreiche ÜbersetzungstĂ€tigkeit auf. Nach Strindbergs â€čInfernoâ€ș, das er aus dem Schwedischen ĂŒbertrĂ€gt, lernt er Norwegisch, um die TheaterstĂŒcke Henrik Ibsens zu ĂŒbersetzen. Seine Übersetzungen sind so kongenial, dass Ibsen sie als vollgĂŒltige Nachdichtungen seiner Werke bezeichnet und bereits veröffentlichte Texte durch ihn neu ĂŒbersetzen lĂ€sst. WĂ€hrend eines Norwegenaufenthalts erleidet Morgenstern erneut einen starken Krankheitsschub, der ihm die NĂ€he des Todes dramatisch fĂŒhlbar macht. Aus dieser Zeit stammt folgendes Gedicht:

Dunkler Tropfe,
der mir heut in den Becher fiel,
in den Becher des Lebens,
dunkler Tropfe Tod –
Willst du den klaren Wein mir trĂŒben –
Soll ich mich an ihm mĂŒde trinken –
MĂŒde â€“ mĂŒde â€“ vom Leben fort?
Dunkler Tropfe,
der mir heut in den Becher fiel,
in den Becher der Freude
dunkler Tropfe Tod …[note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Nachlese zu Melancholie, Gedichte. STA Bd. II, S. 76. [/note]

Der Tod der Mutter und sein eigenes Lungenleiden fĂŒhren Morgenstern dazu, sich schon frĂŒh mit dem Tod auseinanderzusetzen. Das Erleben der Endlichkeit lĂ€sst ihn einen anderen, geistigen Blick auf das Leben und die Welt werfen. Andererseits erlebt er auch eine unerbittliche Ausweglosigkeit, bis zum GefĂŒhl der Gottverlassenheit wĂ€hrend der Zeit der Jahrhundertwende. Sein eigenes rastloses Leben, meist in wechselnden gemieteten Zimmern oder Sanatorien, erlaubt ihm keinen ruhigen und gesicherten Lebensmittelpunkt. Unbehaust und unterwegs ist er.

Wandlung

Im Winter 1905/06 muss er erneut in ein Sanatorium zur Kur. Gesundheitlich ist Morgenstern sehr angeschlagen und geschwĂ€cht. Doch der sein ganzes Leben verĂ€ndernde Birkenwerder Winter[note] Siehe auch: Christiane Haid, «Öffnung durch Johanneisches». Zu Christian Morgensterns Lebenswandlung. In: Christiane Haid, Wolf Ulrich KlĂŒnker, Mechtild Oltmann, Johannes Lazarus, Die GeistselbstberĂŒhrung des Ich. Dornach 2016. [/note] bringt ihm eine FĂŒlle von neuen inneren Erfahrungen, nachdem er sich intensiv in das Johannesevangelium vertiefte hatte: «Mir ist im letzten Januar oder Februar in Birkenwerder ein ungeheurer Gedanke aufgetaucht, nicht als etwas Plötzliches, sondern als Krone gewissermaßen meiner ganzen bisherigen inneren Entwickelung. Und diesen Gedanken tiefer zu denken, wird wohl meine ganze fernere Lebenszeit und kĂŒnstlerische Arbeit dienen mĂŒssen. Es ist vielleicht nichts Geringeres als die Grundlage einer neuen Weltanschauung und Religion. FĂŒr mich jedenfalls scheint es das zu bedeuten: den endlichen Durchbruch zur Freiheit.»[note] Brief an Friedrich Kayssler, vom 14. September 1906, in: Christian Morgenstern. Ein Leben in Briefen. Hg. Margareta Morgenstern, Wiesbaden 1952, S. 224. [/note]

Durch die Erfahrung seiner leiblichen Grenzen kann Morgenstern eine neue Freiheit erleben, die jenseits der körperlichen Bedingtheiten des Menschen liegt. Das Auf-sich-selbst-zurĂŒckgeworfen-Sein bringt es mit sich, dass er auch in eine andere Beziehung zu sich selbst kommt. Was Morgenstern als Selbst erlebt, erweitert sich ĂŒber das reine Ichempfinden hinaus in neue Dimensionen des WeltverhĂ€ltnisses. Als eine Frucht dieser Selbstbegegnung erschließt sich ihm eine neue Schicht seines Ich: «Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis meiner selbst kommen, und zu diesem Leiden gehört, dass, was da leidet, zum allergrĂ¶ĂŸten Teil nicht weiß, dass Ich leide, sondern sich als Selbst-Leidendes fĂŒhlt, sodass ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden m a c h e. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen. Was bleibt Mir da noch ĂŒbrig, womit kann ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch Liebe! Liebe nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was ĂŒberhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst wieder an Mein Herz zurĂŒckzunehmen â€“ könnte Ich mich ohne diesen Willen zur â€“ Welt entschlossen haben? Schauerlich, wenn ich mit meinem ich und Ich missverstanden wĂŒrde. Wenn man mich fĂŒr einen grĂ¶ĂŸenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten nĂ€hme!»[note]  Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Aus dem Tagebuch eines Mystikers. STA Bd. V. [/note]

Kampf und Leiden werden zu Erkenntnismitteln. Sie sind keine von außen verhĂ€ngte Last oder Strafe, sondern Entwicklungsmöglichkeiten, die der Erforschung des eigenen Selbst dienen. Das Bewusstsein fĂŒr den feinen Unterschied zwischen dem kleinen leidenden persönlichen Ich (ich) und dem großen, ĂŒberpersönlichen Ich, das der SchicksalstrĂ€ger ist, macht deutlich, dass wir uns als Menschen in unserem Sein unter anderen Menschen und der Welt gegenĂŒber schuldig machen, indem wir Hilfe von anderen und die Lebensgrundlagen der Natur etc. entgegennehmen. In diesem Licht wird der eigene biografische Weg ein Teil des großen Weltenwerdens, der das persönliche Ich ĂŒber die subjektiven Grenzen hinaus in die Welt erweitert und es zu einem liebenden, sich der Welt hingebenden Wesen machen kann. Was ihm Ă€ußerlich nicht vergönnt war, ein rĂ€umlicher Ruhepunkt, das konnte er zumindest innerlich erreichen. Das neue WeltverhĂ€ltnis Ă€ußerte sich auch in einem verĂ€nderten Blick, einem neuen Sehen der Welt. Dieses hatte sich lange Jahre durch philosophische Studien und eigene VerwandlungsvorgĂ€nge vorbereitet und war etwas ganz Eigenes geworden. Dieses Eigene fand in Morgensterns spĂ€terer Begegnung mit seiner geliebten Frau Margareta Gosebruch von Liechtenstern sowie ein Jahr spĂ€ter mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie[note] Siehe dazu auch: Christiane Haid: «ein Mensch, der in seiner Art ans Ende gekommen war [
] noch einmal an den Anfang der Dinge gestellt». Christian Morgenstern und die Anthroposophie, in: Waldemar Fromm und Markus May (Hg.), «Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht». Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns. Stuttgart 2017. [/note] eine tiefe BestĂ€tigung und Entsprechung.

Postkarte von Christian Morgenstern aus dem Sanatorium Bad Birkenwerder an Enno Quehl; Deutsches Literaturarchiv Marbach.

Schauen

«Diese Idee ist […] aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre AnfĂ€nge bis in mein zweites Jahrzehnt zurĂŒckverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten hĂ€ngt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das MicheinsfĂŒhlen mit allem zu einem natĂŒrlichen GefĂŒhl macht. Ebenso hatte ich stets das GefĂŒhl des Zusammenhangs in so hohem Maße, dass ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, dass meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen mĂŒsse.»[note] Christian Morgenstern, 1907. Aphorismus Nr. 1566. STA, Bd. V, S. 342. [/note] Das GefĂŒhl der Verbundenheit ist nicht nur eines, das sich von ihm aus auf die Welt hinzubewegt oder ihn einen Einklang mit der Welt empfinden lĂ€sst, es ist zugleich auch das Bewusstsein, dass das eigene Handeln eine unerhörte Dimension hinsichtlich des Ganzen hat. Im Menschen selbst ist der Kosmos tĂ€tig. Aus dieser Erfahrung entsteht fĂŒr Morgenstern mit der Zeit eine neue Seinsweise, die er mit Gott in Verbindung bringt oder mit einem göttlichen Sein. Im folgenden Gedicht verdichtet er diese Erfahrung, die ihm in Birkenwerder erstmals am Johannesevangelium aufging, noch einmal in poetischer Weise:

Ich schein ein Doppeltes. Einmal schein ich
Gott selber, Mein bewusst in Raum und Zeit;
zum andern ringende Persönlichkeit,
ein Nur-ich-Eines, nur Problem-fĂŒr-mich.
Als Einzelseele â€“ kĂ€mpfend bitterlich
nach einem Himmel der plejadenweit;
als Allgeist ĂŒber meinem eignen Streit
ruhend, dem Aar gleich, der zur Wolke wich.
Bin ich so Vater denn und Kind zumal?
Bin Gott und muss mich doch er-ringen erst?
Bin Gott und nicht Gott, Gottesbildstoff bloß?
– «Du und der Vater –» … ja, du hellster Strahl,
ich kenne, ich erlebte, was du lehrst;
und doch â€“ dies ist nur Ruhn in einem Schoß …[note] Christian Morgenstern, Ich und Du. Gedichte. STA, Bd. II, S. 169.  [/note]

Es blieb aber nicht nur beim Erlebnis des Vaters. Was Morgenstern bereits in dem frĂŒhen unveröffentlichten Gedicht â€čEpilog IIâ€ș anklingen lĂ€sst, das Motiv des Opfers und der Verwandlung des Blutes, das ist ihm nun RealitĂ€t geworden. Das Gedicht â€čIch hebe Dir mein Herz emporâ€ș drĂŒckt diesen inneren Prozess als eine Nachfolge des Weges, den Christus gegangen ist, aus.

Ich Hebe Dir mein Herz empor
als rechte Gralesschale,
das all sein Blut im Durst verlor
nach Deinem reinen Mahle,
o CHRIST!
O fĂŒll es neu bis an den Rand
mit Deines Blutes Rosenbrand,
dass: DEN fortan ich trage
durch ErdennĂ€cht’ und -tage,
DU bist![note] Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Gedichte. STA Bd. II, S. 225 [/note]

  1. Christian Morgenstern! Wie gerne denke ich an ihn zurĂŒck. Ja, zurĂŒck, denn: damals, vor 50 Jahren, in der Schulklasse, beim Deutschunterricht, hing mein Blick an den BĂŒcherschrank hinter des alten, gutmĂŒtigen, manchmal auch polternden Herrn Wingelaers Gestalt. Und ich entdeckte das schmale S. Fischer-BĂ€ndchen „ Christian Morgenstern Gedichte“. Der Name allein war mir ein strahlender Stern hoch am Himmel meiner Jugendzeit! Seine Gedichte – und nur „die ernste“ galten mir damals viel – waren mir die Kunde des blauen Himmels mit den ziehenden Wolken vor dem Fenster des Klassenzimmers. Ich bat mir das BĂ€ndchen beim gutmĂŒtigen Polterer aus. Er ĂŒbergab es mir, mit freundlich-spöttischen Blick, aber auch das kurzes Aufflackern in seinen Augen einer fast ausgelöschten Begeisterung fĂŒr Poesie, war mir nicht entgangen. Am nĂ€chsten Tag schenkte er mir eine Fotokopie eines Aufsatzes von Friedrich Hiebel ĂŒber Anthroposophie

    Godfried van Ommering
    NL-Odijk

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