Als die Welt langsam und schnell wurde

Es sei wie im MĂ€rchen von Dornröschen gewesen, wo alles erstarrt, selbst der Koch, der die Pfanne nach dem Hund schmeißt, so beschreibt der Sozialphilosoph Harald Welzer das Innehalten vor dem Sommer.


Was unter der OberflĂ€che an Frustration und Verzweiflung schwelte, das ist jetzt an der OberflĂ€che. Das Leben wurde langsam, der Wandel beschleunigte sich. Was der Anblick eines GemĂ€ldes oder eines TheaterstĂŒcks fĂŒr eine Betrachterin erzeugt, was eine Musik fĂŒr einen Zuhörer auslöst, nĂ€mlich innezuhalten und neu auf sich und die Welt zu schauen, das bewirkt ein Virus kollektiv.

Aus «Series Platonic Bodies», Core No. 388 to 397, Heikedine GĂŒnther, 2020, Oil on Canvas, 45x45cm.

Ob die Benachteiligung und DemĂŒtigung von Frauen oder die ausufernde MobilitĂ€t, ob die tier- und menschenverachtende Fleischindustrie oder der Ruf nach einer gerechten Arbeitswelt, die Coronapandemie gibt diesen notwendigen VerĂ€nderungen enorm Fahrt. Der Satz, dass die Kraft aus der Stille kommt, hat neue Bedeutung bekommen. NatĂŒrlich haben die Interessengruppen von Agrarlobby bis Hochfinanz nicht vergessen, was sie fĂŒr ihre Privilegien zu tun haben, und dennoch: Der FrĂŒhling und der Sommer können eine große Lern- und Lehrstunde werden. Dabei hilft, der Versuchung zu widerstehen und nun nicht das Gleiche wie vor der Pandemie, nur jetzt mit neuer Überzeugungskraft, zu tun und zu sagen, sondern die Verunsicherung, das DurchrĂŒtteln und das Erstaunen wie bei einem Kunstgenuss zuzulassen. So kollektiv der Lockdown war, so kollektiv sollte die RĂŒckschau sein.

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