Alchemie der Worte

Bis zum 14. November sind die Arbeiten von Barbara Groher im Goetheanum zu sehen – Wanderungen zwischen Schrift und Bild.


Sie schreibt, sie dichtet. Sie sucht am Wort, hinter dem Wort, zwischen den Wörtern und füllt dabei den Raum zwischen den Zeichen. Leerstellen werden entblößt, mit Farbe ergänzt und erlangen dadurch eine eigenständige Präsenz. Ein erfüllter Raum neben dem Geschriebenen enthüllt sich vor uns und wird Gegenstand der Bildbetrachtung.

Dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, kann diese in Stuttgart geborene Dichterin, ehemalige Galeristin, durchaus bestätigen. Seit zwölf Jahren malt sie, seit sie mit 68 die Brücke zwischen Literatur und bildender Kunst zu überqueren wagte. Ihre Soloausstellung ‹Wort wird Bild, bleibt Wort im Bild› im Goetheanum eröffnete sie im Oktober mit ihren lebensbejahenden 80 Jahren.

Was gibt es zwischen dem Gesagten und Nicht-Gesagten, zwischen Wort und Pause, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem? Gerade dort, wohin wir den Blick nicht richten, ist etwas zu enthüllen. Die kaligrafischen Bilder, die Schriftbilder Grohers, sind das Mittel einer erweiterten Dichtung, die in der Immanenz des Wortes lebt und über dieses hinausgeht.

Beim Betreten der Galerie vom Westtreppenhaus her empfangen uns die Musen, zehn dreiecksförmige Schriftbilder, deren untere Spitzen leicht nach außen gewölbt sind, als ob sie sich vom Träger – der Wand – loslösen wollten. Zwischen Schrift und Hintergrund gibt es keinen Farbkontrast, weiße Schrift auf weißem Japanpapier. Das Rätselhafte der Musen scheint dadurch betont zu wirken. Meistens malt die Künstlerin auf handgeschöpftem Japanpapier, in dessen faseriger Struktur der Prozess, das menschliche Tun, noch sichtbar bleibt. Mit Pinsel und Tusche schreibt sie Fragmente von Texten auf das Blatt, dann dreht sie es und schreibt weiter, wie im Kreis, und die Schrift verbindet sich am Schluss mit der aufgetragenen Farbe der Zwischenräume und Leerstellen. Es entsteht vor uns ein unerwartetes Neues. Verschlüsselung, sagt Barbara Groher, Alchemie des Wortes.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit der Hermetik, mit der Lehre des Hermes Trismegistos, dem Dreimalgroß. Unter ihren zahlreichen Publikationen findet man ‹Dreimalgroß – Hermetisch-poetisch›, ein Buch mit 83 Gedichten, dem Weisheitsgott der Ägypter gewidmet.

Die sieben Prinzipien des Hermes können in ihren ausgestellten Kunstbüchern gelesen werden. Diese Unikate warten darauf, je auf einem Podest, vom Besucher geöffnet zu werden. Der Buchdeckel zeigt einen mit Muschelgold gezeichneten Kreis auf weißer Schrift. Wie in einer Art von Spiegelung hängen links von den Podesten und den Kunstbüchern, eins unter dem anderen, sieben Schriftbilder mit dem gleichen Motiv des goldenen Kreises. Ein rhythmisierendes Gespräch ergibt sich zwischen den Werken, die – einem unsichtbaren Faden folgend – einen Gedanken aufnehmen und ihn in verschiedenen Variationen entfalten.

Das Wort bleibt nicht nur im Bild und in Schrift, es wird auch gesprochen.

Das absichtliche Verzichten auf die Verwendung von Einrahmung und Glas, das Aufhängen der Schriftbilder direkt an der Wand, vermittelt den Eindruck eines Work-in-progress, eines Nicht-Vollendeten. Wie aus einem Buch entflohene Blätter, die spielerisch mit Form und Farbe neue Gestalten annehmen, erscheinen die Werke Grohers im Raum. Eben dieses Fragmentarische, dieses Stets-im-Werden, erweckt ein lebendiges Interesse in den Betrachtenden und schafft eine Nähe zum Werk.

Das Schauen lernt man, erklärt sie. Das, was man sieht, zu durchdringen. Das Verborgene darin zu erahnen, zu lesen.

‹Sonne in der Sonne›, ‹Sonne im Mond›, ‹Sonne im Mars› lauten die Titel einiger ihrer zehn Planetenscheiben, in denen sie mit den symbolischen Farbentsprechungen zu jedem Planeten und den Metallen arbeitet und wo sie auch die permanente Beziehung der einzelnen Planeten zur Sonne andeutet. Begleitet von Textstreifen mit Gedichten entdeckt man eine Darstellung der Planetensäulen als Schriftbilder. Dem Lebensspender schrieb sie auch eine poetische Ehrerbietung, die den Namen ‹Sonnenunser› trägt.

Das Wort bleibt nicht nur im Bild und in Schrift, es wird auch gesprochen. So kann man auch die Stimme der Autorin hören, wie sie ihr Gedicht ‹Herzschlag digital› in einer Videoinstallation rezitiert.

Schon beim Poetisieren flüstert mir im Gedächtnis Rilke seine Verse wieder: «Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendlang.» Die unaufhörliche Suche, die tausendjährigen Weisheiten der Menschheit, flüstern sanft aus den Schriftbildern.

Barbara Groher und ich begrüßten uns, als der Sonnenuntergang den Himmel in Dornach färbte: «Sonnenunser, das ist es eben», sagte sie beim Abschied. Und ich ging meinen Weg weiter und wiederholte ein Fragment von ihren Versen, das ich gerade entdeckte:

«JETZT:

Ewigkeit.

Ewigzeit.

Ewiglich.

Ewigich.»


Fotos von der Ausstellung: Silvana Gabrielli

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